Kreuzberger Chronik
Oktober 2002 - Ausgabe 41

Der Monat

Die unendliche Geschichte vom Viktoria Quartier (3):
Das Viktoria Quartier - Teil 3



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von Hans W. Korfmann

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Es ist noch früh am Morgen, nur einige Jogger sind unterwegs am Kreuzberg, und einige tierliebende Herrchen und Frauchen. Als eines dieser Frauchen den jungen Mann sieht, der über den hölzernen Bauzaun gucken will, um zu sehen, was sich tut auf dem Gelände des Viktoria Quartiers, beschleunigt sie ihre Schritte, der Dackel kommt kaum hinterher: »Sie müssen links herum; immer den Zaun entlang, dann ist hinter dem Gebüsch ein Loch. Da kommen sie auf das Gelände!«

Baustellen sind niemals sonderlich schön, aber immer interessant. Die des Viktoria Quartiers allerdings zog schon zu Anfang die Aufmerksamkeit auf sich. Denn hier sollte, gleich am Viktoriapark mit seinen sommerlichen Sonnenanbetern, Trommlern und Haschischrauchern, ein modernes Wohnviertel mit exklusiven Lofts und Gewerberäumen entstehen. Der Widerstand der um ihre Ruhe besorgten Anrainer und das Mißtrauen der alten Alternativen war groß. Aber vor allem die geplante Ansiedlung der Berlinischen Galerie, die das Ansehen Kreuzbergs als eines der wichtigsten Kulturzentren Berlins unterstreichen sollte, nahm vielen Skeptikern den Wind aus den Segeln. (Vgl. Kreuzberger Chronik, August 1999)

Ein Jahr später war die Baustelle am Viktoriapark beinahe schon wieder in Vergessenheit geraten, so still war es um das Viktoria Quartier geworden. Die Handwerker hatten ihr Werkzeug niedergelegt, die Maschinen rollten davon, und der Regen machte sich an die Arbeit, die ausgebaggerten Schächte wieder zuzuspülen. Es zeichnete sich ab, daß die Mieten für moderne Lofts in denkmalgeschützten Fabriken nicht so hoch ausfallen würden, wie man es sich ausgerechnet hatte. Und als sich zudem herausstellte, daß die Trockenlegung der Kellergewölbe der ehemaligen Schultheissbrauerei weitaus kostenspieliger werden könnte als geplant, als die Gutachter plötzlich von 17 zusätzlichen Millionen sprachen, um die 10000 Gemälde der Berlinischen Galerie vor der Feuchtigkeit zu retten, kamen die Investoren in Schwierigkeiten. Die Deutsche Bank als Geldgeber des Bauvorhabens Viktoria Quartier zog sich allmählich aus dem Geschäft zurück, und im Herbst des Jahres 2001, in dem sie einen Umsatz von 28,5 Milliarden Euro verbuchte, ließ sie ihre Tochtergesellschaft, die DGMG, endgültig im Stich. Daraufhin mußte der Chef der verstoßenen Tochter, zugleich Geschäftsführer der Viktoria Quartier Entwickungsgesellschaft, die Insolvenz der Bauherren anmelden. Und die auf dem Gelände engagierten Firmen warteten immer ungeduldiger auf ihr Geld. Viel Geld: Die fälligen Rechnungen für Planer, Dienstleister, Bauten und Umbauten beliefen sich inzwischen auf 130 Millionen Euro. Es gab zahlreiche Verhandlungen und die verschiedensten Ideen zur Weiterführung des Projektes, man tat im Senat und im Kreuzberger Rathaus, was man konnte.

Doch sämtliche Rettungsversuche scheiterten. Seit dem Ausstieg der Deutschen Bank herrschte Grabesstille in den Gruben unterhalb des Schinkel-Denkmals. Halb fertiggestellt steht nun ein fensterloser, klotziger Rohbau in der Landschaft, riesige Betonträger, fertig gegossen, liegen kreuz und quer über den alten, freigelegten Kellergewölben der denkmalgeschützten Brauerei. Der Bauzaun hat Löcher bekommen, erste Pflanzen sprießen im Sand.

Stuhl
Foto: Kreuzberger Chronik
Jetzt aber sind die Neugierigen auf die Baustelle zurückgekehrt. Es tut sich wieder etwas auf dem Gelände. Und es raschelt lautstark im Blätterwald der Berliner Zeitungslandschaft. Denn man fand tatsächlich einen neuen Investor für das marode Projekt. Eine Symbiose aus der bayrischen Wohnungsbaugesellschaft »Baywobau« und einer Firma namens Artprojekt kaufte im Mai dieses Jahres die Konkursmasse. Thomas Hölzl und sein Artprojekt waren, noch unter dem Namen Realprojekt, bereits im Jahr 1999 an dem unglücklichen Bauvorhaben beteiligt. Offensichtlich hat Realprojekt den Absprung noch rechtzeitig genug geschafft, um als Artprojekt wie ein Phönix wieder aus der Asche zu steigen. Wenige Monate später wollte das offensichtlich unbeschädigte Unternehmen 100 Millionen Euro in den Umbau einer Brauerei in der Greifswalder Straße investieren (vgl. Kreuzberger Chronik, November 2001). Jetzt ist die Firma jedoch mit 100 Millionen noch einmal ins gleiche Geschäft eingestiegen. Denn diesmal könnte es ein gutes Geschäft werden. Schließlich haben die sogenannten neuen Investoren das entstehende Stadtviertel zu einem Schnäppchenpreis von 15,65 Millionen Euro erhalten. Schmerzlich ist das vor allem für die Firmen, die bis jetzt am Viktoria Quartier gearbeitet haben. Der Kaufpreis deckt gerade mal ein Zehntel der offenen Rechnungen.

So wurde das Viktoria Quartier in letzter Minute zu einem Last-Minute-Tarif verschachert, der den Wert der bisher geleisteten Arbeiten ausklammert. In einem Interview des Tagesspiegel jedoch bezeichnet der Insolvenzverwalter diesen Preis noch als »erfreulich«. Man habe mit weitaus weniger rechnen müssen. Den Konkursverwalter freilich schmerzt der niedrige »Gewinn« wenig. Er kann froh sein, es überhaupt geschafft zu haben, denn man hatte ihm lediglich ein halbes Jahr eingeräumt, um den neuen Käufer zu finden. Und Bezirk und Senat freuen sich auch, wenn es jetzt doch noch weitergeht am Kreuzberg. Draufzahlen müssen nur die Baufirmen und Architekturbüros.

Doch nicht nur sie und ihre vor der Arbeitslosigkeit stehenden Arbeiter sind leidtragend. Auch die Kreuzberger Anwohner könnten mit dem neuen Besitzer ihre Schwierigkeiten haben. Denn während Bezirk und Senat gegenüber dem vorherigen Investor noch ihre städtebaulichen Vorstellungen durchsetzen und Auflagen machen konnten, wird sich der bayrische Retter in der Not wohl nicht mehr ganz so viel vorschreiben lassen. Die ursprünglich angestrebte moderne Mischung aus Leben und Kultur im Viktoria Quartier, die Gestaltung eines attraktiven Lebensraumes für Künstler, Intellektuelle und Gewerbetreibende, die Bezirk und Senat am Herzen lag, könnte für den bayrischen Investoren nur von sekundärem Interesse sein. Ihm geht es darum, die bereits vorhandenen und entstehenden Räumlichkeiten gewinnbringend zu verkaufen. Und dabei sind etwaige schon vorhandene Mieter Immobilienhändlern bekannterweise stets im Wege. Auch im Viktoria Quartier.

Zumindest legt die erste Amtshandlung des neuen Eigentümers den Gedanken nahe, daß soziale Aspekte für ihn nur von peripherem Interesse sind. Denn bereits seit dem Ende des Jahres 1999 wohnen Menschen in einigen fertiggestellten und an Privatinvestoren verkauften Lofts auf der Baustelle des Viktoria Quartiers. Und die erhielten, wie einer der Mieter dem Tagesspiegel ausführlich schilderte, Anfang August von den Anwälten der neuen Besitzer ein Schreiben, in dem sie aufgefordert wurden, »bis zum 16. August schriftlich zu erklären, daß sie die von ihnen innegehaltenen Räume bis spätestens zum 31. August vollständig geräumt herausgeben werden«. Ihre Mietverträge seien ungültig. Denn die privaten Anleger und offensichtlichen Eigentümer der Lofts hatten zwar den Kaufpreis an die in Konkurs gegangene Tochter der Deutschen Bank bezahlt und einen ordnungsgemäßen Kaufvertrag in der Hand, waren jedoch nicht ins Grundbuch eingeschrieben worden. Ein Präzedenzfall für die Gerichte, der dem Viktoria Quartier in absehbarer Zukunft weitere Schlagzeilen einbringen wird, wenn die derzeitigen Bewohner der Baustelle ihre Mietverträge vor Gericht durchsetzen wollen.

Viktoria Quartier
Foto: Kreuzberger Chronik
Es weht also ein frischer Wind dort oben am Kreuzberg. Und vieles könnte nun ganz anders werden als geplant. Denn von den ursprünglich geplanten 70000 Quadratmetern sollen nur noch 50000 gebaut werden. Wo genau die Differenz eingespart werden soll, ist noch unklar. Zwar kündigten die neuen Besitzer an, das »lebendige Nutzungs Mix« aus 40% Gewerbe, 40% Wohnungen und 20% Kultur beizubehalten. Doch das war vor dem Standortwechsel der Berlinischen Galerie in die Alte Jakobstraße. Auch danach ließen Hölzl und Baywobau verlauten, die für die Berlinische Galerie vorgesehenen Räume auf jeden Fall »kulturell nutzen zu wollen«. Doch »Kultur« ist ein weiter Begriff. Die Rede war bislang von einem Hotel, einem Restaurant und einem »Mediaunternehmen«. Ein anderes Mal sprach man von einem Hotel und einem Veranstaltungszentrum. Erst am Ende der langen Baugeschichte wird man sehen, ob sich die Kultur zwischen Wohnungen, Geschäften und Geschäftemachern behauptet haben wird.

Die 500 Millionen Euro teuren Kunstschätze der Berlinischen Galerie jedenfalls werden das Viktoria Quartier nicht bereichern. Ausgeträumt ist der Traum von einem Museum, vor dem die Reisebusse Schlange stehen, von den überfüllten Cafés im schmucken Hof zwischen den roten Mauern der denkmalgeschützten Brauerei. Nun sollen die Kunstwerke im ehemaligen Glaslager in der Alten Jakobstraße untergebracht werden. Einer elf Meter hohen, »rechteckigen Schachtel« (taz), die wenig von einem Schmuckkästchen und noch weniger von einem Schatzkeller hat. Zwar legten sich Baustadtrat Schulz und Bausenator Strieder bis zuletzt für das Viktoria Quartier ins Zeug – aber der Boden am Kreuzberg war auch dem Kultursenator Flierl zu unsicher geworden. Am Ende einigten sich alle Beteiligten.

Schließlich hätte es schlimmer kommen können. Immerhin: Die Galerie bleibt in Kreuzberg. Und immerhin: das Viktoria Quartier wird keine Bauruine werden. Es wird, so Gott will und vielleicht ein wenig mithilft, eines Tages fertig sein, das kleine Dorf. Die neuen Investoren jedenfalls sind optimistisch. Sie wollen ihre 100 Millionen bereits im Jahr 2004 komplett verbaut haben. Und das wird ihnen sicher gelingen.

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