Kreuzberger Chronik
Dez. 2014/Jan. 2015 - Ausgabe 165

Kreuzberger
Oscar Castillo

vivos los queremos!


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Privat

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vivos los queremos!


Oscar Castillo ist kein geborener Revolutionär. Auch wenn er gerne den Kopf schüttelt und gerne Nein sagt. Aber er ist kein Held, kein Mensch für die erste Reihe. Er steht dahinter, beobachtet, bewahrt Distanz. Er ist einer, der sich gern zurückzieht.

Eigentlich wollte er Mathematiker werden. Ihn faszinierte die Stille im Raum, das leise Geräusch der Bleistiftspitzen seiner Mitschüler, die Zahlen aufs Papier schrieben, alles durchstrichen, wieder von vorne begannen. Es war eine unheimliche Spannung im Raum, wenn der Professor ein mathematisches Problem an die Tafel schrieb, und wenn dann alle nach der Lösung zu suchen begannen. Es waren immer die gleichen drei oder vier Schüler, die zuerst fertig waren. Oscar gehörte zu ihnen. »Das war ein tolles Gefühl, wenn – wie durch ein Wunder – am Ende des Rechnens und Schreibens tatsächlich ein Ergebnis auftauchte. Das ist ganz ähnlich wie bei einem Bild.« Man malt und malt, und plötzlich, ohne dass man es ahnt, ist man fertig.

Oscar Castillo sucht gerne. Er sucht nach Ergebnissen, gemeinsamen Nennern, logischen Verbindungen, Lösungswegen. Es ist eine Art Neugierde, die ihn vorantreibt. »Ich glaube, dass kein großer Unterschied ist zwischen Künstlern und Wissenschaftlern. Ein Atelier ist wie ein Labor. Man probiert etwas aus.« Nur bliebe bei vielen Künstlern diese Neugierde irgendwann auf der Strecke. Am Anfang sind sie so experimentierfreudig wie die Mathematiker oder die Chemiker und probieren die verschiedensten Techniken aus. Aber dann haben sie plötzlich Erfolg, verkaufen ein Bild, haben ihre erste Ausstellung, »und dann machen sie immer genauso weiter. Anstatt weiter zu suchen.«

Castillo gehört nicht zu jenen, die zu schnell glaubten, ihren Stil gefunden zu haben. Kürzlich hat er eine Reihe von Porträts gemacht und sie auf alte, verstaubte Teppiche gesetzt. Er nannte die Serie Intimes in Berlin. Von zwölf Bildern hat er neun verkauft. Alle Freunde rieten ihm, die Serie fortzusetzen. Aber Oscar schüttelte den Kopf, er sei nicht mehr in der richtigen Stimmung für diese Art von Porträts.

Castillo schüttelt gerne den Kopf. Auch, als eine mexikanische Diplomatin eines seiner Bilder kaufen wollte. Und sich nach dem Preis des »Geheimnisses des Fixpunktes«, eines nicht unerotischen Großformates mit einem Dreieck im Bildmittelpunkt, erkundigte. Castillo nannte den Preis, die Botschafterin aber bat über einen Mittelsmann um Rabatt. Castillo ging 5000 Euro herunter, aber auch das war der Dame zu viel. Sie versprach, sein Bild durch ganz Europa zu tragen, von Italien nach Frankreich, nach Brüssel und Amsterdam. In jeder Botschaft, in der sie arbeiten würde, sollte es hinter ihrem Schreibtisch hängen. Aber Castillo schüttelte einfach nur den Kopf. Und die Dame musste ohne das erotische Geheimnis weiterleben.

Auch als die Mitarbeiter der mexikanischen Botschaft in der Klingelhöferstraße Castillo fragten, ob er nicht Lust habe, als Kurator der Ausstellungen im Konsulat zu arbeiten, schüttelte er nur den Kopf. »Nicht für so wenig Geld. Ich habe doch nicht umsonst zehn Jahre an der Escuela Nacional de Bellas Artes studiert.« Wieder nannte Castillo seinen Preis und schlug vor, spaßeshalber eine Ausstellung zu organisieren, damit sie sich ein Bild von seiner Arbeit machen könnten. Und wenn sie damit zufrieden wären, dann sollten sie eben bezahlen.

Sie bezahlten. Zwei Jahre lang organisierte er Ausstellungen. Bis Oscar wieder einmal den Kopf schütteln musste. Das war, als in Mexiko City eine Demonstration von Studenten gewaltsam niedergeschlagen wurde. Da der Präsident gerade in Europa war, versammelten sich die Mexikaner der Stadt vor der Botschaft, die meisten von ihnen mit großen Sonnenbrillen. »Ihr braucht euch doch nicht zu verstecken! Wir sind doch hier in Deutschland.«, sagte Castillo und schüttelte den Kopf über so viel Unvernunft. Aber dann kamen die Einsatzwagen der Polizei, es gab Rangeleien und unfreundliche Auseinandersetzungen, zwei Stunden lang ließ sich keiner der Botschafter blicken. Nur zwei Angestellte traten kurz vors Haus, um Fotos von den Männern mit den Sonnenbrillen zu machen. Und von Oscar.


Die Botschaft meldete sich nie wieder bei Oscar Castillo. Seinen Job war er los. Dabei hätte er das Geld gut gebrauchen können, denn die Zeiten waren vorüber, als er auf einer Ausstellung so viele Bilder verkaufte, dass er ein Jahr lang davon leben konnte; als er es sich leisten konnte, mit ehemaligen Kommilitonen, deren Eltern nicht nur das Studium ihrer Söhne und Töchter, sondern auch deren hohe Mieten in den Berliner Szenebezirken bezahlten, einen Kunstprojektraum am Rosa-Luxemburg-Platz einzurichten. Zwei Jahre lang eröffnete Castillo mit ihnen Ausstellungen, feierte Partys, veranstaltete Konzerte und verkaufte Getränke. Sie hatten eine gute Zeit, bis das Geld aufgebraucht war und der Rosa-Luxemburg-Platz schlicht zu teuer wurde.

Castillo war nicht nach Deutschland gekommen, um zu bleiben. Er war neugierig auf fremde Länder, andere Kulturen. Es war Neugierde, die ihn antrieb. Aber eigentlich hatte er nur einen Platz zum Arbeiten gesucht, und als man ihn 1999 einlud, für ein Jahr als Gaststudent an die Kunsthochschule nach Braunschweig zu kommen, konnte er unmöglich den Kopf schütteln. Das Material, die Ateliers, sogar die Mieten wurden bezahlt. Aber dann fühlte er sich auch nach einem Jahr immer noch »ganz wohl in Deutschland. Als Fremder, der eine andere Sprache spricht, hat man einen Abstand«, die notwendige Distanz, die ein Künstler braucht. »Es ist schwer, einen Platz zu finden in der kleinen Welt der Kunst!« Es scheint, als hätte er ihn gefunden.

Also blieb er. Nicht in Braunschweig, sondern in Berlin, und richtete sich ein Atelier in Friedrichshain ein, einem Bezirk, der gerade erst in Mode gekommen war. Oft war es Mitternacht, wenn er sein Arbeitszimmer verließ und von einem Lokal zum nächsten wanderte, das Leben war anstrengend. Seit er in Kreuzberg wohnt, ist es ruhiger geworden. Die Zeiten, als die Kreuzberger Nächte lang waren, in denen man nachts vor die Tür gehen und überall Freunde treffen konnte, waren vorbei. Aber er fühlte sich noch immer »ganz wohl in Deutschland.« Zehn Jahre jetzt schon.

Heimweh hat er keines, obwohl die Verbindung nie abgebrochen ist nach Santa Maria Coyotepec, diesem Dorf der Kojoten, in dem er geboren wurde, und das sein Vater hatte verlassen müssen, weil drei Bosse im Dorf etwas gegen die Heirat des Vaters hatten. »Es ist besser«, sagte der Großvater eines Tages zu Oscars Vater, »du gehst eine Weile fort von hier.« So kamen sie nach Mexico City und brachten es mit der Zeit zu einem gewissen Wohlstand im alten Kolonialviertel: Die Kinder besuchten eine ausgewählte Schule, aus der Enzyklopädie im häuslichen Bücherregal wurde allmählich eine kleine Bibliothek, und im Sommer hatte man genug Geld gespart, um die Kinder mit dem Zug zu den Großeltern aufs Land zu schicken.

Noch immer kehrt Castillo gern zurück in das Dorf der Kojoten, die merkwürdigen Tiere streunen auch durch die Bilder, die er in Kreuzberg malt. Immer wieder mischt sich die Vergangenheit ein, auf dem spitzen Kegel des Kreuzbergs steht anstatt des Freiheitsdenkmals ein mexikanischer Revolutionär mit Sombrero. Auch seine verstorbene Großmutter, die den einzigen Laden im Dorf hatte, hat er auf den Kreuzberg gestellt. Castillo möchte Brücken schlagen zwischen hier und da. Und er möchte Erinnerungen wach halten. Hier und da.




Deshalb hat er die Großmutter auch in ihrem Heimatdorf verewigt und sie an die Wand des Ladens gemalt, diese mutige Frau, die sich nie kaufen und erniedrigen ließ von den Reichen. Ebenso wenig wie die beiden Männer, die eines Tages damit begannen, Geld zu sammeln, Bäume zu fällen und Strommasten aufzustellen. Weil die Regierung das entlegene Dörfchen nicht ans Stromnetz anschließen wollte. Auch diese Männer will er an den Lehmwänden seines Dorfes verewigen. Mit all den anderen fast schon vergessenen kleinen Helden, die den Kopf schüttelten, wenn jemand glaubte, sie kaufen zu können. Er möchte eine »visuelle Reproduktion der Geschichte« auf den Wänden des Dorfes. Er möchte die Geschichte eines leisen, erfolgreichen Widerstandes festhalten. Die Geschichte des Kopfschüttelns.

Jetzt sind in seiner Heimat auf Befehl eines Bürgermeisters 43 Studenten entführt worden. Sie hatten Nein gesagt. Die Nachricht ging um die Welt. Oscar Castillo hat ein Foto von sich gemacht und sich die Parole auf die Brust geschrieben, die seit Tagen Mexiko bewegt: ... vivos los queremos - Wir wollen sie lebend. Jetzt ist sein Bild unterwegs zu Künstlern in aller Welt. Es ist ein leiser, unscheinbarer, aber unermüdlicher Protest. •


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