Kreuzberger Chronik
November 2003 - Ausgabe 52

Strassen, Häuser, Höfe

Dynasty - der Hohenzollernclan (1):
Die Charlottenstraße



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von Michaela Prinzinger

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Sophie von Hannover konnte sich, nach der Geburt von sechs Prinzen, nicht mehr so genau an die Geburtsstunde, ja nicht einmal an den Geburtstag ihrer Tochter Sophie Charlotte, der späteren Kurfürstin von Brandenburg und ersten Königin von Preußen, erinnern. Die Mutter vermutete, daß es der 13. Oktober 1668 war, andere Quellen nennen den 20. oder 30. Oktober. Das Geburtsdatum sollte im sechzehnten Lebensjahr Charlottes wichtig werden: im Jahr ihrer Eheschließung mit dem Kurprinzen Friedrich von Brandenburg, dem späteren ersten König von Preußen. Denn bevor die eheliche Verbindung amtlich werden sollte, wollte man einen Astrologen zu Rate ziehen und die Gunst der Sterne erfragen.

Rein äußerlich konnte man sich kaum einen größeren Gegensatz als zwischen diesem Pärchen vorstellen. Der Mercure galant vom Jahr 1684 beschreibt die Braut folgendermaßen: »Die Prinzessin von Hannover ist eine sehr liebenswürdige Person. Ihre Taille ist mäßig. Sie hat den schönsten Hals und die schönste Haut, die man sich denken kann, große, sanfte und blaue Augen, eine wunderbare Menge schwarzer Haare, Augenbrauen, als wären sie mit dem Zirkel gezogen, eine gut proportionierte Nase, einen rosigen Mund, sehr schöne Zähne und einen lebendigen Teint. Ihr Gesicht ist weder oval noch rund, sondern hält sich dazwischen. Was den Geist angeht, ist sie sehr begabt und von sehr teilnehmender Einfühlsamkeit. Sie singt gut, spielt Cembalo, tanzt mit viel Würde und weiß, was sehr wenige Menschen auch in fortgeschrittenerem Alter als ihrem wissen.«

Sophie Charlotte verbrachte eine musische Jugend und blieb der Mutter bis zum Tod eng verbunden. Schon während der ersten Reise nach Paris und Versailles, an den Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV., beginnt das Nachdenken über eine künftige Heirat, die keine Liebesheirat sein, sondern dynastischen Überlegungen gehorchen würde. Die Mutter sinnierte: »Es wird meiner Tochter nicht an Freiern fehlen, sie wachsen nach wie die Köpfe des Cerberus, wenn man einen abschlägt, kommen andere, und wir werden an ihrer Heirat sehen, ob der Papst, Calvin oder Luther die Oberhand behält.« Schließlich behielt Calvin die Oberhand: Sophie Charlotte legte den lutherischen Glauben ab und konvertierte zum kalvinischen Bekenntnis ihres künftigen Gatten. Den hatte sie 1681 zum ersten Mal in Bad Pyrmont zu Gesicht bekommen.

Damals war er noch glücklich mit Elisabeth Henriette verheiratet. Doch zwei Jahre später wurde durch deren plötzlichen Tod der Platz an Friedrichs Seite frei. 1684 war es soweit: Das junge Paar zog in das Schloß Köpenick, wo bereits der Große Kurfürst, Friedrichs Vater, mit seiner zweiten Frau Dorothea residierte. Im Suff soll er damals geäußert haben, daß »die Häuser Brandenburg und Hannover allzeit zusammenhalten müßten wie Speck und Kohl«.

Ein Vorfall bei der Hochzeitszeremonie warf jedoch erneut die Frage auf, ob die Verbindung unter einem günstigen Stern stehen würde: Friedrich fiel der goldene Ring seiner verstorbenen Ehefrau, den er immer noch bei sich trug, mit der Inschrift à jamais zu Boden. Dies wurde als schlechtes Vorzeichen gedeutet. Hinzu kam, daß Charlottes Gatte eher klein und unansehnlich war. Er war der Sohn einer überängstlichen Mutter, von Geburt an körperlich schwach und ein Leben lang kränkelnd. Ein Unfall in frühester Jugend prägte ihn fürs ganze Leben: Während einer Reise rutschte das Kind von seinem Sitz und verletzte sich an der Wirbelsäule. Jahrelang mußte der Knabe schmerzhafte Behandlungen über sich ergehen lassen, medizinische Korsette und Krücken tragen. Schließlich gelang es den Ärzten, die Wirbelsäule aufrecht zu halten. Ein kleiner Buckel am Nacken aber blieb zurück, den er mit Hilfe einer langen Perücke à la Ludwig XIV. verdecken konnte.

Friedrich blieb stets empfindlich wegen seiner Behinderung, besonders, da man ihn oft den »Bückling« nannte. Hinzu kam, daß der Große Kurfürst seinen zweiten Sohn nicht sonderlich mochte und den älteren Karl Emil vorzog, der ein Ebenbild des Vaters und das Gegenteil des Bruders war: aktiv, energisch, robust, gesund, ein Krieger und Jäger. Friedrich wurde mißtrauisch und eitel, sein Leben lang versuchte er, äußerem Glanz nachzujagen und mit weltlichen Würden seine körperlichen Unzulänglichkeiten zu übertünchen.

1663 wurde Eberhard von Danckelmann als Erzieher an den Hof bestellt. Danckelmann war sehr streng mit Friedrich und wurde eine Art Vaterersatz. Der Kurprinz erwies sich als dankbarer Schüler und belohnte den Lehrer später mit hohen Posten. Doch auch durch eifriges Lernen konnte Friedrich die Zuneigung seines Vaters nicht erringen. Als der junge Prinz zehn Jahre alt war, starb Friedrichs fürsorgliche Mutter, und der Vater heiratete Dorothea von Lüneburg-Celle. Sie brachte dem Großen Kurfürsten sieben weitere Kinder zur Welt, konnte jedoch die Liebe der Stiefkinder nicht gewinnen.

1674 starb Friedrichs großer Bruder im Feldlager an Fieber. Plötzlich tauchte der Vorwurf einer Vergiftung auf: Dorothea, die Stiefmutter, sollte einen französischen Koch bestochen haben, Karl Emil zu vergiften. Friedrich glaubte dem Gerücht, die Kluft zwischen ihm und seiner Stiefmutter vertiefte sich immer mehr.

Als neun Jahre später auch Friedrichs erste Ehefrau Elisabeth Henriette starb und damit endlich den Platz für Sophie Charlotte freimachte, beschuldigte der untröstliche Friedrich seine Schwiegermutter, ihre Finger im Spiel gehabt zu haben. Eine Ärztekommission untersuchte tagelang alle möglichen Spuren, konnte aber keine Vergiftung feststellen. Friedrich mit seiner kleinen Tochter vereinsamte zusehends, bis er sich nach fünfzehn Monaten Trauerzeit entschloß, sich mit der frühreifen Sophie zu vermählen.

Friedrich war mittlerweile siebenundzwanzig Jahre alt, geistig nicht sonderlich rege und jeder Art von Schmeicheleien verfallen. Sein großes Vorbild, der Sonnenkönig Ludwig XIV. mit seiner pompösen Hofhaltung, stachelte seinen Ehrgeiz an, eine große Rolle in der Weltpolitik zu spielen. Im Schloß von Köpenick, wo das junge Ehepaar mit den Eltern lebte, veranstaltete Dorothea eines Tages eine Soiree. Am Schluß der Speisenfolge wurde Kaffee serviert, kurz danach mußte Friedrich mit Krämpfen das Zimmer verlassen. Er war der festen Meinung, von Dorothea vergiftet worden zu sein. Sein Lehrer Danckelmann verabreichte ihm ein Brechpulver, das er – aus guten Gründen und in weiser Voraussicht – stets bei sich trug. Die Ärzte konnten zwar keine andere Ursache als eine natürliche für das Unwohlsein erkennen, aber Friedrich war von Dorotheas Mordversuch fest überzeugt. Dieser familiäre Verfolgungswahn sollte ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr loslassen.

Literatur: K. Ghayegh-Pisheh: Sophie Charlotte von Preußen. Stuttgart 2000. R. T. Senn: Sophie Charlotte von Preußen. Weimar 2000.

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