Kreuzberger Chronik
Juni 2012 - Ausgabe 138

Mein liebster Feind

Elfter Brief


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von Kajo Frings

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Werte Frau Neumann, Ihrer Klage, dass im Kiez alles schlechter und schlimmer wird, stimme ich ja gelegentlich zu. Aber hin und wieder muss man sich auch die selbstkritische Frage stellen, wie weit es eigentlich mit der eigenen Toleranz gekommen ist, bzw wie viel von der viel gelobten Kreuzberger Toleranz noch geblieben ist.

Mir fiel zum Beispiel kürzlich auf, dass ich im Urlaub auf Lebensarten stoße, die ich einfach großartig finde. In Kreuzberg ärgen sie mich. Nehmen wir Madrid: Die Menschen sitzen abends draußen, sie essen und trinken in den Straßenrestaurants als seien es ihre Wohnzimmer, die Kinder spielen, zwischen den Tischen und Stühlen als sei es ihr Zuhause. Das ist alles entspannt, freundlich, südländisch. Gehe ich ins „Tomasa“, die alte „Villa Kreuzberg“, gehen mir diese herumlaufenden, Krach produzierenden, nervenden Gören sowas von aufs Gemüt. Ich habe den Eindruck, dass die dort brunchenden Eltern ihre Kinder mit dem Versprechen ködern: „wenn du dich zu Hause ordentlich benimmst, darfst du am Samstag zum Austoben mit ins Tomasa.“

Aber vielleicht stören mich die Kinder in Madrid auch nur deshalb nicht, weil sie dazu erzogen wurden, wenigstens ein bisschen Rücksicht auf andere zu nehmen. In einer spanischen Bar etwa ist es selbstverständlich, dass ich auch dann ein Trinkgeld gebe, wenn ich an der Theke nur Tapas bestelle; am Mehringdamm dagegen nervt mich dieses Trinkgeld-Schälchen bei Curry 36, das ja nichts anderes sagt als: „In diesem Laden werden wir von unserem Chef so schlecht bezahlt, dass wir zusätzlich noch betteln müssen“.

Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken: Wenn es Dir hier nicht passt, dann zieh doch nach Beyoglu! Da gibt’s immer noch verfallene Häuser. Aber auch dort wird abgerissen und neu gebaut. Das alte Istanbul wird mit der Dampframme vernichtet, und das neue sieht noch antiseptischer aus wie der „FrozenYoghurt“-Laden am Marheinekeplatz.

Andererseits: Wo kann ich denn mal eben am Marheinekeplatz dem „Jour de France“ frönen, am nächsten Tag auf der „Tempelhofer Freiheit“ am IGA-Lauf-teilnehmen, dann in der Stille eines Hinterhofgartens sitzen, den abendlichen Gesprächen meiner Mitbewohner und dem Zwitschern der Vögel lauschen; den Himmel über Berlin betrachten und dann den Tag im „Krug“, im „Kollo“ oder im „Colibri“ ausklingen lassen. Oder „bei Enzo“ Saubohnen mit Calamaretti essen? Und das alles hier vor meiner Haustür!

In der Stadt leben wie im Dorf, das ist Kiez! Und ob das Tempelhofer Feld je bebaut wird, steht ebenso in den Sternen wie der Aufstieg von Hertha und die Eröffnung des neuen Flughafens. Wenn der Herbst kommt, flieg ich eben wieder von Tegel nach Istanbul. Und sag dann eben nicht „Tschüss“ sondern „allahaismarladik“ - Das bedeutet ohnehin eh dasselbe.

Kajo Frings

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