Kreuzberger Chronik
Juli / August 2002 - Ausgabe 39

Die Geschichte

Henry Bethel Strousberg


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von Werner von Westhafen

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Friedrich Engels sagte eines Tages zu seinem Kollegen Marx: »Der größte Mann in Deutschland ist unbedingt der Strousberg. Der Kerl wird nächstens deutscher Kaiser. Überall, wo man hinkommt, spricht alles nur von Strousberg.« Engels sprach von der berühmtesten und auch am schnellsten wieder in Vergessenheit geratenen Persönlichkeit der Berliner Gründerjahre: Bartel Heinrich Strausberg, einem eigensinnigen Mann, der die Welt auf den Kopf stellte und über jegliche Grenzen hinwegblickte.

Schon mit 13 wanderte Heinrich nach London aus, wo Verwandte ein gutgehendes Geschäft hatten und man den Jungen gut gebrauchen konnte. Doch schon nach wenigen Jahren hatte sich der Neffe vom Geschäft abgenabelt, nannte sich fortan Henry Bethel Strousberg, war Parlamentsberichterstatter der Londoner Times und gründete bald sein eigenes Magazin. Schon damals wurde klar: Ein gewöhnlicher Geschäftsmann war dieser Strousberg nicht. Er war ein Abenteurer, der augenblicklich in die Tat umsetzte, was ihm gerade erst als vage Idee in den Sinn gekommen war. Es ging ihm weniger ums Geld, er war Kapitalist aus Leidenschaft und Liebe zum Spiel. Vollkommen unlukrativ war zum Beispiel die Partie mit Mary Ann Swann, einer schönen, aber armen Frau, deren Vorfahren jedoch berühmte Seefahrer waren: Sir James und Sir James Clarke Ross, Pioniere, die einst den magnetischen Nordpol entdeckt hatten. Mary Ann und Henry heirateten 1845 gegen den erheblichen Widerstand beider Familien, hatten sieben Kinder und hielten ein Leben lang zusammen.

Der schwindelerregende Aufstieg des »Eisenbahnkönigs« aber beginnt zehn Jahre später in Berlin. Auf der Höhe seines Erfolges besitzt er Erz- und Kohlegruben, Hochöfen, Walzwerke, Waggonfabriken, Markthallen – Strousberg war es, der in Berlin die erste Markthalle eröffnete –, Immobilien, und vor allem: Aktien. Quasi im Alleingang, wenn auch im Auftrag der Nation, baute er sieben preußische Eisenbahnlinien und verlegte 1700 Kilometer Schienenstränge im Ausland, indem er trotz eines geringen Startkapitals mit dem Bau begann und die Fertigstellung durch den Verkauf von Aktien finanzierte. Für ein Unternehmen, das es noch nicht gab. Dieses, wie man es in ganz Deutschland stolz nannte, wunderbare »System Strousberg« brach später zusammen, da die Aktien zu überhöhten Preisen verkauft wurden und nicht wenige ins Unglück stürzten. Im Februar 1873 brach der Liberale Eduard Lasker mit einer spektakulären und antisemitischen Rede gegen »Gründerwahn, Aktienschwindel und das System« dem Liebling Deutschlands das Rückgrat. Strousberg, der Bahnhöfe errichtet, Eisenbahnlinien geschaffen und die Marktstände aus dem Schlamm befreit hatte, wurde zum schwarzen Schaf der Nation.

Ausführlich beschreibt Strousberg in seiner Autobiographie, einer einzigen Verteidigungsschrift, den Bau der Eisenbahnlinie Berlin-Görlitz und eines der stattlichsten Berliner Bahnhöfe, an den heute nur noch der Name einer U-Bahnstation erinnert: der Görlitzer Bahnhof. Schon kurz nach der Inbetriebnahme der Strecke von Görlitz nach Berlin zählte man 70000 Fahrgäste täglich, der neue Bahnhof war einer der belebtesten und beliebtesten Orte der Stadt. Einige bis dahin namenlose Vororte von Berlin – Johannistal, Glienicke, Schmöckwitz, Eichwalde, Zeuthen – erlebten einen sagenhaften Aufschwung, zwei neue Gemeinden, Adlershof und Grünau, entstanden neben den Bahngleisen. All das läßt der gekränkte Strousberg nicht unerwähnt.

Ohne ihn hätte Berlin ein anderes Gesicht gehabt, wäre diese Bahn womöglich nicht gebaut worden. Zwar lagen seit 1856, als sich ein Komitee aus Adligen zum Bau der Bahnlinie gebildet hatte, Pläne in den Schubladen, aber es fand sich niemand, der sie verwirklichen wollte. Sieben Jahre später trat ein Vertreter dieses Komitees an Strousberg heran, er solle den Bau der Bahnlinie ausführen und durch sein System finanzieren. Als wenige Tage später auch Prinz Friedrich im Namen des Grafen Muskau und einige Vertreter der Hofkammer bei ihm vorsprachen, die gerne mit der Bahn zur königlichen Jagd bei Königs Wusterhausen gereist wären, und als man ihm allseits versprach, die Finanzierung des Projektes auch durch den Kauf größerer Mengen von Aktien zu unterstützen, sagte der Eisenbahnkönig zu. Kurz darauf erhielt er den »Kronenorden IV. Klasse«, doch mußte er schon »bei den ersten Bereisungen behufs definitiver Feststellung der Linie« erkennen, daß er sich »in eine Falle begeben hatte«. Nach eigenen Angaben verlor Strousberg bei diesem Projekt über eine Million Taler. Die Linie wurde länger und teurer als geplant, Finanziers und Gönner wurden mißmutig, die »Mehrforderung von Capital« wurde als »Willkürlichkeit« und Strousberg als Gauner betrachtet. 10 Jahre später schreibt er darüber: »Es ist noch kein Bau und kein größeres Unternehmen (Â…) ohne Anschlagsüberschreitungen ausgeführt worden.« Dieser Satz könnte aus dem Jahr 2002 stammen, auch die Finanzierung von Großprojekten mittels ungedeckter Wertpapiere ist in den Zeiten wilder Börsenspekulationen längst Alltag geworden. Henry Bethel Strousberg, eine der schillerndsten Figuren der Gründerzeit, war seiner Zeit offensichtlich voraus.

Als er nach der Bestechung einiger Bankdirektoren – auch das eine moderne Unternehmenstaktik – im Moskauer Gefängnis die Zeit nutzt, um seine Memoiren zu schreiben, hat er die Hoffnung, das Blatt noch einmal zu wenden. Das mehrere hundert Seiten umfassende Schriftstück, teils in selbstmitleidigem, teils ärgerlichem Ton verfaßt, endet mit dramatischen Worten: »Ich erschrecke nicht vor dem Gedanken, mittel-, ja sogar obdachlos und ohne jeden Anhalt, eine zahlreiche, unversorgte Familie, die im Wohlstand erzogen ist, zu ernähren. Nur möchte ich den einen Trost in die vorläufig öde erscheinende Zukunft mitnehmen, daß es mir gelungen ist, zu schildern, was ich bin: ein ehrlich denkender und rechtlich trachtender Mensch, dessen Streben mißglückt, aber eines guten Endes würdig war.«

Doch seine Hoffnung, das »falsche Bild« in der Öffentlichkeit zu korrigieren, wird enttäuscht. Obwohl es ihm gelingt, zumindest einiges ins rechte Licht zu rücken: »Gründerthum, Actienschwindel, Speculations-Manie, Finanzkrisen, Concessionsunfug (Â…) u.s.w. sind die Ausdrücke und Begriffe, mit denen man meinen Namen anhaltend in Verbindung gebracht hat. (Â…) In ihrer Gesamtheit bilden obige Redensarten eine Art Nebel, der mich umgiebt, und der meine eigene Gestalt so verschleiert, daß man mich nur in verzerrten, karrikierten Umrissen wahrnehmen kann.«

Das gute Ende blieb dennoch aus. Es gelang dem genialen Strousberg nach seiner Rückkehr aus Moskau nicht mehr, in die großen Geschäfte einzusteigen, und es blieb ihm nichts, als seine Villa neben dem Palast unter den Linden und die Gemälde im Wert von 2,5 Millionen Mark zu verkaufen, die Familie nach England zurückzuschicken und sich als Journalist für das Kleine Journal die Wut von der Seele zu schreiben. Mitunter mit spitzer Feder: »Â… es ist eine Eigentümlichkeit des Deutschen, daß er sich in alle Verhältnisse fügen, jedem Impuls folgen und auf jedem Boden akklimatisieren kann.« Nur Strousberg folgte keiner der Deutschen mehr. Abgesehen von Tausenden von Gläubigern, die 30 Millionen Mark von ihm forderten. 1884 schließlich starb der Eisenbahnkönig, noch wenige Jahre zuvor der reichste Mann Deutschlands, »völlig verarmt in der Mansardenwohnung seiner früheren Köchin«.


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