Kreuzberger Chronik
März 2010 - Ausgabe 115

Essen, Trinken, Rauchen

Sas im Kirchencafe


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von Saskia Vogel

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Sie liebt Apfelkuchen. Und sie liebt bleiche Gestalten. Aber beides zusammen verursacht Übelkeit

Es war einer jener späten Nachmittage, dessen Hoffnungsschimmer zu stark war, als dass er Sas schlafen ließ. Mit rabenschwarzem Glockenmantel wehte sie die Baruther Straße entlang. Im Schnee an der Friedhofsmauer wand sich ein verletztes Vögelchen, Blut im Gefieder. Gegenüber lag die Heiligkreuz-Kirche. Sas fröstelte.

Im Kirchencafé servierte man Apfelkuchen und süßen Roibuschtee. Sas liebte Apfelkuchen. Sahne zum Kuchen gab es allerdings nicht. Das wäre zuviel verlangt beim Preis von 1,50. Mittwochs koste jedes Gedeck 1,50, weil man im Kirchencafé nicht »profitorientiert« arbeite, erklärte eine kurzhaarige Dame am Selbstbedienungs-Tresen. Außerdem arbeiteten in der Kirche sowieso die meisten ehrenamtlich. Daher die menschenfreundlichen Preise. Sas lies ihre Geldkatze offen liegen, ohne Bedenken, dass einer der Gäste im Café zugreifen würde.

Einen Espresso schlürfend verzog sich Sas in die Lese-Ecke, wo antiquarische Bücher für 75 Cent das Stück zum Verkauf auslagen. Es waren Sas‘ letzte Tage in Kreuzberg, bald schon würde sie eine Winterreise nach Transsylvanien unternehmen. Und einsam glücklich sein. Deshalb interessierte sie ein Buch im Regal ganz besonders: Bram Stokers »Dracula«, erschienen 1897, zur selben Zeit, in der die Kirche erbaut wurde. Sas tauchte tief ein in die Welt des rumänischen Grafen, der in Särgen schlief und nächtens auf Friedhöfen umherirrte. Als sie wieder aufsah, hatten alle Gäste das Café verlassen.

Im Kirchenschiff nebenan erklang ein Sopran. Sas schien es, als schliche eine buckelige Gestalt die Treppe zur Empore hoch. Kerzen flackerten in den nächtlichen Buntglasfenstern. Menschen saßen dicht gedrängt in den Bänken, den Blick starr fixiert auf eine junge Frau, die in der Apsis grausig-klare Töne sang. Da öffnete sich in der Tiefe der Gemäuer plötzlich eine Tür. Und im Takt von Sas‘ pochendem Herzen schritt Nosferatu heraus. Der kahle Knochenschädel, die leblosen Augen. Nosferatu, der Graf aus Rumänien.

Am nächsten Tag erfuhr Sas, dass an jenem Abend in der HeiligKreuz-Kirche ein Stummfilm gezeigt worden war. Dass man eine Leinwand hinter den Altar gespannt hatte, um F. W. Murnaus »Nosferatu« zu zeigen. Und dass die Sopranistin Fanny Rennert und der Silent-Voices Chor den Film mit der »Symphonie des Grauens« untermalten. Und dass der Film am 15. März 1922 in Berlin uraufgeführt wurde, auf den Tag genau 58 Jahre vor Sas‘ Geburt. Dass also alles eine rationale Erklärung hatte.

Dennoch wurde Sas mulmig bei dem Gedanken, bald selbst allein in Rumänien unterwegs zu sein. Sogar die Lust auf Apfelkuchen war ihr vergangen. •


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