Kreuzberger Chronik
Februar 2005 - Ausgabe 64

Strassen, Häuser, Höfe

Kreuzberger Ärzte (4):
Die Wilmsstraße



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von Werner von Westhafen

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Mit Robert Wilms endet unsere kleine Kreuzberger Arztserie. Die Liste der weißbekittelten Götter, die einigen Kreuzberger Straßen ihre Namen liehen, begann mit Albrecht von Graefe, dem selbstlosen Heiler, »ebenso genial wie fleißig«, und mit Johann Friedrich Dieffenbach, der während des Operierens ein »erhebendes Gefühl« verspürte, Ohren und Hoden aufs akkurateste wieder zusammenflickte, und seitdem als Begründer der Schönheitschirurgie gilt. Alfred Döblin wurde nicht vergessen, der weniger als Arzt, sondern eher als Literat so etwas wie Unsterblichkeit erlangte, und auch Werner Körte nicht, ein vom Ehrgeiz getriebener Patriot, der von seinem berühmten Patenonkel Rudolf Virchow in den Direktorensitz des Krankenhauses am Urban gehievt wurde. Schließlich erinnerten wir an Albert Fraenkel, der neben Körte ein halbes Jahrhundert das Haus am Urban regierte, jedoch nie aus dessen Schatten und dem eines anderen Mediziners namens Fraenkel treten konnte. Nur noch das Fraenkelufer erinnert an ihn.

Auch Robert Wilms ist fast in Vergessenheit geraten. Notizen vom Leben und vom Wirken des Chefchirurgen Wilms, bei dem der große Körte einst das Handwerk lernte, sind ebenso selten wie die über den Kollegen Fraenkel. Wilms findet meist nur marginale Erwähnung in den vielveröffentlichten Vitae seiner berühmten Kollegen. Immerhin erinnerte man sich 1956 des Mannes und rekonstruierte die im Krieg zerstörte Büste des Chirurgen neben dem Eingangsportal des heutigen Künstlerhauses Bethanien.

Die Ehre, die Wilms erwiesen wurde, gründete sich jedoch weniger auf seine handwerklichen Fähigkeiten. Zwar verstand es auch der Chirurg Wilms, mit dem Messer umzugehen, und die Studenten standen Schlange, um dem Meister über die Schulter zu schauen. Doch Robert F. Wilms machte sich vor allem als couragierter Reformer verdient. Ohne ihn hätte das Sterben in der Diakonissen-Anstalt Bethanien so schnell kein Ende gefunden.

Glück brachte das Bethanien dem jungen Arzt dennoch keines. Als der Vierundzwanzigjährige nach Studienreisen nach Frankreich, England, Prag und Wien 1848 als unbezahlter Assistenzarzt ans Krankenhaus der Diakonissen-Anstalt Bethanien kam, lag noch Pulverdampf in der Luft. Ausgerechnet vor den Toren des Krankenhauses wurde die Revolution ausgetragen, und der extrem konservative Anstaltspfarrer Ferdinand Schultz, zuvor ein kriegerischer Divisionspfarrer, weigerte sich zunächst hartnäckig, die Verletzten zu behandeln. Als von den 48 eingelieferten Kämpfern 11 am Wundfieber verstarben und draußen in der Stadt das Gerücht aufkam, man habe sie im christlichen Krankenhaus absichtlich sterben lassen, müssen in Wilms die ersten Zweifel aufgekommen sein, ob das christliche Krankenhaus der rechte Ort für ihn sei.


Robert Wilms
Foto: Dieter Peters
Doch auch später, als Wilms bereits ordinierender Arzt war und ein festes Gehalt bekam, wagte er es ebensowenig wie seine Kollegen oder auch der Chefarzt Dr. Bartels, »sich offen mit Schultz anzulegen« der der geheime Alleinherrscher des Hauses war. Fontane beschrieb den Tyrannen als »herrschsüchtig, ehrgeizig und von der Anschauung durchdrungen, man könne die Welt mit Bibelkapiteln« regieren.

Bald stand das Krankenhaus in dem Ruf, sich weniger um die Heilung von Kranken als um die religiöse Züchtigung der Kundschaft zu kümmern. Wer es sich leisten konnte, ließ sich zuhause oder in der Charité; behandeln, viele der Betten im Bethanien standen leer. Vor allem die zunehmenden Fälle von »Hospitalbrand«, Wundinfektionen und Blutvergiftungen schädigten den Ruf der Heilanstalt. Verantwortlich für die Seuchen im Krankenhaus waren die katastrophalen hygienischen Bedingungen, noch immer reinigte man die Anstalt mit den Wassern aus dem stinkenden Luisenstädtischen Kanal. Vergeblich versuchte Wilms, auf die ungenügende Hygiene im Haus aufmerksam zu machen, und als immer mehr erfolgreich operierte Patienten an den gefürchteten Infektionen starben, schlug der Doktor in seiner Verzweiflung sein Lager im Garten auf und operierte fortan in einem gut durchlüfteten Militärzelt im Freien.

Die eigenwilligen Aktionen des Arztes, sowie die Erfolge in seiner großen Privatpraxis außerhalb des Krankenhauses hatten ihm bald ein gewisses Ansehen verschafft. 1866 berief man ihn in die Kommission für die Reform des »Militärmedicinalwesens« und als Examinator in die Oberstabsarztprüfungskommission. Währenddessen starben seine Patienten im Bethanien weiter, im Jahr 1869 stieg die Zahl der am Wundbrand Verstorbenen sogar noch einmal sprunghaft an. Ein Großteil von Wilms’ Patienten »verfaulte bei lebendigem Leibe«. König Wilhelm I., der die Diakonissen-Anstalt finanziell unterstützte, stellte die Verantwortlichen zur Rede, doch deren Antworten fielen zum Teil recht knapp aus. Die Oberin machte kurzerhand die Ausdünstungen des stinkenden Kanals für die Seuchen verantwortlich und verlangte dessen Verlegung, während Chefarzt Dr. Bartels auf die Idee kam, die Benutzung des Kanalwassers zum Reinigen der Krankensäle zu untersagen. Lediglich der 2. Chefarzt Dr. Wilms verfaßte eine umfassende Klageschrift: Auf einer Länge von fünfzig Seiten beschwerte er sich über »die infizierte Leinwand der Operationszelte, die zu dichte Bepflanzung der Gärten, ungenügende Ventilation in den Krankenzimmern«, Gartendüngung, mangelnde Sauberkeit der Diakonissenkleidung, den sorglosen Umgang mit Küchenabfällen und dem Kanalwasser, das Fehlen einer Isolierbaracke, die Infizierung des Erdbodens im Hof durch Senkgruben und das schlechte Brunnenwasser. Die Auflistung gipfelte in dem Satz, »daß die ungünstige Salubrität des Hauses vorzugsweise in den Verhältnissen des Hauses selbst zu suchen sei«. Und ohne in seinem Schreiben den Namen des Hauptübeltäters zu erwähnen, der jeglicher Veränderung des Status quo ablehnend gegenüberstand, hatte Wilms gleichzeitig eine Anklageschrift gegen den Anstaltspfarrer Schultz verfaßt.Schultz wehrte sich energisch gegen die Vorwürfe, die bald von allen Seiten auf ihn zukamen. Die Anregungen des 2. Chefarztes zur Verbesserung der Hygiene wurden in die Tat umgesetzt, die Brunnen zugeschüttet, die Toiletten verlegt, das Haus ans öffentliche Wasserwerk angeschlossen, die Stationen renoviert und ein Pasteurscher Desinfektionsapparat gekauft. Pastor Schultz wurde strafversetzt, und die Börsenzeitung schrieb: »Der fromme Zauber hat ein Ende.«Dr. Wilms jedoch brachte das Bethanien-Krankenhaus auch dann noch kein Glück. Zwar hatte er entscheidende Reformen auf den Weg gebracht, doch im Jahr 1880 starb er – knapp 56jährig – an den Folgen einer Infektion, die er sich bei einer der Operationen zugezogen hatte.

Literatur: Hasso Spode in »Geschichtslandschaft Berlin«, Nicolai-Verlag

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