Kreuzberger Chronik
Mai 2002 - Ausgabe 37

Die Geschichte

Die Geschichte der Trödelläden


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von Werner von Westhafen

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Kurt Mühlenhaupt war die berühmteste Figur im Chamissokiez. Bei ihm liefen die Fäden zusammen, er organisierte den Kreuzberger Bildermarkt, und er war der Besitzer des Leierkasten, jener Kneipe in der Zossener Straße, die im letzten Stammlokal der ehemaligen Platzhirsche, dem Heidelberger Krug, mindestens sieben Mal in der Woche Erwähnung findet. Und Mühlenhaupt war, darf man den dortigen Erzählungen glauben, auch der erste Trödelladenbesitzer in der Gegend.

Doch den Handel mit Gebrauchtem gab es nicht erst seit den sechziger Jahren. Auch vor und zwischen den zwei großen Kriegen florierte das Geschäft mit Ausgedientem. Die Schauspielerin Marga Behrends, die im Oktober ihren 95. Geburtstag feiert, erinnert sich noch gut an die großen Gebrauchtwarengeschäfte in der Gneisenau- und der Friesenstraße. »Das waren feine Geschäfte mit Radios, vergoldeten Bildern, feinstem Kaffeeservice, Silberbesteck …, und die Kundschaft hatte Geld, die kamen alle aus der Mittelschicht. Mit dem Trödel hatte das nichts zu tun. Beim Trödel liegt ja alles durcheinander.«

Auch die Pfandhäuser lebten von den kleinen Reichtümern jener, die in Armut gestürzt waren. In den Jahren nach der Weltwirtschaftskrise gab es allein in der Nostitzstraße und am Mehringdamm drei Leihhäuser. Der Geldschein war zum nutzlosen Papier geworden, Gold und edle Steine aber hatten ihren unbestreitbaren Wert. Und nach dem großen Krieg brauchte man Möbel, Geschirr, Gardinen und Essen. Auf den Schwarzmärkten herrschte ein reger Tauschhandel, Kartoffeln wechselten gegen einen Korb Babywäsche den Besitzer, Erbsen gegen ein paar leere Teller, zwischen den Ruinen boten erste Händler allen möglichen Trödel an.

Doch die fünfziger Jahre kamen, der große Aufschwung. Man hatte Geld und kaufte Neues. Die verstaubten Uhren, die schon seit 20 Jahren nachgingen, die geerbten Spitzendeckchen, die alten Töpfe und dieser ganze Hausrat, der so vielen in der Not gedient hatte, landete mit einem Mal auf der Müllkippe. Einer der ersten, der sich diesem gedankenlosen Wegwerfen entgegenstellte, war Kurt Mühlenhaupt.

1962 hängte er alte Kartoffelsäcke in die glaslosen Fenster einer verfallenen Remise im Hof der Druckerei Zander in der Blücherstraße Nr.11 und eröffnete seinen Trödelladen, der sich allmählich zu einem Kuriositätenkabinett auswuchs, weil der Maler all das auflas und konservierte, was andere dem Fortschritt opferten: ausgediente Schaukelstühle, Nachttöpfe, Schaufensterpuppen, Pistolen, Federbetten, Gardinen, Münzen und alte Briefe mit alten Briefmarken. Der Laden an der Ecke zur Zossener Straße machte gute Geschäfte, denn Mühlenhaupt erzählte gerne, und es fand sich so gut wie alles bei ihm. Nur die Bilderrahmen wurden immer seltener. Nach denen war der malende Mühlenhaupt längst selbst auf der Suche, beim »Roth« zum Beispiel – »auch son halber Trödler«, oder beim »Meier«.

Tr?delladen
Foto: Nikolaos Topp
Meier – »großes M und kleine eier« – war 1961 aus dem Osten herübergekommen, eigentlich von Beruf Elektriker, hatte aber nur Arbeit bei einer Entrümpelungsfirma gefunden. Irgendwann war es mit der Sklavenarbeit genug, Meier mietete sich in Mühlenhaupts Nachbarschaft in der Blücherstraße ein und organisierte eigene Entrümpelungen. Wenige Jahre später besaß er drei Läden, einen Hanomag und einen Wiking, auf deren Planen nicht mehr von »Entrümpelungen« die Rede war, sondern von »Nachlaßverwertung«: Meier räumte nicht nur Wohnungen aus, er arbeitete auch als »Taxator« für einen Rechtsanwalt – und war selbst dessen bester Kunde, indem er den soeben geschätzten Nachlaß gleich auf seine LKWs lug. Natürlich fand man da »auch mal Töpfe voller Scheiße« – im wahrsten Sinne des Wortes: »die spritzte uns um die Ohren, als wir das Zeug auf den Wagen warfen. Aber in jedem Keller fanden sich ein paar Steintöpfe, Spitzendeckchen, irgendwas …«

Eines Tages kaufte Meier den Nachlass eines Malers. Nicht irgendeines Malers, sondern des Hofmalers Kaiser Wilhelms. Da sich unter den großen Gemälden auch das überdimensionale Bild eines stolzen Reiters befand, eines gewissen Manfred von Richthofen, ließ Meier die Familie informieren. Einige Tage später stand ein von Richthofen im Trödel in der Blücherstraße – und behauptete, das Bild sei eine Fälschung. Meier ärgert sich noch heute darüber.

»Mitte der sechziger Jahre«, erzählt er weiter, »gab es dann hier in jeder Straße drei Trödler«. Und allmählich fanden sich in den Läden entlang der Zossener, der Blücher- oder der Bergmannstraße nicht mehr zufällige Besucher auf der Suche nach einer Teekanne oder einem Teppich ein, sondern Spezialisten: Besitzer feiner Antiquitätenläden in Wilmersdorf suchten zwischen dem Gerümpel der Trödler nach echt Antikem, und die Flohmarkthändler aus den Waggons vom Nobeltrödel am U-Bahnhof Nollendorfplatz suchten sich in Kreuzberg die schönsten Stücke, um sie mit 200% Aufschlag am Ku’damm weiterzuverkaufen.

Dann aber entschloß sich der Senat, das Gerümpel einmal im Jahr kostenlos von der Straße zu holen. Die Zeit des Sperrmülls brach an, die Studenten holten sich ihre Möbel von der Straße und brachten nach Hause, was die Trödler bei ihren nächtlichen Streifzügen nicht mehr auf ihre LKWs hatten packen konnten.

Das Geschäft mit dem alten Kram der Davidowitschs, Schimalas, Plotzkis, Meiers, Mühlenhaupts, und wie sie alle hießen, lief nicht mehr. Auch wenn sie nachts heimlich von hinten an die Kippe vom Wannsee heranfuhren, um zwischen den Ratten und dem ganzen Gerümpel nach wertvollem Kleinkram zu stochern. Die Vertikos und die Gründerzeitsofas waren zu groß, um sie heimlich abzutransportieren. Das hätte den wachhabenden Pförtner aus dem Schlaf geholt. Sie blieben für immer auf dem Müll zurück, und es war wirklich nur Kleinkram, den sie mitbrachten.

Dennoch konnten die Trödler in Kreuzberg überleben. Sie waren inzwischen zu einer Attraktion geworden, zogen Touristen und Berliner aus allen Winkeln der Stadt an. Sie waren aus Kreuzberg nicht mehr wegzudenken. »Es gab«, erzählt der Hausmeister Schulz von der alten Schultheissbrauerei am Tempelhofer Berg, »nichts, was es bei den Trödlern nicht gab. Und wenn man einmal etwas nicht fand, dann hieß es: Kommste morgen wieder! Dann hab ick’s.«

Und wer Glück hatte, der konnte schon mal eine wertvolle Briefmarke finden. Oder, wie Günter Grass eines Tages in »Kurtchen Mühlenhaupts« Trödelladen, drei Postkarten von quasi literaturhistorischer Bedeutung.

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