Kreuzberger Chronik
September 2007 - Ausgabe 90

Die Reportage

Die Urbanpiraten


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von Michael Unfried

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Es war im Frühjahr dieses Jahres, als sich in einem geschützten Hinterhof der Bergmannstraße eine Gruppe aus Kneipiers, Künstlern und Lebenskünstlern an einen Tisch mit Wein, Käse und Baguette setzte und ernsthaft Pläne für eine bessere Zukunft schmiedete. Es waren keine revolutionären Gedanken, die sie umtrieben, es war nicht der gesellschaftliche Umbruch, und auch nicht der Gedanke an die Rettung von Kultur oder Natur in einem immer profitorientierteren System. Es war eher die ganz private Zukunft der kleinen Gruppe, an der man bastelte. Es war eine Art ArbeitslosenSelbsthilfegruppe, aber sie nannten sich, damit es ein bißchen spannender klang, »die Urbanpiraten«. Was die urbanen Piraten aus dem Hinterhof im Sinn hatten, war ein kleines, jedoch kulturell womöglich wertvolles Unternehmen, das allen Beteiligten einen Arbeitsplatz beschafft und einmal mehr den Mythos von der Kreuzberger Mischung aus Leben und Arbeit untermauert hätte.

Die Rede war von einem Café, einer Bühne, einem schwimmenden grünen Garten mit sprudelnden Brunnen, Palmen und Orangen. Der Ort des Geschehens sollte ein ungenutzt im Urbanhafen treibendes Schiff sein: das seit Jahren vor sich hinrostende TAU. Natürlich dachten die Piraten aus dem traditionsreichen Hausbesetzerbezirk nicht an eine freundliche Übergabe des Objektes, sondern an
Foto: Nikolaos Topp
eine feindliche Übernahme.

Doch das Kapern des Schiffes schien schwieriger zu sein als die Besetzung eines Mietshauses, bei dem zumindest die Eigentumsverhältnisse in der Regel geklärt sind. Die wirklichen Eigentümer des Theaterschiffes aber versteckten sich hinter einem dichten Nebel aus Gerüchten, seit Jahren schon stritten sich das Schiffahrtsamt, das Grünflächenamt, die Reederei Riedel, die wechselnden Eigentümer und deren Rechtsvertreter, sowie das Bezirksamt und verschiedenste Interessenten um das schwimmende Objekt. »Schon im vergangenen Jahr«, so der amtierende Bezirksbürgermeister Dr. Franz Schulz, »erfolgte die Anordnung der Senatsverwaltung« bzgl. eines Abtransportes des Schiffes. Doch nichts ist geschehen.

Heiko Bonath von der Wirtschaftsberatungsgesellschaft H.B. Taxo gesteht, daß das Schiff seine »ungeliebteste Akte ist: Weil sich seit Jahren nichts bewegt! Hier herrscht absolute Flaute!« Bonath greift zielsicher nach zwei dicken Ordnern im stattlichen Regal. Er sitzt weit weg vom Urbanhafen am Rosenthaler Platz, doch an den Wänden seines Hinterhofbüros in einem Haus, das ebenso altersschwach zu sein scheint wie das gestrandete Theater, hängen Fotografien von Schiffen und akkurat gebundene Seemannsknoten hinter Glas. Bonath hat ein Faible für die Unberechenbarkeit der See. Er sagt: »Das ist ein Trauerspiel: all diese vielen vergeblichen Versuche, das Schiff irgendwie weiterzufahren!«

Bonath möchte den Abtransport verhindern, den Kutter »wieder flott kriegen«. Das ist sein erklärtes Ziel, seit er in die Rolle des Insolvenzverwalters der Theaterschiff GmbH geschlüpft ist. Also seit Murat Celikel, Theaterintendant und Schiffseigner, im Jahr 2000 endgültig vom Kurs abkam und in Konkurs geriet. »Celikel«, sagt Bonath und lächelt, »war eben ein idealistischer Künstler, und kein Geschäftsmann!« Inzwischen ist Bonath der offiziell vom Bezirksamt ernannte Treuhänder in der Angelegenheit und steht sozusagen auf der anderen Seite. Er vertritt jetzt die Interessen der Friedrich Preuß Getränke GmbH, bei der Celikel noch einige Rechnungen offen hat. Doch trotz der äußerst unterschiedlichen Auftraggeber verfolgt Bonath noch immer das gleiche Ziel: Er möchte sein Schiff »wieder auf Kurs bringen«. Dann wäre allen geholfen, dem Theatermacher, der Brauerei, und auch den Ämtern, denen die Entsorgung Kopfzerbrechen bereitet. Im Grunde könnte Bonath das Problem auch verkaufen. Zum Schrottpreis. Doch er weiß, daß die Schrotthändler nicht genug zahlen würden, um die Gläubiger, und erst recht nicht Celikel, zufriedenzustellen. Deshalb suchte er stets nach anderen Käufern oder Pächtern. Und tatsächlich fanden sich immer wieder Interessenten für das Schiff. Doch sämtliche Anträge etwaiger Interessenten für eine Nutzung des Schiffes als Restaurant und Veranstaltungsort, aber auch »ernstzunehmende Jugend und Kulturprojekte, die konzeptionell ausgearbeitet und finanziell abgesichert waren«, wurden vom Bezirksamt strikt abgelehnt.

Verantwortlich für den Nutzungsstop macht Bonath vor allem einen Mann namens Schädel. Er ist der langjährige Leiter des Grünflächenamtes von Kreuzberg, »ein Schädel, an dem so leicht keiner vorbeikommt.« Und der hatte von Anfang an etwas gegen das Künstlerschiff. Herr Bonath sucht in seinen Akten, bis er die Stelle endlich gefunden hat, aus der hervorgeht, worum es dem Herrscher über die Kreuzberger Grünflächen ging. Es ist »die freie Sicht auf das Ensemble«. Allerdings ist aus den Akten nicht erkenntlich, welches Ensemble hier gemeint ist. Die Frage, ob es sich um die Sicht vom Urbankrankenhaus aufs gegenüberliegende Ufer mit dem hübschen, wenn auch durchs Wasserstraßenamt stark gefährdeten Baumbestand handelt, oder den Blick auf das architektonische Juwel des Krankenhauses, bleibt offen. Klar ist nur: Das Schiff war im Weg. Doch handelt es sich hierbei nicht um eine Laune des Grünflächenchefs. Tatsächlich gibt es eine verbindliche Gestaltungsrichtlinie aus den 90er Jahren, die vorsieht, daß die sanfte Uferböschung zwischen dem Restaurantschiff Van Loon und der Reederei Riedel eine Liegewiese bleibt. Das ist sie auch geblieben, denn das Theaterschiff hat die Wiese nicht betreten, und die in der Sonne Dösenden störte das Schiff auf dem Wasser nicht. »Es störte wahrscheinlich nur das Grünflächenamt«. Genaugenommen stört auch die Reederei Riedel mit ihren zwei Anlegeplätzen den Blick aufs Ensemble.

Doch Riedel fährt Steuern ein. Und Riedel fährt zumindest vorläufig im gleichen Fahrwasser wie das Grünflächenamt und ist dem endgültigen Untergang des Theaterschiffes nicht abgeneigt. Seit langem schon liebäugelt das kanalaktive Touristikunternehmen mit der weithin sichtbaren Anlegestelle an der Wiese vor dem Urbankrankenhaus, doch immer vergebens. Das Theaterschiff muß dem Reeder ein Dorn im Auge gewesen sein. Gelassen in der ganzen Angelegenheit bleibt lediglich das Schifffahrts und Wasserstraßenamt, das dem Bund verpflichtet ist und mit dem Bezirk nichts zu schaffen hat. Ginge es nach ihm, könnte das im Hafen treibende Streitobjekt dort liegen bleiben, bis der Kanal dank des Klimawandels endgültig ausgetrocknet ist. Vorausgesetzt, die Liegegebühren werden bezahlt. Die Chancen für das Schiffahrtsamt stehen nicht schlecht, auch wenn das Grünflächenamt drängt, das TAU nun endgültig zu entfernen. Denn so einfach, wie sich der 1960 von der VEB-Schiffswerft Fürstenberg vom Stapel gelaufene Kahn einst in den Hafen schleppen ließ, so leicht kommt er nicht mehr hinaus.

Bizarre Gerüchte von einer meterdicken Zementschicht, die man zur Stabilisierung der schwankenden Theaterbühne auf dem Grund des Bootes aufgebracht habe, machten ebenso die Runde wie das eines großen Lecks. Tatsächlich neigt das Wrack deutlich zur Schräglage und ist wahrscheinlich schwimmunfähig. All das sind Gerüchte. Sicher ist dagegen, daß der mephistophile Theatermacher dem Schiff einen stattlichen Aufbau verpaßt hat, der nun unter keiner der Brücken mehr hindurchpaßt. Schon damals ahnte die Bauaufsicht das Unheil, doch war der Bau nicht mehr zu stoppen. Nun bleibt, um das Schiff aus dem Landschaftsbild zu streichen, im Grunde nur das Versenken durch ein gezieltes Bombardement, oder das mühselige Auseinanderschneiden der eisernen Karosse. Die Kosten für den finalen Eingriff würden den Wert des alten Eisens wahrscheinlich um einiges übersteigen, weshalb die Vision vom freien Blick aufs Ensemble am Ende den Steuerzahler einiges kosten könnte. Die eigentlichen Verlierer beim Streit ums Schiff aber sind jene, die es vor dem Untergang hätten retten können.

Unverständlich bleibt dem Treuhänder Bonath, warum seit über sieben Jahren unter Berufung auf ein 15 Jahre altes Konzept jeder Vorschlag einer eventuellen Nutzung oder Restaurierung so hartnäckig abgelehnt wurde. Bonath vermutet darin keinen Zufall, sondern Taktik. »Ich denke mir, wenn denen etwas im Weg ist, dann lassen sie es so lange liegen, bis es rostig und häßlich ist und sich widerstandslos abtransportieren läßt.« Ähnlich macht es die Baywobau mit den denkmalgeschützten Gebäuden der Schultheissbrauerei am Kreuz berg, und ähnlich geht die Deutsche Bahn bei den denkmalgeschützten Yorckbrücken vor. Die fahrlässige Zerstörung von Kultur ist unter Unternehmern zum Prinzip geworden.

Die Urbanpiraten haben das Spiel noch rechtzeitig durchschaut und das dem Untergang geweihte Schiff gar nicht erst geentert. Ihre Vision von einem schwimmenden Garten mit blühenden Orangen und Palmen, von einem solarbetriebenen Springbrunnen in der Mitte eines kleinen Restaurants, von einer hell beleuchteten, auf dem Wasser des Kanals schwimmenden Bühne vor der sanft ansteigenden Kulisse der Uferböschung, das alles ist Vision geblieben. Nicht mehr als eine Vision ist auch ein Film, den die Credo-Film GmbH in Zusammenarbeit mit Arte und dem WDR im Sommer 2006 auf dem Schiff drehte. Die Miete, die das Filmteam während vier schöner Sommerwochen für die Dreharbeiten auf dem alten DDRKahn zahlte, ist womöglich die letzte Einnahme für den Treuhänder Bonath gewesen. »Was am Ende zählt« ist eine Komödie, eine Glosse und ein Produkt der Phantasie. Doch ist der Film, sei es nun Zufall oder nicht, der Wahrheit dicht auf der Spur. Er erzählt von einigen jungen Menschen, die von einem anderen Leben träumen und ein altes Schiff mieten. Sie wollen es zu einem Restaurant und einem Theater umbauen, sind voller Ideen. Aber was am Ende bleibt, ist nicht viel: Das Ordnungsamt veranlaßt eine Rumpfwandprüfung und kommt zu dem Ergebnis, daß das Schiff nicht fahrtüchtig ist. Weshalb die Genehmigung zur Einrichtung eines Cafés verweigert wird.

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