Kreuzberger Chronik
Mai 2004 - Ausgabe 57

Die Literatur

Schwarzfahrer


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von Michael-André Werner

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Mein Ziel war der GÖRLITZER BAHNHOF (eigentlich der Bahnhof GÖRLITZER BAHNHOF, denn den Görlitzer Bahnhof selbst gibt es ja nicht mehr), wo ich, wenn doch nicht den ganzen Tag, so wenigstens den frühen Berufsverkehr nutzen wollte. Hier hingen sowieso immer irgendwelche Bettler und Punker herum, man mußte nicht auf dem Boden sitzen, sondern konnte es sich auf der Treppe bequem machen, eine Imbißbude war nur ein paar Schritte entfernt, so daß ich mich mit Kaffee versorgen konnte und – das war der Clou überhaupt – ich saß auf der Straße. Das war zwar – besonders morgens – ein wenig kühl, hatte aber einen entscheidenden Vorteil: Keine Männer in Blau. Keine Fahrscheinkontrollen. Keine Schikanierereien. Und überhaupt schien dieser Bahnhof von der U-Bahn-Administration ziemlich vergessen worden zu sein. Immerhin hielten die Züge hier noch.

Der Vormittag verlief unvergleichbar ruhig bis auf zwei Becher Kaffee und einen kleinen Türkenjungen, der mich mit einem wilden Gemisch seiner beiden Mutterhalbsprachen vollquatschte, woraus ich entnehmen konnte, daß er nicht zur Schule wollte, weil er eine Klassenarbeit zu schreiben hätte. Oder daß er nicht zu seiner Arbeit wollte, Schuhe putzen. Oder daß seine Lehrerin Frau Schulze hieß und rote Schuhe hätte. Oder was ganz anderes. Glaube ich. Er hätte mir genausogut einen Einkaufszettel vorlesen können, ich meine aber, ab und zu das Wörtchen Lehrer verstanden zu haben, was ja an sich nichts bedeutet. Er zog weiter, nachdem ich ihm ausgiebig mein Desinteresse bekundet hatte, und ich konnte in aller Ruhe meiner Arbeit nachgehen, auf der Treppe sitzend, bei jeder Gabe dankbar nickend wie der Hund auf der Hutablage im Auto, oder, wenn mir so war, auch eine Stunde lang die Passanten anquatschend. Haste ma’n bißchen Kleingeld? Hasse ma’n paar Groschen? Ne Kleinigkeit für was zu Essen, bitte. Nur’n paar Pfennige. Während ich mich fragte, ob ich am nächsten Tag nicht vielleicht eine Bettelrunde in den Zügen machen wollen würde. Aber da müßte ich mir natürlich eine Fahrkarte kaufen müssen. Na hallo! Da würde ich aber noch mal drüber nachdenken.

Das direkte Anbetteln erbrachte mir einen geschätzten Verlust von fünfundzwanzig Prozent, denn offenbar mochten es die Leute hier nicht, persönlich angeschnorrt zu werden. Nicht einmal die Tut-mir-total-leid-daß-du-keine-Stütze-kriegst-aber-ich-bin-selbst-im-Moment-ein-bißchen-knapp-Typen. Ich leerte meine Untertasse zur Hälfte und bettelte stumm weiter. Ein Hund kam kurz Schnüffeln. Ich vertrieb ihn. Eine Frau trat mir auf den Fuß, ohne sich zu entschuldigen. Ein Junge stolperte, als er die Treppe herunterkam. Ein Blatt vom Görlitzer Park wehte vorbei. Die Ampel wurde grün. Die Ampel wurde rot. Die Ampel wurde grün. In China fiel wieder mal ein Sack Reis um. Eine Münze klimperte zu den anderen. Ich bat die herumlungernden Punks von der anderen Seite der Treppe, die vor einer halben Stunde gekommen waren, auf meine leere Untertasse aufzupassen, und holte mir noch einen Kaffee. Es war Zeit, daß etwas geschah.

Aus: Michael-André Werner, »Schwarzfahrer« (Roman), Aufbau Taschenbuch Verlag 2003, ISBN 3-7466-1983-1, 7,95 Euro <br>

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