Kreuzberger Chronik
März 2010 - Ausgabe 115

Briefwechsel

Kreuzberg zu verkaufen


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von Gertrud Winzer

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Sehr geehrte Kreuzberger!

Es ist löblich, dass Sie im November über den Verkauf Kreuzbergs berichteten. Doch finden ich und meine Mitbewohner(innen), dass es Ihrem Beitrag an Schärfe fehlt.

Warum lassen Sie nicht ein einziges Mal das Wort »Gentrifizierung« fallen? Scheuen Sie sich, die Dinge beim Namen zu nennen, und auszusprechen, dass die Immobilienfirmen mit ihren kaufkräftigen Kunden aus aller Welt die einheimische Bevölkerung allmählich aus ihren Häusern vertreiben.

Wenn irgendwo am anderen Ende der Welt ein paar Laubfrösche vom Fortschritt aus ihren Revieren verdrängt werden, dann geht das durch alle Medien. Wenn Bilder von Eisbären auf dahinschmelzenden Eisinseln in den Zeitungen erscheinen, dann trauert die Nation. Wenn Menschen im Krieg ihre Heimat verlieren, dann steht das später in sämtlichen Geschichtsbüchern, um unsere Kinder zu ermahnen, es besser zu machen. Aber wenn es hier, vor unserer Tür, gerade jetzt, geschieht, dann schauen alle weg!

Ich wohne seit 36 Jahren in der Adalbertstraße. Ich war eine der ersten, die aus »Westdeutschland« in dieses Viertel kamen, weil sich hier, am Rand der Mauer, eine alternative Lebensform entwickelte. Weil hier Menschen wie ich wohnten, Maler, Musiker, Fotografen, Politische. Wir haben dieses Viertel geprägt, wir haben auch dafür gesorgt, dass die Häuser, die heute so viel wert sind, überhaupt erhalten blieben. Der Senat wollte sie abreißen. Statt dankbar zu sein, schmeißt er uns raus. Denn er steckt mit den Immobilienhaien unter einer Dekke. Dem Senat ist es recht, wenn anstatt ärmlicher Künstler und politischer Chaoten nun brave Zwei-Kinder-Familien ins Viertel einziehen, die Steuern zahlen. Es ist ihm egal, wenn sich auf dem Kreuzberg ein Ameisenhaufen tummelt wie in Kitzbühel, wenn die schicken Muttis mit ihren rosafarbenen Skianzügen die türkischen Jungs anpöbeln, die seit dreißig Jahren auf Plastiksäcken den Berg runtersausen. Der Kreuzberg ist voller Spießer, die anschließend mit ihren Pudelmützen von Tommy Eigner und Bio-Fellstiefeln aus dem KDW in der Bergmannstraße sitzen und sich darüber beschweren, dass die Kellnerin zu viel Bauchnabel zeigt. Oder dass der Kaffee zu teuer ist. Wir, meine Mitbewohner(innen) und ich, können auf diese Spießer verzichten. Wir sind damals vor ihnen geflüchtet. Auf eine Insel, die hieß Kreuzberg.

Jetzt geht die Insel unter. Und wir sind die Eisbären auf der Insel. Ihr Autor hat einen schönen Namen: Unfried. Er sollte ihm Ehre machen! • Gertrud Winzer

Wir verlosen unter den Einsendern der originellsten, wichtigsten oder dümmsten Leserbriefe wieder zwei Karten für eine Vorstellung im Mehringhoftheater.


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