Kreuzberger Chronik
Dez. 2008/Jan. 2009 - Ausgabe 103

Kreuzberger
Nepomuk Ullmann

Ich habe mir manchmal eingebildet, glücklich zu sein


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von Achim Fried

Titelfoto: Michael Hughes

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Nepomuk Ullmann
»Ich habe mir manchmal eingebildet, glücklich zu sein.«



Still und klein, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, sitzt Nepomuk Ullmann in dem zu niedrigen Sessel vor der Wand des ehemaligen Fabrikgebäudes, in dem heute etwa 20.000 Bücher des Berliner Büchertisches lagern. Er hört zu. Hinter Ullmann stapeln sich die Buchrücken bis unter die hohe Decke. Der Nachwuchsdichter an dem Tisch mit der Leselampe überragt Ullmann um eine ganze Kopflänge, obwohl Ullmann auch an diesem Abend wieder seinen schwarzen Hut aufgesetzt hat. Der Hut war immer dabei, wenn der Autor Ullmann zur Literaturwerkstatt einlud. 32 Jahre lang!

Als der Vortragende endet, erhebt sich der kleine Mann, um dem jungen Mann für seinen Text zu danken. Ullmanns Stimme ist leise, sie flüstert beinahe. Er hört sich an wie Heinz Rühmann in jenen bedeutungsvollen Momenten, in denen der Schalk und Außenseiter seine Stimme senkte, um etwas ganz Wichtiges zu sagen. Wenn er sich zu einer Frau oder einem kleinen Jungen herab beugte und etwas sagte, das den Zuschauern die Tränen in die Augen trieb. Es gehörte zum Erfolgsrezept des Schauspielers, nicht laut zu werden, wenn es darauf ankam, sondern leise. Doch bei Ullmann ist die Stimme kein Rezept. Er entschuldigt sich am Ende der Veranstaltung für sie: »Ich danke euch, dass ihr diesen Abend durchgehalten habt. Ich war vorhin noch bei der Chemotherapie, und ich dachte schon, ich könnte heute überhaupt nicht kommen.«

Der Tod ist Nepomuk Ullmanns Thema, seit er zu schreiben begonnen hat. »Der Tod und die Liebe, an diesen Themen ist noch kein großer Schriftsteller vorbeigekommen«, sagt Ullmann. Und als man dem Literaten im Kreuzberger Autorenforum vor zwei Jahrzehnten vorwarf, man könne doch in seinem fortgeschrittenen Alter keine romantischen Liebesgedichte mehr schreiben, verließ er die verschworene Schriftstellerrunde und kam nie wieder. Die Liebe war und bleibt immer ein Thema.

Zudem hatte er seinen eigenen literarischen Zirkel. Schon als Ullmann in der Fürbringerstraße wohnte und noch seine Galerie besaß, trafen sich die Freunde der Literatur bei ihm. Er hatte erfolgreich erste Texte veröffentlicht, Lyrik und Prosa, Ullmann konnte leben von seinen Texten, ständig klopften Leute bei ihm an, um ihre Manuskripte von ihm begutachten zu lassen. »Damit die einen nicht immer mitten in der Arbeit störten«, lud er sie 1976 zum ersten Mal in seine Literaturwerkstatt ein.

Ullmann hatte an die literarischen Salons der Rahel Varnhagen gedacht, doch die Siebziger-und Achtzigerjahre waren anders. Als Ullmann am Chamissoplatz, dem Herz der Boheme, wohnte, bekamen die Zusammenkünfte schnell einen Charakter, der mit den ewigen Themen der Literatur, mit Liebe und Tod, kaum mehr zu vereinen war. So kam es, dass der Dichter neben seiner Literaturwerkstatt regelmäßig auch Freunde, Künstler, Philosophen, Säufer und Literaten in seine Wohnung zum Feiern einlud. Gegen ein gewisses Entgelt hatte der Dichter dann ein umfangreiches Buffet hergerichtet, Musiker aus dem Umfeld des Leierkastens engagiert, für einen literarischen Kulturbeitrag gesorgt und die Stühle zum Tanzen beiseite gerückt. Es dauerte nicht lange, da waren Nepomuks exzessive Partys, auf denen es an Saufereien und Vögeleien nicht gemangelt haben soll, und die stets mit einem Besuch des sonntäglichen Frühschoppens im Yorckschlösschen endeten, ein von Mythen umwobenes Kultereignis. Aber als die Gäste begannen, über die Höhe des Unkostenbeitrags zu maulen und Bücher aus dem Regal zu stehlen, entsagte Ullmann dem wilden Partyleben, kehrte zum literarischen Salon zurück und konzentrierte sich wieder auf das Wesentliche: die Liebe und den Tod. Bis heute sitzt Ullmann an seiner großen Triumph Matura, einer mächtigen, geräuschvollen Maschine, deren Tasten noch Muskelkraft erfordern. Mit Computertastaturen hat er sich nie anfreunden können. Vierzig Bücher hat der Unermüdliche auf der Triumph geschrieben und veröffentlicht. Seit 1961.


Auf der Vorderseite seiner Bücher stehen Worte wie »Schwarzer Flieder«, »Isolation« oder »Wo der Efeu Erde zart umarmt«. Auf der Rückseite beschreibt man Ullmanns Themen mit Worten wie »Abschied, Einsamkeit und Tod«. Der Friedhof war sein Topos, nicht nur in Ullmanns Literatur. Selbst in den lebenslustigen Siebzigerjahren, als sich die Kreuzberger Avantgarde noch im legendären Leierkasten traf, als Oskar Huth, Günter Bruno Fuchs oder Robert Wolfgang Schnell dort auftauchten, war der nahe gelegene Jerusalemer Friedhof am Mehringdamm nicht ganz bedeutungslos. Ullmann war gerade frisch geschieden, als im Leierkasten eine hübsche junge Frau auftauchte, und da es eine laue Sommernacht war und man einige Glas Wein getrunken hatte, war es nur nahe liegend, dass sich das Pärchen auf den Friedhof verirrte. Als der Dichter am nächsten Morgen die Augen aufschlug, lag er in einer Erdgrube, und das Mädchen war verschwunden. Stattdessen hörte er
Männerstimmen. Als er den Kopf aus dem frisch geschaufelten Grab steckte, sah er eine Schaufel auf sich zufliegen, die ein Friedhofsgärtner just in diesem Moment in die Grube werfen wollte, um mit der Arbeit zu beginnen. Blut überströmt schaffte man den Dichter ins Krankenhaus, und die Geschichte machte ihre Runde in Kreuzberg. Darüber kann selbst Nepomuk Ullmann heute noch lachen.
Foto: Dieter Peters

Aber so nah liegen sie bei Ullmann immer wieder beieinander, die Liebe und der Tod. Und so nah liegt auch das Leben des Nepomuk Ullmann an seiner Literatur. Sie scheinen mitunter unentwirrbar miteinander verflochten. »Ich muss zu meiner Biografie nichts dazu erfinden. Ich habe genug erlebt.« Vielleicht hört es sich deshalb manchmal so an, als erzähle ein Erzähler eine Geschichte, wenn Nepomuk Ullmann aus seinem Leben erzählt: »Ich war in die Schule gekommen, da schenkte mir meine Mutter einen Hund als Ersatz für Spielkameraden. Ich durfte nämlich keine Kinder nach Hause einladen, weil mein Vater ein Mitglied der Waffen-SS gewesen war und befürchtete, die Leute hätten reden können. Und als ich eines Tages doch einmal zwei Freunde mitbrachte, nahm meine Mutter mich bei der Hand und den Hund an die Leine, führte uns in den Wald, band mich an einen Baum und den Hund gegenüber an einen anderen Baum, und dann begann sie, mit einem Knüppel auf den Hund einzuschlagen, bis er tot war. Dann sagte sie: »Damit du lernst, zu gehorchen!« So begegnete Ullmann schon als Kind der Grausamkeit des Todes.

Nepomuk Ullmann erzählt dann weiter, wie er sich allmählich in die Welt der Bücher zurückgezogen hat, zum Einzelgänger wurde, schon mit sechzehn das Elternhaus verließ, nachts auf dem Bremer Hafen arbeitete, Rost von den Schiffen schlug und Mennige aufstrich, und tagsüber in die Schule ging. Wie er 1959 nach Algerien floh, weg, immer nur weg. Und wie er dann, endlich volljährig, bei den Nutten wohnte und diesen alten deutschen Namen ablegte, den man ihm gegeben hatte, wie er darauf bestand, dass man an dessen Stelle den Namen Nepomuk in seinen Pass eintrug. Weil er den Namen, mit dem ihn seine Mutter gerufen hatte, »nicht mehr hören konnte, ohne böse zu werden«.

Und wie er dann nach Berlin kam, 1968. Wie der junge Mann zum Militär in die Kaserne Schwanewede einrücken sollte, und wie auf dem Nebengleis ein Zug nach Hannover, mit Kurswagen nach Berlin, stand. Und wie er dann plötzlich in Berlin war und hinter dem Tresen schlief, weil es kein Zimmer mehr gab. Und wie er dann seine Frau kennen lernte. Aber was immer ihm auch im Leben an Schönem und Schrecklichem passierte: »Es war gut fürs Schreiben!«

Vielleicht klingt sie deshalb wie ein Roman, Ullmanns Lebensgeschichte. Ein guter Roman. Einer mit Sinn, mit rotem, wenn auch blutrotem Faden. Ein Roman voller Liebesgedichte und Frauen, angereichert mit efeuumrankten Geschichten vom Tod. Der Geschichte von dem Mädchen zum Beispiel, das er auf einer Kreuzberger Straße aufliest und mit nach Hause nimmt, wo er sie pflegt, bis sie stirbt. Fünf Jahre lang. Als sie im Sterben liegt, ruft er ihre Eltern an. »Ach ja, das kennen wir. Das sagt sie immer.« Wenige Tage später sind die Eltern dann doch • gekommen. Auf den Friedhof. Der Dichter las einen Text am Grab der jungen Frau und goss anschließend eine Flasche Wodka über den Sarg. Sie liebte Wodka. Die Mutter aber fand Ullmann geschmacklos und protestierte. Ullmann sah sie nicht einmal an. Er hat ihr so wenig verziehen wie der eigenen Mutter.

Ullmann kann nicht mehr verzeihen, wenn es Menschen an Liebe mangelt. Darunter hat er schon als Kind gelitten. Dann kann er böse werden. »Zynisch«, wie er es nennt. So wie damals, als sie gerade seine Scheidung feierten, und mitten in der Fete ruft die frisch Geschiedene an. Sie hätte einige Dinge vergessen, unter anderem ihr Hochzeitskleid. Ullmann versprach, es ihr zu schicken. Und ging am nächsten Morgen zu einem Beerdigungsinstitut, um einen Sarg zu kaufen. »Oh, das tut mir aber leid!«, sagte der Sargverkäufer, aber Ullmann schlug ihm auf die Schulter und erzählte, dass er nur das Kleid seiner Ex bestatten und ihr schicken wolle. »Da klopft der sich vor Freude auf die Schenkel wie ein aufgezogenes Äffchen und sagt: Na, den kriegen se doch ab Fabrik! Da kostet er die Hälfte!« Der Dichter Ullmann lässt Sarg und KIeid zustellen, aber einige Tage später kommt der Sarg wieder zurück. Leer. Eine zeitlang steht die Schreinerarbeit dann im Treppenhaus und dient als Schrank für Konserven und Bierflaschen, doch schon bald gerät der Dichter in Verruf, nekrophile Neigungen zu haben. Um den Dichter vor dem Verruf zu retten, kaufte der Malerpoet Arthur Märchen dem Kollegen das gute Stück für 300 Mark ab, um, wie der Mann mit dem schönen Namen nicht müde wurde zu erzählen, darin zu nächtigen.

So sind sie, Ullmanns Geschichten von Friedhöfen, Särgen und gestorbenen Lieben. Jetzt steht er im Hof des Berliner Büchertischs. Man verabredet, im Kaiserstein noch ein wenig über die Texte zu sprechen, die man gehört hat. Ullmann entschließt sich, mit ihnen zu gehen. Trotz der Bestrahlungen, trotz des Giftes, trotz der leisen Stimme und der Müdigkeit. Er liebt sie eben, die Literatur. Er steht im dunklen Hof, wie immer ganz in Schwarz, schlicht und schmucklos. Nur um den Hals trägt er ein Stück matt-glänzendes Messing. Es ist ein Sargnagel. Er stammt aus dem Sarg seines Freundes Karl Heinz Herwegh, den sie »Caesar« nannten. Später, wenn das Kaiserstein schließt, und wenn sie noch eine Kneipe weiterziehen sollten, wird vielleicht wieder einmal jemand nach der Bedeutung des Nagels fragen, den er da um den Hals trägt.

Und dann wird er sie vielleicht erzählen, die Geschichte von Caesar. Dass Caesar eigentlich schon Hausverbot hatte bei Nepomuk. Denn Caesar trank und stank. Doch Ullmann, in seiner väterlich-fürsorglichen Art, sagte: »Du duschst dich und ich besorge dir ein paar neue Kleider, und dann kannst du wieder kommen.« Ullmann legt Wert aufs Äußere. »Ich bin zwar Künstler, aber ich bin pünktlich, und ich habe ungern Schulden.«

Caesar lehnte ab, doch Freunde blieben sie trotzdem. So wie früher auch lud Ullmann Caesar auf sein Glas Trollinger ein, wenn sie sich in einer Kneipe trafen, bis sie in einem Anfall von Sentimentalität eines Tages verabredeten, dass derjenige, welcher zuerst sterben würde, dem anderen ein Loch im Sarg »zum Durchschlüpfen« lässt. Damit sie sich – nach so vielen Jahren guter Freundschaft – wenigstens zur letzten Ruhe wieder gemeinsam begeben können.

Als eines traurigen Tages Nepomuk Ullmann am Sarg seines Freundes stand und anlässlich der Trauerfeier eine Rede auf Caesar verlas, die alle Anwesenden tief berührte und alle Aufmerksamkeit auf den Vortagenden lenkte, zog er heimlich den Messingnagel aus dem Sarg. Und ließ somit ein kleines Loch in der hölzernen Schatulle. Für den kleinen Mann mit dem schwarzen Hut. •

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