Kreuzberger Chronik
Dez. 2012/ 2013 - Ausgabe 143

Geschichten & Geschichte

Hedwig Dohm


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von Werner von Westhafen

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Für ihre Leser ist sie eine Autorin mit Witz und Charme. Betrachtet man sie als Vorkämpferin und Dichterin, so war sie (...) fast ein Wunder: Als Mutter aber war sie ein Märchen. Es ist ganz unmöglich, ohne Tränen im Auge an sie zu denken, von ihr zu sprechen. Eine süße Zärtlichkeit, eine aufopferungsvolle Liebe, ein stetes Sinnen und Trachten, ihre Töchter glücklich zu machen, (...) erfüllte sie bis zu ihrem Tode. (...) Es ist gewiss ein seltenes, köstliches Verhältnis, das ihre vier alternden und alten Töchter bis zu ihrem Tode aufs innigste mit ihr verband.« So persönlich und poetisch äußerte sich die älteste Tochter anlässlich des Todes ihrer prominenten Mutter Hedwig Dohm am 15.5.1930 in der Vosseschen Zeitung. Als Schwiegermutter Thomas Manns hatte man der Tochter der Schriftstellerin wahrscheinlich eine freie Hand lassen können.

Die Eltern der verstorbenen Dichterin und Kämpferin, die Zeit ihres Lebens eine so liebevolle Mutter gewesen war, waren den biografischen Aufzeichnungen nach weit weniger liebevoll. Der Vater war »ein stiller, ergebener Herr. Wir wussten nichts von ihm, er wusste nichts von uns.« Die Mutter war »rasch, resolut, herrschsüchtig, aufbrausend.« Hedwig dagegen war ein »stilles, furchtsames, schüchternes« Kind. Sie »fürchtete« sich vor der Mutter, »vor ihren Gewaltausbrüchen.« In der Mitte ihres Lebens schreibt Hedwig Dohm: »Ich habe keine Freude an meinen Kindheitserinnerungen. Ich war ein leidenschaftlich unglückliches Kind (...) Ein Kind ohne Mutterliebe. Einsam unter 17 Geschwistern.«

Dabei lag ihr Elternhaus in der Friedrichstraße 235 in einer schönen Gegend am Stadtrand mit Gärten, Hasenheide und Vergnügungspark in der Nähe. Im selben Hause wohnte Adelbert von Chamisso, die Gegend war voller Literaten und Künstler. Doch nicht dieses illustre Umfeld, sondern allein die Trostlosigkeit ihrer persönlichen Kindheit, die Leiden eines jungen Mädchens, das mehr vom Leben erwartete als nur Waschen, Bügeln, Lächeln und Kinder gebären, wurden zur Triebfeder ihres Schaffens. Sowohl als Mutter, wo sie den Kindern all das angedeihen ließ, was ihr selbst gefehlt hatte, als auch als Schriftstellerin, die, in ihrer Kindheit als Mädchen »verkannt« und vernachlässigt, nun für die Rechte der Frauen kämpfte. »Menschenrechte«, schrieb sie, »haben kein Geschlecht.«

Zeitlebens protestierte sie deshalb gegen die Mädchenschulen, deren Lehrpersonal aus »guten alten Herren« bestand, die »in den Mädchenschulen das Gnadenbrot aßen. Untauglich geworden für höhere Knabenschulen schob man sie zu den weiblichen Kindern ab, die bedurften ja der Geisteskultur nicht.« Ebenso gegen das »Lehrerinnenseminar«, auf dem man »schwerlich den Bildungsstand eines Quartaners auf einem Gymnasium« erreichen konnte.

Frech, doch nicht ohne Witz und Ironie, formulierte die selbstbewusste Frau ihre Forderungen. »Denken Sie sich«, schreibt sie, »unser Friedrich Schiller (...) wäre als Friederike zur Welt gekommen. Was würde wohl Großes in der kleinen Mädchenschule zu Marbach aus der kleinen Friederike geworden sein? (...) Keine Nachwelt würde, oh Riekchen, Deinen Namen nennen. Und dennoch, so gut Raphael (nach Lessing) auch ohne Hände geboren, der größte Maler aller Zeiten gewesen wäre, ebenso gut wärest auch Du die größte Dichterin Deutschlands gewesen, wenn auch ungedruckt.«

Doch die Frauen, für die sie kämpfte, waren mit der »naturgewollten« Rolle als Mutter und Hausfrau zufrieden. Es waren eher die Männer, deren Aufmerksamkeit sie erlangte. Männer aus der Berliner Gelehrtenrepublik, die in ihrem Hause ein und aus gingen, seit Hedwig Dohm im zarten Alter von 22 Jahren ihren Hauslehrer, den jungen Ernst Dohm, geheiratet hatte, den leitenden Redakteur des frisch gegründeten Satireblattes Kladderadatsch. Im Hause des jungen Paares verkehrten neben den Mitarbeitern des Kladderadatsch wie Glasbrenner und David Kalisch auch die etablierteren Denker der Nation, unter ihnen Prominente wie Alex-ander von Humboldt, Franz Liszt, Varnhagen von Ense oder Ferdinand Lassalle, der galante Marxist und Ökonom, zu dem Hedwig Dohm ein besonders inniges Verhältnis gepflegt haben soll. Es müssen feuchtfröhliche Abende gewesen sein, der galante Denker resümierte am Ende eines Salons: »Wir waren also 13 und tranken 5 Flaschen Bordeaux, 4 Flaschen Steinberger Kabinett und 8 Flaschen Champagner, also 17 Flaschen auf 13 Personen«.

Auch sonst ging es in der Gesellschaft leidenschaftlich zu. Als der Galan sich in ein junges Mädchen verliebte und gegen den Wunsch der Familie um ihre Hand anhielt, kam es zum Duel. Drei Tage später verstarb Lassalle an den Folgen eines Bauchschusses. Auch Ernst Dohm verstarb früh. In den biographischen Notizen der Hedwig Dahm fehlt dazu jede persönliche Anmerkung. Bekannt ist lediglich, dass sie die Rente von 10.000 Mark, die der Kladderadatsch der Witwe zahlte, nicht in Sorge um die Zukunft in den Sparstrumpf stopfte, sondern das Geld dazu nutzte, um mit ihren beiden Töchtern auf Reisen zu gehen. »Ziel ist Italien«, wie Emilie Fontane zu berichten weiß. Eine Entscheidung, die auch im engeren Freundeskreis, wahrscheinlich nicht nur auf Verständnis stieß.

Somit ist neben Witz und Frechheit wohl vor allem der Mut zur Vielseitigkeit und zu ständigen Überraschungen einer ihrer sympathischsten Charakterzüge gewesen. Dieser Mut zeigt sich auch in ihrer literarischen Hinterlassenschaft, in der neben zahlreichen Aufsätzen, Essays und journalistischen Artikeln sowohl Theaterstücke, Romane und Rezensionen, als auch eine umfangreiche wissenschaftliche Arbeit über die spanische Nationalliteratur zu finden sind.

Dort, wo einst Hedwig Dohms Geburtshaus stand, erinnert heute eine Plakette an Adelbert von Chamisso, der in seinem Garten hinter dem Haus Pfeife zu rauchen pflegte (Vgl. Kreuzberger Nr. 131). Eine Gedenktafel für eine der liebevollsten und engagiertesten Vorreiterinnen der Frauenbewegung aber fehlt. •


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