Kreuzberger Chronik
Dez. 2001/Jan. 2002 - Ausgabe 33

Die Geschäfte

Wanderung durch das »Ra«


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von Jürgen Jacobi

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Zur Kunst geht es meist ein paar Stufen hoch. Gewöhnlich schleppt man sich klassische Freitreppen hinauf. In den letzten Jahren immer häufiger über postmoderne Wendeltreppen oder schiefe Ebenen, an schrägen Wänden vorbei. Diese Vermählung von Architektur und Kunst führt manchmal zu Übelkeit. Verwirrung der Sinne, wie auf hoher See. Oft auch zu ratlosem Kopfkratzen. Da stehen wir doof in polierten Marmorhallen und wissen nicht so recht, ob wir uns zu den Kennern oder Banausen zählen sollen. Aber woher kennen wir die sakrale Ruhe, das ehrfürchtige Geflüster neben uns?

Ins Ra geht es keine Stufen hinauf. Vom Bürgersteig in der Gneisenaustraße führen die Stufen hinunter ins Souterrain. Im Ra braucht man sich auch nicht den Kopf zu kratzen, es geht nicht nur um die Kunst allein. Obwohl die museale, andächtige Stille auch hier unter der Gneisenaustraße herrscht. Und obwohl von alledem nichts zufällig ist. Das gesamte Ensemble aus Atmosphäre, Kunst und den überaus alltäglichen, aber nicht weniger schönen Dingen des Lebens, ist von Jana Ondrej, der Gründerin des Ladenprojektes, genau so beabsichtigt. Sie scheint damit sagen zu wollen: Kunst allein ist zu wenig zum Leben. Und deshalb ist in ihren Räumlichkeiten auch immer ein Platz für selbstgefertigte Lippenstifte, Tonwaren, Mode, Kerzen, Malerei, Fotografie, Schmuck …

Wer sich allerdings von dem magischen Wort Ra über der Eingangstür angezogen fühlt und die Stufen hinabsteigt, der wird sich ohnehin nicht damit aufhalten, die akademischen Grenzen zwischen Kunst, Kunsthandwerk oder Kitsch zu ziehen. Er sollte sich auch nicht dadurch irritieren lassen, daß es sich bei sämtlichen zur Schau gestellten Objekten ebenso um exklusive Einzelstücke handelt wie bei dem Besteck oder den Kerzen. Nicht alles, was für den Alltag geschaffen ist, muß vom Fließband kommen.

Im Ra
Jana Ondrejs Laden ist, im Gegensatz zu einem Museum, vor allem ein Raum zum Dasein und zum Wohlfühlen. Das liegt vielleicht daran, daß die erwähnten Grenzen zwischen Kunst und Kunsthandwerk hier fließend sind. Vorne in Ondrejs Reich ruhen organisch geformte Skulpturen aus Holz auf Eisenstangen. Sie bilden die plastische Ergänzung zu zwei gerahmten Bildern im Längsformat. Eines dieser Bilder zeigt die mit dem Computer erzeugten Variationen eines Fotos. Eine Frau, die uns in immer neuen Farbkombinationen entgegentritt. Wer über Männeraugen verfügt, der sieht hier das Geheimnis der Frau verborgen, und kann durchaus auch ins Grübeln kommen.

Doch ehrfürchtiges Staunen, ähnlich dem in Galerien oder Museen, kommt nicht auf. Denn rechts dieser Kunstwerke wartet ein großes, hölzernes Gestell mit verschiedenen Plattformen darauf, betrachtet zu werden. Auf ihm steht, was nicht nur zweckmäßig ist, sondern in seiner Ästhetik und handwerklichen Perfektion schlichtweg besessen werden will: kunstvolle Kerzen in kunstvollen Ständern, afrikanische Köpfe aus Ebenholz und Metall, Tonschalen mit Ornamenten und kunstvoll eingearbeiteten Schnüren. Beim Betrachten allein bleibt es nicht, spätestens beim Entdecken des Eßbestecks aus Zebuhorn kommt die Lust auf, diese glatten, kühlen und formschönen Alltagsgegenstände in die Hand zu nehmen. Sie kommen aus dem fernen Madagaskar, kein Stück gleicht dem anderen.

Der filigrane Schmuck in der Glasvitrine ist dem tastenden Zugriff allerdings entzogen. Die silberne Kreole zum Beispiel will behütet sein, und sie hat ihren Preis. Wem die Entscheidung für oder wider die verführerische Kreole zu schwer fällt, und wer über Frauenaugen, oder zumindest über eine Frau verfügt, der kann gemächlich zu den Lippenstiften weiterwandern. Lauter bunte Einzelstücke. Das versteht sich im Ra von selbst. Bei der schwierigen Frage nach der Farbe ist es vielleicht dienlich, eine kleine, stilisierte Menschenfigur in die Hand zu nehmen. Sie ist aus Holz, überraschend leicht, vor allem aber ein afrikanischer Glücksbringer. Seiner Berührung folgt möglicherweise die weise Eingebung, vor der Wahl eines Lippenstiftes erst einmal die anderen Räume zu besichtigen.

Einer dieser Räume ist ausschließlich der Malerei gewidmet und zeigt Bilder von Jana Ondrej und Werner Molter. Sie stehen in einem spannenden Dialog miteinander. Während uns die einen mit minimalen Stilmitteln hochgewachsene, afrikanische Frauen zeigen, quellen die anderen über an Farben und Formen. In einem Durchgangsraum bewachen afrikanische Holzmasken das Bild einer roten Liegenden. Oder ist es eine liegende Rote? Die Frau jedenfalls ist auf Sonnenblumen gebettet und verlockt dazu, ein paar Stufen hinab in einen weiteren, noch geheimnisvolleren Raum zu steigen.

Im Ra
Foto: Nikolaos Topp
Unter gewölbter Decke verlaufen Leitungen und Rohre. Stille herrscht, am Ende des schmalen Kellers steht ein Strohballen auf nacktem Backsteinboden. Ihm gegenüber eine Figurengruppe aus Holz. Fünf geschlechtslose Menschen sitzen im Kreis. Sie haben die Arme wie Kettenglieder ineinander verschränkt. Doch es gibt keinen Anfang und kein Ende. Wie wurden die Teile zusammengefügt? Eine Metapher für die Menschheitsgeschichte? Darüber könnte man jetzt meditieren.

Von großformatigen Fotos schauen ernste Kinderaugen. Daneben der Akt einer Schwangeren. An den Wänden zusammengefaltete Decken. Wozu? Zum Ausruhen? 12 Stufen unter dem Pflaster der hektischen Gneisenaustraße? Eigentlich sind wir ja nur aus Neugierde hereingeschneit, zufällig, auf der Suche nach ausgefallenen Weihnachtsgeschenken. Jetzt aber läßt die Neugierde nach, der Kaufwunsch rückt in die Ferne. Wir könnten einfach eine dieser Decken ausbreiten und uns ausruhen! Dem ganzen Streß des Weihnachtsrummels entgehen.

Auch das wird Jana Ondrej so gewollt haben. Schließlich sind wir nicht im Museum. Der mysteriöse Raum im Souterrain gehört zum Konzept der Künstlerin. Das Ra ist eben nicht nur Verkaufsfläche. Es ist ein Podium für die Kunst im weitesten Sinn, für Fotografen, Filmemacher, Musiker, Maler … Ein Raum, weit entfernt und jenseits des Alltags und doch mitten im Leben – zwölf Treppenstufen unter der Gneisenaustraße.

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