Kreuzberger Chronik
Februar 2009 - Ausgabe 104

Reportagen, Gespräche, Interviews

Das Geistige Zentrum


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von Saskia Vogel

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SIE SIND DIE MEISTER IHRES FACHES: SIE STIMMEN DAS KOLLEKTIVE GEMÜT KREUZBERGS SANFTER. NIRGENDS IN DER STADT SIND DIE ALTERNATIVEN HEILKRÄFTE SO KONZENTRIERT WIE IN KREUZBERG.

»OMMMMM« – wenn Winterlicht in die Dachgeschossräume ihres Studios flutet, findet Beate Cuson das »wunderbar«. Gerne spricht sie von der Einheit zwischen Körper und Seele: »Freude an der Bewegung und sinnlichen Erfahrungen – Ja!« Cuson lehrt Yoga im Studio Moveo. Wellness boomt in Kreuzberg, dem Biotop der Alternativen.

Beate Cuson entdeckte das Yoga schon in den Siebzigern, da war die indische Philosophie in Berlin noch relativ unbekannt. Heute gibt es kaum ein Café, in dem sich nicht die Flyer der Übungsleiter türmen. Meditation in der Frühstückspause, Yoga zu Mittag und Kung Fu zum Feierabend. Alles hat Kreuzberg im Programm. »Der Markt im Kiez«, so die Yogalehrerin, »ist trotzdem noch längst nicht gesättigt«. Inzwischen sind es 35 verschiedene Kurse, die Cusons zwölf Mitarbeiter pro Woche anbieten. Es ist viel Neues dazugekommen, seit die Yogalehrerin 1998 in das Backsteingebäude der ehemaligen Schultheiss-Brauerei am Tempelhofer Berg einzog. Früher holperten die lauten Fuhrwerke der Bierkutscher über den Hof. Heute schreiten Beate Cusons Schüler über das Kopfsteinpflaster sternförmig »ihrer inneren Mitte« entgegen.

Beim Yoga geht es um einen achtsamen Umgang mit sich selber. In der Kung Fu Academy ist das nicht anders. Nur dass in der zugigen Industrieetage auf der Gneisenaustraße die Schüler wie am Spieß schreien und sich Betonplatten auf dem Bauch zerschlagen lassen. Manchmal vor laufenden Fernsehkameras. Denn Academy-Besitzer Meister Bambang Tanuwikarja und seine Truppe sind gern gebuchte Showstars und haben unzählige Preise gewonnen. Stars wie Jürgen Vogel und Max Raabe haben hier trainiert, kürzlich stellte ein Academy-Schüler bei einer RTL-Wettshow einen neuen Rekord auf: Er zertrümmerte 42 Baseballschläger mit dem blanken Schienbein. Bambang selbst tritt regelmäßig
Mit Agression hat Kung Fu nichts zu tun Foto: Michael Hughes
Beate Cuson Foto: Michael Hughes
im Münchener Residenztheater auf, und 1998 lief er gemeinsam mit seinen Schülern in zehn Tagen von Berlin nach Paris – nicht, ohne auf seinem Weg zehn sensationelle Shows zu veranstalten.

Im Trainingsraum drillt ein Assistent eine Gruppe kraftstrotzender junger Männer – 40 Prozent beträgt der Frauenanteil in der Kung Fu Academy. Doch heute sind nur Männer da. Die springen in die Höhe, drehen sich im Flug und landen mit angewinkelten Beinen auf dem Boden. Die aufgewirbelte Luft vibriert vor Anstrengung, es riecht nach Schweiß. Zwischen den Trainierenden wuselt der 58-jährige Meister Bambang, ein kleiner Indonesier mit einer beachtlichen Karriere. Bereits als Kind wurde er in die Lehren des Kung Fu eingeführt, 1975 kam er nach Kreuzberg, den Kiez würde er »nicht mehr verlassen«. 1986 eröffnete er die heute älteste Kung Fu Schule Berlins.

Bambang strahlt Härte und Kraft aus, gleichzeitig aber Ruhe und Liebenswürdigkeit. Zur Begrüßung umfasst der Meister stets die Faust seines Gegenübers mit der Handfläche. »Vier Finger symbolisieren Atmung, Härte, Wille und Flexibilität – die körperlichen Voraussetzungen für einen guten Kung Fu Kämpfer. Die Finger werden um den Daumen – das Symbol des Geistes – zur kraftvollen Faust geballt. Die Handfläche symbolisiert den Frieden und die gegenseitige Akzeptanz.« Der von Bambang gelehrte chinesisch-buddhistische Siauw Lim Kung Fu soll zur Schulung des Geistes und zur Selbstverteidigung eingesetzt werden. Konfliktvermeidung und die Achtung vor dem Menschen sind dabei immer oberstes Gebot. Mit Aggression hat Kung Fu nichts zu tun, das ist Bambang sehr wichtig. Ähnlich wie beim Yoga sei es das Ziel, geistigen und körperlichen Einklang zu finden.

Doch das gelingt nur demjenigen, der regelmäßig Kung Fu oder die jahrtausende alten Yoga-Asana-Übungen praktiziert und sich in Jahrelanger Geduld übt. Wissenschaftlich ist dies längst bewiesen! Deshalb lassen immer mehr Kreuzberger hemmungslos das Qigong fließen oder nehmen die Stellung des Hundes ein: Strecken den Po in die Höhe und drücken ihre nackten Fußsohlen in die Matte. Dann stimmen sie das berühmte »Ommmmm« an.

Die Orientierung im Wellness-Dschungel fällt nicht leicht. Beate Cuson empfiehlt, beim Yoga auf die Professionalität der Lehrer zu achten. Sie selbst hat sich noch von legendären Gurus in Indien inspirieren lassen und eine lange Ausbildung hinter sich. Die Yogalehrerin, Tänzerin, Autorin und Heilpraktikerin ist auf ihrem Bildungsweg in San Francisco, New York, England und in Schottland gewesen. Von vierwöchigen Lehrgängen hält sie nichts: »Yoga braucht Zeit.« Zeit haben die Schüler • im Zen-Tempel in der Oranienstraße allemal. Der ehrenwerte buddhistische Meister Young San Seong Do lädt über der wuseligen Einkaufsstraße zur Meditation ein. Bereits tief in sich und seine Gewänder versunken sitzt der kahl geschorene Mönch im »Dharmaraum« auf seiner Matte. Seong Do lehrt als einer der wenigen in Deutschland den klassischen Koan-Zen Buddhismus der chinesisch-koreanischen Tradition. Er strahlt eine ähnliche innere Ruhe aus wie Meister Bambang, nur wirkt er strenger und weniger quirlig. »Es sind die Weltlichen, die die Zen-Praxis wirklich nötig haben. Sie haben ein materielles Leben, doch der geistige Frieden fehlt ihnen«, doziert der 65-Jährige. Und die 15 Männer und Frauen, die um ihn herum im Lotussitz harren, geben ihm Recht. Dann verfallen sie in Schweigen und sind nicht mehr ansprechbar.

Der Tempel in der Altbauwohnung ist ein Hort der Disziplin. Es darf weder gelacht noch an die »Giftschlangen« Sex und Geld gedacht werden. Und immer muss man aufrecht sitzen. Seong Dos Anhänger tragen graue Kutten und haben die Augen starr auf einen Punkt gerichtet. Die nächsten anderthalb Stunden werden sie sich nicht bewegen. Sie konzentrieren sich auf das »Gong-An«, die existentielle Frage: Wer bin ich? So diszipliniert wie ihr Meister, der jeden Tag um drei Uhr morgens aufsteht und zehn Stunden meditiert, sind die Praktizierenden noch nicht. Deshalb nehmen sie regelmäßig an den 10-tägigen »Zen-Intensiv« Meditationen teil und schweigen 240 Stunden.

Während drinnen meditiert wird, tobt auf der Straße das raue Leben. Der Kreuzberger ist laut. Er flucht und schimpft. Manchmal sind es gerade die Friedfertigen, die ihn so aufregen. Fahrradfahrer würden die lächelnden Buddhisten, die in ihren weiten Hosen gemütlich über die Kreuzung schweben und alle Zeit der Welt zu haben scheinen, am liebsten von der Erdoberfläche klingeln. Und nichts nervt Kreuzberger Kellnerinnen mehr als Frauen, die mit babyweicher Stimme einen entcoffeinierten Latte Macciatto mit Bio-Sojamilch bestellen, weil sich Aufputschmittel und Tierprodukte nicht mit Zen und Gong und Shivanada vertragen. Nichts kann so für Missmut sorgen wie »diese ewige Harmonie« der Buddhisten.

Die Kreuzberger, die auf ätherischen und esoterischen Wolken über dem einst kämpferischen Stadtteil schweben, stört das wenig. Sie feiern den ersten Mai mit Meditieren im Grünen, und auch das neue Jahr begrüßen sie ganz ohne Knallerei. Das neue Jahr beginnt für viele ohnehin erst im Februar, wenn Meister Bambang in der Werkstatt der Kulturen das chinesische Neujahrsfest ausrichtet. Die Proben für den fernöstlichen Feiertag laufen schon lange, wie ein listiger Nachbar zu berichten weiß, der aus seiner Hinterhofwohnung direkt in die Fenster der Academy schauen kann: »Jungs und Mädchen kriechen gemeinsam in lange bunte Stoffschläuche, der Vordermann setzt sich eine Löwenmaske auf und dann rotiert das Ungeheuer quer durch den Raum.« Ähnlich wie das hiesige Silvesterfest soll auch das chinesische Neujahrsfest reinigend wirken, die Drachen vertreiben böse Altlasten und das kollektive Gemüt wird sanft und klar.

Auch in Beate Cusons Studio Moveo geht es nicht allein um Körperübungen. Es geht um die Einheit von Körper und Geist. Sie ist spürbar, wenn morgens die Sonnenstrahlen auf das Holzparkett des Studios fallen, wo in der Mitte des Raumes die Meisterin sitzt. Es herrscht eine wunderbare Stille auf dem Hof, über den einst noch die lauten Fuhrwerke der Bierkutscher holperten. •


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