Kreuzberger Chronik
September 2004 - Ausgabe 60

Die Reportage

Das SchwuZ, ein erfolgreiches Konzept


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von Sonja John

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Eine lange Schlange gutaussehender, junger Männer bewegt sich den Mehringdamm entlang zum Café Sundström. Die Treppe hinunter empfängt sie schallende Musik. Schwitzende Körper tanzen in dichtem Nebel. Lachende Gesichter flirten in dichtem Gedränge, erfrischen sich an den Bars. Bis in die Morgenstunden wird gefeiert, ausgelassen und ungezwungen.

Wer hätte vor 27 Jahren gedacht, daß aus der schwulen Party Männerfang eine feste Institution der Berliner Clublandschaft wird? Heute ist das SchwuZ eine der wenigen Diskos, denen es besser geht. 2003 schloß der Club das erfolgreichste Geschäftsjahr in seiner Geschichte ab. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Anzahl der Gäste um sieben, und der Umsatz um satte neun Prozent. Allein an den Wochenenden kamen 44.300 Besucher, das sind 2.600 mehr als im Vorjahr.

Für den Stammgast Daniel ist das Erfolgsrezept klar. »Das SchwuZ ist der offenste und angenehmste Laden in der ganzen Stadt.« Seine 50jährige Tante amüsiert sich dort genauso wie seine lesbische Schwester oder seine heterosexuellen Cousins. »In anderen Homoläden werden andere komisch angesehen oder erst gar nicht reingelassen, aber hier ist jeder willkommen, der damit einverstanden ist, daß das SchwuZ in erster Linie ein schwules Kommunikationszentrum ist.«

Die Anfänge reichen in das Jahr 1977 zurück, als dieses aus der Homosexuellen Aktion West-Berlin heraus gegründet wurde. Neben den vorrangig politischen Veranstaltungen etablierte sich bald samstags die schwule Party namens »Männerfang«. Seither hat sich viel getan, doch viele verbinden den Veranstaltungsort heute noch mit seinem alten Image: ein alternativer Ökoladen, in dem nur Tunten rumlaufen, die Abba hoch- und runterspielen. Neben dem viel heterogener gewordenen Publikum kommen zwar auch heute noch die Tunten, aber zahlenmäßig längst nicht mehr so viele wie früher. Doch auch qualitativ hat sich das Tuntenpublikum verändert. Dekochefin Babsi kennt sich da aus: »Früher war das SchwuZ von Tunten dominiert. Richtige Tunten sind ein Bürgerschreck in Frauenkleidern, sie wollen zwischen den Geschlechtern liegen. Heute ist das eine aussterbende Art. Die neuen sind keine Tunten, sondern Queens. Die Drag Queens wollen perfekt weiblich sein und würden ihre Sachen niemals im Second-Hand-Laden kaufen.« In den 80ern und 90ern hatte die gesamte Belegschaft weibliche Rufnamen. Heute ist Babsi die einzige, die noch mit ihrem Frauennamen angeredet wird. Selbst die letzte Uschi nennt sich wieder Ingo. Und Gertrud heißt nun Heiner.

SchwuZ
Foto: Daniel M. Schmude
Trotz aller Veränderungen gilt noch immer die alte Tradition: Eintritt frei für Männer in Fummel. Das ist nicht nur eine politische Solidarität. Tunten sind auf offener Straße noch immer Repressalien ausgesetzt und die primäre Zielscheibe homophober Gewalt. Babsi hat selber demütigende Situationen durchgemacht und besteht auf der Ehrerweisung an jene, die den Mut haben, sich auf der Straße zu zeigen.

Babsi hat eine klassische SchwuZ-Karriere hinter sich. Sie kam in den 80ern als Gast, in den alten Zeiten, als am Abend niemand wußte, wer hinterm Tresen stehen wird. Wenn jemand nicht zur Arbeit erschien, half sie aus. Kurz drauf legte sie Platten auf und ist heute als DJ Cul de Paris bekannt, die regelmäßig bei Basement, Bootylicious und Candy Club zu hören ist. Die Partys sind ihre eigenen. Sie entwarf das Konzept, den Namen und ist für die Inhalte zuständig. Bei der praktischen Umsetzung ihrer Partyideen kann sie sich auf die – mittlerweile eingeführte – Arbeitsteilung verlassen: die Dekoabteilung, Technik und Öffentlichkeitsarbeit.

Ihre Lieblingsspielwiese ist der Candy Club. An diesen Tagen ist Babsi 20 Stunden vor Ort: sie kommt mittags um zwölf Uhr zur Vorbereitung, legt die Nacht über Musik auf und geht erst um acht Uhr morgens wieder nach Hause. Jeden Monat setzt sie ein anderes Motto um; im Flyer, Licht, Dia und vor allem in der »lebenden Deko«. Einmal lautete zum Beispiel das Motto »Zoo«. Da liefen zwei Leute die ganze Nacht im Leopardenkostüm über die Party, einer im Vorder- und einer im Rückteil. Die »Animateusen« mag Babsi besonders, ihre Moderationen, kleinen Shows und Performances, mit denen sie die Gäste entzücken.

Der Candy Club ist nur eine von vielen Partys, die regelmäßig stattfinden. Den Erfolg des vergangenen Jahres führt Geschäftsführer Stephan auf das ausdifferenzierte Partyangebot zurück. Früher gab es ein Einheitsangebot für die Wochenenden. Doch zu der Zeit, als die Cockerparty, Propaganda und andere große Events um die Gäste konkurrierten, kamen rund 200 je Abend weniger. Also überlegte sich die Geschäftsleitung gemeinsam mit der Belegschaft ein neues Konzept. Heraus kam ein sehr ausdifferenziertes Angebot: Jeder Freitag hat eine eigene Identität, die getrennt promotet wird. Basement ist die einzige Party, die kein Motto hat, das ist das massentaugliche Samstagabendangebot. Die Rocknacht Subworxx zieht ein anderes Publikum an, als zur hip-hoppigen Bootylicous-Party kommt. Und nicht jede Lesbe, die bei Subterra aufkreuzt, mag auch die legendäre Madonnamania, zu der anscheinend jeder gerne geht. An den Madonna-Abenden wird die Schallmauer durchbrochen. Und die Steinchen fallen dann dem Gastrologistiker Georg vor die Füße: »Wenn jemand am frühen Abend in der Kühltruhe an das Weizen muß, hat er ein Problem. Ich brauche definitiv eine Kühlzellenerweiterung.«

Georg ist schon lange hier. Sehr lange. Und sehr oft. »Wenn meine Freunde mich sehen wollen, müssen sie herkommen.« Angefangen an der Garderobe, dem ersten bezahlten Job im Club, erklomm er die Karriereleiter über mehrere Stationen zum »Mädchen für alles«. Da es diese Berufsbezeichnung nicht gibt, ist er formal der Gastrologistiker – eine Bezeichnung, die es genausowenig gibt, die aber offizieller klingt. Er ist für die Bars zuständig, sorgt dafür, daß die Barkräfte einen blitzblanken, kompletten Tresen vorfinden und Regale, gefüllt mit sauberen Gläsern. Über die Nacht organisiert er die Springer, die die leeren Flaschen und Gläser einsammeln und sorgt für Nachschub an den Tresen. Dabei achtet er auf alles, von den Ananasstücken bis zum Salzstreuer, und ist dabei äußerst gewissenhaft. »Meine Pingeligkeit mag ja vielen auf den Geist gehen, aber meine Neurosen haben eben auch ihre Vorteile: Wir haben hier jetzt einen hohen Gastrostandard.«

Im vergangenen Jahr hat Georg mit einem großen Aufwand noch die Safer Sex Party organisiert: von gemieteten Handtüchern über ein üppiges Büffet bis hin zum Teppich, der extra für den Abend ausgelegt wurde. Doch Ostern 2003 stellte Georg die Party ein. »Ich wollte nicht, daß es sich totläuft.« Zum Schluß kamen an die sechzig Prozent Touristen und kaum Neuzugänge. Wenn er aus sexuellen Gründen hinging, empfand Georg die Nächte oft als enttäuschend: »Die Hälfte hast Du schon durch, die andere Hälfte willst du nicht.« Zudem gibt es mittlerweile Unmengen an Safer-Sex-Partys. Das war 1989 noch nicht der Fall.

Die einzige Fremdveranstaltung, die regelmäßig stattfindet, ist die Lesbenparty Subterra. Seitdem die MegaDykes sie zum ersten Mal im SchwuZ aufzogen, hat sich die Schwellenangst der Lesben auch vor anderen SchwuZ-Partys abgebaut. Anfangs gab es über die Lesbenparty im Verein Diskussionen, schließlich handelte es sich ja eigentlich um einen Schwulentreff. Das Argument, Subterra in den eigenen Räumen zu haben, war zum einen ein wirtschaftliches, da es noch unbelegte Freitage gab, und die MegaDykes in den 90ern sehr erfolgreiche Partys veranstaltet haben. Zum anderen traf man den Zeitgeist, wenn man sich unter die zunehmende Anzahl gemischter Veranstaltungsorte einreihte.

Diese Entwicklung brachte Kathleen ins SchwuZ. Die Berlinerin ist die einzige feste Frau an der Bar. Sie kam mit der ersten Subterra-Party im September 1999 und schenkte zunächst nur dort aus. Mittlerweile kommt sie jedes Wochenende, also auch an den schwulen Abenden. Obwohl sie die Nächte durchackert, um ihr Studium zu finanzieren, macht ihr die Arbeit Spaß. Sie schätzt die entspannte Atmosphäre im Club. Zwischendurch tankt sie auf der Tanzfläche neue Energie. Der Weg zum Tanzen ist vom Expresstresen aus am kürzesten, der steht direkt an der DJ-Box. Aber Kathleen gehört neben Mathias und Yan zu den drei Cocktailmixern. Daher ist sie meistens in der Boston Lounge. Darüber, wer von den dreien die besten Cocktails mixt, scheiden sich die Geister. Aber in einem sind sich die Jungs einig: »Kathleen sieht am besten aus.«

Der Frauenanteil steigt nicht nur beim Publikum und dem Tresenpersonal, sondern auch unter den Azubis, die zu Veranstaltungstechnikerinnen und -kaufmännern ausgebildet werden. Lisa war die erste Auszubildende. Doch das ist noch nicht alles an Premieren. Zudem ist Lisa die erste Frau im festen Team, die erste Lesbe und die absolut erste, die zufällig zum Arbeiten kam. »Ich wußte gar nicht, daß es das SchwuZ gibt.« Sie sei eben keine Szenegängerin und habe mit 15 den Fehler gemacht, als erstes in die Busche zu gehen. »Voll abgeschreckt« hat sie sich gesagt: »Na, wenn das Lesbischsein heißt, dann bleibe ich eben alleine.« Vom SchwuZ erfuhr sie über ihren Berufsbildungsträger, bei dem sie die Ausbildung als Fachkraft für Veranstaltungstechnik machte.

Lisa
Lisa ... Foto: Daniel M. Schmude

Heute muß sie über die Worte lachen, mit denen sie anfangs begrüßt wurde: »Einmal SchwuZ – immer SchwuZ.« Obwohl sie ihre Ausbildung im Juni 2003 abschloß, kommt sie immer noch. Nun arbeitet sie nachts als Springer. »Einmal wollte mich ein schwuler Engländer mitnehmen. Der dachte, ich sei ein Typ. Und ich bin ja nun wirklich kein Schneewittchen ohne Tittchen.«

Die Technik ist ein Teil der Vergnügungsindustrie, den die meisten Besucher nicht wahrnehmen. Tagsüber herrscht im Keller viel Gewusel. Alles wird für den Abend vorbereitet: von der Soundanlage, den Lautsprechern und den Verstärkern über die Lichttechnik bis hin zur Verlegung von Steckdosen. Und natürlich wird geprüft, ob die Notausgangsleuchten funktionieren, sonst hat die Bauaufsicht was zu meckern. Mit privaten Kellerparties haben die Veranstaltungen des Clubs nichts zu tun. Alles ist in professioneller Hand.

Sogar das Arbeitsklima. Geschäftsführer Stephan pflegt die Harmonie unter seinen Mitarbeitern – mittlerweile acht Festangestellte und 31 Abendkräfte – mittels wöchentlicher Sitzungen und Betriebsausflüge. Wenn es Unstimmigkeiten gibt, anberaumt er sogar »Klimakonferenzen« mit externen Mediatoren. Das SchwuZ bestätigt die Y-Managementtheorie. Nach ihr wirkt sich ein ausgewogenes Arbeitsklima positiv auf die Gewinnentwicklung des Betriebes aus. Wenn nur mein Chef das wüßte! <br>

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