Kreuzberger Chronik
Juli / August 2002 - Ausgabe 39

Strassen, Häuser, Höfe

Paul-Lincke-Ufer


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von Werner von Westhafen

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Viel Literatur über das Leben des Paul Lincke findet sich nicht. Nicht einmal in den Berliner Bibliotheken. Womöglich liegt es daran, daß er mit seiner Berliner Luft und Schenk mir doch ein kleines bißchen Liebe so etwas wie ein populärer Schlagerkomponist war. Immerhin hat man einen Uferstreifen nach ihm benannt. Schließlich wohnte auch kaum einer jener Prominenten, die den Kreuzberger Straßen ihre Namen leihen, so lange in diesem Viertel wie er: zunächst in der Adalbertstraße, dann in der Eisenbahnstraße, dann am Luisenufer (dem heutigen Segitzdamm), in der Besselstraße, der Wilhelmstraße und zuletzt beinahe drei Jahrzehnte in der Oranienstraße 64, wo heute eine Gedenktafel an den alten Kreuzberger erinnert.

Dabei war Lincke nicht eigentlich ein Schlagerkomponist, er dirigierte und komponierte Revuen und Berliner Lieder, und er war der Gründer der sogenannten Berliner Operette, die allerdings wenig mit der feinen Wiener Operette gemein hatte. Die Berliner Variante war deftig und volksnah, anstelle gefühlsbetonter Walzermelodien bediente sich Lincke eher der preußischen Marschmusik – ohne sich und seine Werke dabei allerdings besonders ernst zu nehmen.

Die Berliner Operette war ironisch und humorvoll, und man sang ihre Lieder auf den Straßen. Um die Handlung schien sich Lincke bei seinen Kompositionen keine großen Sorgen zu machen, die Themen fand er nicht bei den schwergewichtigen Dichtern, sondern in seinem unmittelbaren Umfeld. Doch blieben sie dabei nicht in den Niederungen des Berliner Daseins haften. Seine Erstlingsoperette, die Venus auf Erden, erzählt vom Traum eines Nachtschwärmers im Tiergarten, in dem die Götter des Olymp zum städtischen Maskenball herabsteigen, und auch in seiner bekanntesten Oper, der Frau Luna, träumt Lincke vom Fliegen. Es waren die Tage, als Otto Lilienthal nicht weit von Berlin sich mit seinen waghalsigen Konstrukten einige Meter von der Erde entfernte. Paul Lincke ließ seinen Ballon gleich zum irdischen Trabanten durchstarten, den Ballonfahrer Steppke nicht auf den Mann im Mond treffen, sondern auf die schöne Frau Luna. Und die Luft dort oben war so schlecht, daß die Raumfahrer voller Wehmut an ihre Berliner Luft zurückdachten. Weshalb sie ein Lied anstimmten, das sogar die Berliner Steppkes des 21. Jahrhunderts noch kennen: Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft …

Doch nicht erst die ausgekoppelte Single machte Paul Lincke über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Schon im Jahre 1897 sorgte der Dirigent im Orchester des Théâtre Folies Bergères für Schlagzeilen. Als eines Abends seine ehemalige Angetraute auf die Bühne schlich, ihrem Verflossenen von hinten auf die Schulter tippte und ihm, als er sich umwandte, eine schallende Ohrfeige verpaßte, »bewies Lincke auch in dieser schwierigen Situation Berliner Schlagfertigkeit. Er verbeugte sich galant und setzte sein Dirigat fort. Die verständnisvollen Pariser sollen wie wild applaudiert haben.«

Le Kaiser, wie die Pariser Presse den Mann mit dem wilhelminisch gezwirbelten Schnurrbart nannte, war an schwierige Lebenslagen gewöhnt. Sein Vater, Magistratsdiener und Aushilfsgeiger bei kleineren Kapellen, starb schon früh an den Pocken, die Mutter zog ihre drei Kinder als Wäscherin groß, und Paul, der keinen Marsch der Militärkapellen ausließ, ohne im Takt mit ihnen zu marschieren, mußte lange auf seine erste Geige und den ersten Unterricht am Kontrabaß warten. 1880 fand er eine Lehrstelle als Musiker in Wittenberge, doch als er nach Berlin zurückkehrte, platzte der jugendliche Traum von der Karriere als Militärkapellenmusiker: Der Junge war zu schmalbrüstig.

Also schlug er sich in verschiedenen Tanzkapellen durch, spielte in Pankow und Rixdorf, fand als Fagottist eine Anstellung im Central-Theater in der Alten Jakobstraße, in dem auch die einfachsten Berliner sich noch einen Stehplatz leisten konnten, und später im Ostende-Theater, wo er jene hübsche Frau kennenlernte, die sich Jahre später in Paris mit einer Ohrfeige von ihm verabschieden sollte. Ein nicht minder schicksalhaftes Ereignis aus jenen Tagen war die Begegnung mit einem Künstler von ähnlichem Talent: Im Central-Theater traf er auf Heinz Bolten-Baeckers. Als sie eines Abends im November 1889 nach der Vorstellung beim Skat saßen, »sprang Lincke mitten im Spiel plötzlich auf, eilte zum Zeitungsständer, riß ein Stück vom Rand der Berliner Abendpost ab und schrieb Noten darauf. Bolten-Baeckers wurde neugierig, und Paul mußte ihm auf dem Kneipenklavier seinen Einfall vorspielen. Daraufhin riß sein Skatkumpan ebenfalls ein Stück Zeitungsrand ab und schrieb genau auf Linckes Melodie den Text: Ach Schaffner, lieber Schaffner, was haben Sie getan? Sie hab’n mich nach Berlin gebracht, ich sollt’ nach Amsterdam! Und diesen Gassenhauer sang ein paar Wochen später ganz Berlin.«

Mit Heinz Bolten-Baeckers feierte er seine größten Erfolge, der Schauspieler und Skatbruder schrieb fortan die Texte für Linckes Operetten und Lieder. Mit dem Gespann Bolten-Baeckers und Paul Lincke wurde auch das Apollo-Theater in der Friedrichstraße zur berühmtesten Revuebühne Berlins. Doch der 1. Weltkrieg ließ die fröhlichen Musikanten allmählich in Vergessenheit geraten. Die Zeiten, als die Zeitungsjungen Linckes Melodien pfiffen, die Leierkastenmänner von ganz Berlin sie herunterorgelten und als die Berliner Luft zum populärsten Lied im Sportpalast wurde, waren vorüber. Die goldenen Zwanziger mit dem Jazz und den ganz anderen Tanzvergnügungen kamen. Paul Lincke konzentrierte sich auf seinen Apollo-Verlag in der Oranienstraße. Auch der Liebestraum, im Jahr 1940 Linckes letzter Versuch eines Comebacks, führte nicht mehr zum alten Erfolg zurück.

Noch 1941, an seinem 75. Geburtstag, wurde Paul Lincke, der Kapellmeister und Schöpfer der Berliner Hymne, der 63. Ehrenbürger der Stadt. Doch das Kriegsende verschlug den Komponisten von über 20 Bühnenwerken nach Hahnenklee in den Harz. »Hier bereitete er sich trotz seines hohen Alters und seiner angeschlagenen Gesundheit auf eine neue Tournee vor. Selbst einen neuen Frack hatte er in Auftrag gegeben. Mit letzter Kraft betrieb Lincke seine Rückkehr in die zerbombte Stadt Berlin, kämpfte um Wohnraum und die Zuzugsgenehmigung. Nach vielen Bemühungen traf am 4. September 1946 die Wohnungszuweisung ein – einen Tag, nachdem der Komponist im Krankenhaus verstorben war. Auf dem Friedhof von Hahnenklee fand er seine letzte Ruhestätte.

Wenn das Publikum nicht will, schrieb Paul Lincke einmal, können tausend Kapellen täglich das gleiche Lied spielen – es wird nie ein Schlager daraus werden. Beim Vater der Berliner Operette wollte das Publikum.«

Quellennachweis, Zitate: »Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft«, Wolfgang Helfritsch, Edition Luisenstadt, Berlinische Monatsschrift, Heft 4/2000 <br>

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