Kreuzberger Chronik
Februar 2004 - Ausgabe 54

Ingrid Mesin Kreuzberger
Ingrid Mesin, Gastronomin

»Wir haben sogar im Krieg noch ziemlich tolle Partys gefeiert.«


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von Ina Winkler

Fotos: Michael Hughes

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»Man muß manchmal weg. Andere Städte sehen. Sonst wird das nichts. Sonst fehlt einem was. Der Maßstab. Die Distanz.«

Vielleicht zog es aus diesem Grund schon ihren Urgroßvater, ihren Großvater und ihre Mutter in die Fremde. Keiner von ihnen ist zuhause geblieben, und der Urgroßvater, ein Kaufmann, ist sogar in der Fremde gestorben. Ingrid Mesin ist kein Mensch, der es lange an einem Ort aushält. Sie zieht es immer wieder fort. Kein Wunder eigentlich, denn genaugenommen kommt sie »vom Arsch der Welt« – aus Pforzheim und Darmstadt!

Also stand sie eines Tages mit ihren Papieren bei der Wohnungsbaugesellschaft in Kreuzberg. »In aller Herrgottsfrühe, und es regnete!« – Sie wußte, sie mußte freundlich sein, wenn sie die hübsche Wohnung in der Fidicinstraße haben wollte. Aber das freundliche Gesicht taugte nicht gegen die Berliner Kälte. Sie hatte »irgendeinen Wisch vergessen, ich weiß nicht mehr was, irgendetwas Nebensächliches« – und die Blonde hinterm Schreibtisch fuhr sie an wie eine Furie. »Superunfreundlich! Ich mein, ich bin ja auch nicht gerade freundlich so früh am Tag, ich kenn das ja! Aber das war schon ein anderes Kaliber! Gott sei Dank hab ich zurückgeblafft, was das Zeug hielt! Da wurde sie plötzlich freundlich, und am Ende hab ich die Wohnung bekommen. Obwohl da ’zig andere drauf warteten.« Und obwohl Ingrid Mesin weder einen Job noch irgendwelche Sicherheiten hatte. Keinen Mann, stattdessen aber ein Kind. Vielleicht hatte die Frau hinterm Schreibtisch ein Auge dafür, wer sich durchschlagen kann und wer nicht.

»Ich hab mich jedenfalls gleich wie zuhause gefühlt. Denn die Berliner sind genauso unfreundlich wie die Kroaten. Wenn Du in Kroatien in ein Geschäft reinkommst, lächelt auch niemand. Das gefällt mir.«

Die letzte Station vor Berlin war Darmstadt. Sechs Jahre Darmstadt. Darmstadt mit seinem glitzernden Einkaufszentrum, seinem schmucken Turm in der Mitte, dem sogenannten Künstlerviertel – ohne Künstler. Als sie das erste Mal in der Markthalle am Marheinekeplatz stand, da dachte sie noch: »Was is’n das? Dieses Chaos hier? – Ich mein, ich bin ja nicht pingelig! Aber – wenn man so lange in Darmstadt war!« In Darmstadt mit seinen pünktlichen Straßenbahnen und den Männern mit den Hutrillen auf der Stirn. Und all diesen Frauen in ihren gebügelten weißen Blusen. Sechs Jahre blieb sie da. Dann suchte sie eine neue Wohnung, sechzig Stück hat sie sich angesehen. Aber keiner wollte sie reinlassen, die alleinstehende Mutter mit Kind und Anspruch auf Sozialhilfe. Obwohl dadurch doch immerhin die Miete gesichert war! Aber so ist es eben, dieses Darmstadt: bieder! »Da war ich ständig der schräge Paradiesvogel! Und dann kam ich nach Berlin. Auf eine Party, was sonst!« Denn wenn sich im Leben Weichen stellen, dann geschieht das nicht selten auf irgendwelchen Partys. So auch im Leben von Ingrid Mesin. »Berlin war eine Erlösung. Weil ich zum ersten Mal nicht die Älteste auf einer Party war! Und gemerkt hab, daß das Leben auch mit Tochter und mit Dreißig noch supergeil sein kann!«

Schon damals sah sie den kleinen Laden am Chamissoplatz, der heute ihrer ist. »bica« hat sie ihn genannt, er liegt in der Morgensonne, an schönen Tagen sitzen die Leute draußen auf den Blumenkästen und trinken Kaffee. Weil die Wirtin Mesin keine Tische und keine Stühle draußen aufstellen darf. Aber es hat sich noch niemand beschwert. Berlin ist eben anders als Darmstadt. »Und weshalb ich diesen Laden überhaupt bekommen habe, ist mir bis heute schleierhaft. Denn im Grunde hatte ich ja wieder mal nichts in der Hand – außer dieser dämlichen Kaution!« Die aber legte sie gleich bar auf den Tisch. Das zog. Das hatte wahrscheinlich schon der Urgroßvater so gemacht, der Kaufmann, der irgendwann nach dem Krieg nach Berlin kam und jetzt auf irgendeinem Berliner Friedhof begraben liegt, wo genau, das weiß heute schon niemand mehr.

Und nun hat die Urenkelin also ein Café in Berlin aufgemacht. Schickt morgens ihre Tochter mit einer Freundin in die Schule, läßt sie von einer anderen Freundin wieder abholen. Die ersten drei Monate sah sie ihr Kind kaum noch. »Ich war kurz davor, ’ne Bombe in den Laden zu werfen, weil ich überhaupt keine Zeit mehr für mich oder Sasha hatte! Dann hat es sich doch irgendwie eingespielt.« Es mußte auch klappen. Was hätte sie sonst machen sollen. »Ich hatte keine Lust mehr, für andere Lokalbesitzter hinterm Tresen zu stehen!«

Wie sie das bisher immer gemacht hatte, wenn sie Geld brauchte. In New York in einer Pizzeria, wo sie ein übles, aber brauchbares Gebräu aus Englisch und Italienisch lernte. Oder in Los Angeles, wo sie von den vielen Hamburgern beinahe pummelig geworden wäre, wo ihr plötzlich lange, rotlackierte Fingernägel wuchsen und wo sie, von all den superfreundlichen Amerikanern umringt, beinahe selbst noch freundlich geworden wäre. Sie, die Kroatin! Oder später in London, das ihr schon bald wie ein Dorf vorkam, »so ähnlich wie Berlin«. Denn überall traf sie jemanden, den sie kannte. »Weil London einfach eine geile Partystadt« ist, und weil Ingrid Mesin keine Party ausläßt – bis heute nicht. Denn ohne Partys wäre das Leben langweilig. »Selbst im Krieg, in Kroatien, haben wir noch ziemlich tolle Partys gefeiert!«

Das Leben muß spannend sein. Wie im Film. Vielleicht hat sie deshalb ihre Tochter Sasha genannt – nach einer Figur aus einem Spionagefilm, den sie gerade gesehen hatte. So wie auch Ingrids Mutter die Tochter nach einer Spionin aus einem Roman benannte, den sie gerade gelesen hatte: Ingrid! »Wahrscheinlich dachte sie, das sei ein supergeiler Name!« Dabei klingt »Ingrid« hier in Berlin furchtbar brav! Ganz anders als in Kroatien und als im Roman! Sie könnte davonlaufen, mit diesem Namen!

»Aber Berlin ist die einzig mögliche Stadt in Deutschland!« Ingrid Mesin würde nie auf die Idee kommen, etwa nach Pforzheim zu gehen. Doch die Mutter verließ damals die Heimat und zog mit ihrer Tochter von Split zum Großvater, der in Deutschland auf dem Bau arbeitete. Und erzählte ihrer Tochter immer wieder die Geschichte vom verschollenen Seemann, wenn Ingrid nach ihrem Vater fragte. Dreißig Jahre lang! Und Ingrid glaubte ihr. Bis eines Tages das Telefon klingelte. Da war Ingrid gerade in Brasilien. Mit Tochter und Freund. Schlief am Strand. Lief in die entlegensten Stadtviertel, vor denen alle warnten. Nur, um Capoeira zu lernen. Und da behauptete plötzlich einer am anderen Ende der Leitung, er sei ihr Vater, und er müsse sie unbedingt und sofort sehen. Vielleicht war es dieser Mann, der die Mutter dazu bewogen hatte, lieber auszuwandern! Ein Stück weiter weg.

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Ingrid jedenfalls fuhr wieder einmal nach Kroatien, ein schönes Land: »Ich pendle schon mein ganzes Leben zwischen Deutschland und Kroatien hin und her. Und Split ist eine hübsche alte Stadt, ich bin immer ganz glücklich dort. Auch wenn ich in unserer Familie eigentlich das schwarze Schaf bin. Schon in der Schule hab ich die meiste Zeit vor der Klasse verbracht: Ingrid, komm mal nach vorn! Und jetzt mit Kind, ohne Mann, ohne Beruf … – Wenn ich wenigstens eines Tages in einem Hochzeitskleid aufgetaucht wäre!«

Aber diesen Gefallen hat sie den Daheimgebliebenen nie getan. Und jetzt wartete der Vater in Sibenik auf sie. Vor einem Café in dem kleinen Küstenort. Es saßen nicht viele Männer da, sie erkannte ihn gleich. Er lud Tochter samt Enkelkind in ein Boot und fuhr sie auf eine Insel, die vor der Küste lag, und die Kaprije hieß. Er habe dort, erzählte der verschollene Seemann, während er sein Boot geschickt durch die Wellen lenkte und auf das einzige Dorf der Insel zusteuerte, ein kleines Ferienhäuschen. Das Häuschen entpuppte sich als eine Villa, die der Vater in einer einsamen und »supergeilen Bucht« hatte bauen lassen.

Der Grund für das mit dreißigjähriger Verspätung stattfindende Treffen von Vater und Tochter war weniger romantisch als die Landschaft. Der Grund war die Scheidung des erfolgreichen Politikers von seiner langjährigen Ehefrau. Und er hatte einen Plan. »Er wollte ihr eins auswischen.« Deshalb hatte er den gesamten Familienclan zusammengerufen, die komplette Verwandtschaft versammelt, »lauter Onkel, Tanten, Großmütter und Großväter, die ich nie gesehen hatte«, und von deren Existenz Ingrid Mesin bis zu diesem Tag nichts geahnt hatte. »Das war schon irgendwie ’ne witzige Party! Und da waren auch einige witzige Gestalten darunter. Ein Onkel von mir zum Beispiel, der während des Krieges ein Lokal eröffnet hatte. Mitten im Krieg! Das muß man sich mal vorstellen! Und das funktionierte! Bis die Serben kamen und alles kurz- und kleinschossen. Das muß auch so ein Typ gewesen sein, der immer dagegengerannt ist. Immer mit dem Kopf durch die Wand.«

Doch die Party des neuentdeckten Vaters war wieder so eine der folgenreichen und schicksalsträchtigen. »Wir haben gegessen und getrunken. Wie das dort so üblich ist. Ziemlich viel gegessen und getrunken.« – Wie das eben dort so üblich ist. Und dann traf plötzlich Ingrids Halbschwester ein! Die Stimmung war gut, bis zum Schluß, bis die wiedergefundenen Töchter plötzlich ins Dorf hinunter sollten, um mit ihren Stöckelschuhen über Stock und Stein der Dorfstraße zu stolpern und sich mitten in der Nacht der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Vater drohte, er bestand darauf. Er bestand auch darauf, daß seine Töchter fortan seinen Namen trugen. »Wir sollten seinen Namen annehmen und alles erben! Das war der Plan.«

Doch der ging nicht auf. Nach wenigen Tagen flüchteten die Töchter, verzichteten, sprangen ins Boot, fürchteten im Sturm noch einmal kurz um ihr Leben und waren am Ende froh, wieder Festlandboden unter den Füßen zu haben. Manchmal war es wie im Film!

Aber Ingrid Mesin ist eben eine Abenteurerin, ein bißchen wie ihr Vater und ihre Großväter. Pendelt zwischen den Welten. Zwischen Berlin mit seinen Partys und Kroatien mit seinen Familienfeiern. Zwischen den Städten mit ihren Häuserschluchten und dem Land mit seinen Bergen und Buchten. Zwischen den gemütlichen Espressotrinkern in dem Café am Chamissoplatz und den exzessiven Weingelagen in ihrer Heimat.

Eigentlich ist sie überall gern. »Nur Darmstadt und Pforzheim muß nicht sein!« Aber sonst: New York, London, Split, Berlin … – Das gehört ja alles dazu – zu dieser großen und einzigen und supergeilen Party: unserm Leben.

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