Kreuzberger Chronik
Februar 2002 - Ausgabe 34

Strassen, Häuser, Höfe

Konterrevolutionäre auf Straßenschildern (2):
Manteuffel, der Beamte des Königs



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von Michaela Prinzinger

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»Eine breite Stirn, lichtbraunes volles Haar, die Nase römisch gerade und über die sehr kurze Oberlippe ein wenig hinfallend, ein ebenso kurzes breites Kinn, kluge kalte Augen und einen Zug der Strenge um die festgekniffenen Lippen, so sitzt der Minister des Innern gewöhnlich unbeweglich und hört blassen, blutlosen Gesichts die Beschuldigungen an, welche ihm und seinen Kollegen von der Opposition gemacht werden. Nur zuweilen lächelt er einmal spöttisch, wenn die Anklagen besonders heftig sind, oder eine flüchtige Röthe tritt auf seine Stirn, indem er eine Antwort ertheilt, welche häufig sehr kurz, scharf und beißend ausfällt. Manteuffel ist wohl kaum 40 Jahre alt. Er ist klein, aber ziemlich stark gebaut; die kalte Vornehmheit der adeligen Bureaukratie drückt sich in allen seinen Zügen aus, welche in ihrer herben Schärfe und Festigkeit einen Charakter anzeigen, der nicht leicht zu beugen und zu ändern ist, sondern, seinen aristokratischen und bureaukratischen Grundlagen gemäß, die neue Zeit und ihr Streben nach demokratischer Auflösung aller Besonderheiten als Thorheit und Verbrechen betrachtet.«

So beschreibt ein Zeitgenosse Otto Freiherr von Manteuffel, den preußischen Innenminister, in den sensiblen Jahren zwischen 1848 und 1850. Max Weber drückte sich einige Zeit später, was die »aristokratischen und bureaukratischen Grundlagen« betrifft, drastischer aus: Er bezeichnete das preußische Beamtentum als »Herrschaft der formalistischen Unpersönlichkeit«. Eichmann läßt sozusagen grüßen. Auch Manteuffel war ein Verwaltungsfunktionär, dem es um die Wahrung der Staatsautorität durch Königtum, Bürokratie und Armee ging. Er bildete den Prototyp des preußischen Beamten – »ohne Haß und Leidenschaft, unter dem Druck schlichter Pflichtbegriffe; ohne Ansehen der Person, formal gleich für jedermann«.

Manteuffels Diktum – »Es soll entschieden mit der Revolution gebrochen werden!« – sollte wie ein Banner über dem Jahrzehnt der Reaktion nach dem Jahrzehnt der Revolution von 1848 stehen. Und dennoch war er kein Verfechter eines vordergründig brutalen Unterdrückungskurses. Die Ultrakonservativen mit ihrem Sprachrohr, der Kreuz-Zeitung, und die unmittelbare Umgebung des Königs, die sogenannte »Kamarilla«, wollten zum Zustand eines vorrevolutionären Preußens zurückkehren und forderten eine Totalrevision der Verfassung, ständige Kammern, Föderalismus und Wiedereinführung der gutsherrlichen Rechte. Manteuffel hingegen beeinflußte Friedrich Wilhelm IV. dahingehend, die revidierte Verfassung von 1850 beizubehalten und von einem Staatsstreich abzusehen, der eine Rückkehr zu einer vorrevolutionären Verfassung bedeutet hätte. Manteuffel war der Meinung, die Kraft der Revolution sei besser mit bürokratischen Mitteln zu brechen, als durch die Beseitigung der neuen Verfassung von 1850, die als Kompromiß zwischen Adel, bürgerlicher Verfassungsbewegung und Krone entstanden war. Die Politik der Reaktionsära personifizierte sich weitaus deutlicher im Polizeipräsidenten Hinckeldey, der die politische Polizei zu einem Machtinstrument ausbaute. Manteuffel jedoch setzte durchaus auch auf sozialpolitische Maßnahmen wie die Bauernbefreiung mit Hilfe von Rentenbanken, eine Stärkung des Handwerks oder die Überwachung des Verbots der Kinder- und Jugendarbeit. Und immerhin funktionierte in der »Ära Manteuffel« zwischen 1850 und 1858, als er Ministerpräsident und Minister für auswärtige Angelegenheiten war, eine gewisse Form von Parlamentarismus – mit einer liberalkonservativen, einer liberalen, einer ultrakonservativen Partei sowie einer katholischen Fraktion. Das von ihm forcierte Dreiklassenwahlrecht allerdings sorgte wiederum dafür, daß die Mehrheit stets den einkommensstärksten Schichten sicher war.

Otto Freiherr von Manteuffel wurde am 3. Februar 1805 in Lübben, in der Niederlausitz, als ältester Sohn des Freiherrn Otto Gottlob von Manteuffel geboren, besuchte zunächst die Landesschule in Schulpforta und begab sich nach 1824 an die Universität Halle zum Studium der Rechte. Nach Ablegung des großen Staatsexamens wurde er Landrat des Kreises Luckau und engagierte sich in der Niederlausitzer Lokalpolitik. »Im Jahr 1833 wurde Manteuffel zum ritterschaftlichen Abgeordneten für den Provinziallandtag der Mark Brandenburg und des Markgrafenthums Niederlausitz erwählt, bei dem er bald eine hervorragende Stellung einnahm und den liberalen Abgeordneten des Bürger- und Bauernstandes entgegentrat.«

Damit begann der rasante Aufstieg des jungen Konservativen, bereits 1841 war er Oberregierungsrat in Königsberg, dann Vizepräsident in Stettin und kurz darauf vortragender Rat des Prinzen von Preußen und Mitglied des Staatsrats. 1845 schließlich wurde er zum Direktor des Ministeriums des Innern ernannt. Wiederholt hatte er sich als Gegner der Liberalen profiliert, um »dem alten preußischen Vaterlande die französischen Doktrinen fern zu halten«. Bemerkenswert ist, daß Manteuffel trotz seiner gegenteiligen Überzeugungen unter den »Märzministern« verblieb, da man seine Fachkompetenz schätzte: »Im engeren Kreise erzählte er später mit einer Art von Schauder von den damaligen Sitzungen des Staatsministeriums, in welchen von Jung und Alt, von Groß und Klein, von Assessoren und von Ministern im schönsten Verein unter dem Dampfe der Cigarren über das Wohl und Wehe Preußens berathen worden« war.

1858, kaum zehn Jahre nach der Märzrevolution, mußte er der »Neuen Ära« weichen, die Wilhelm I. ausrufen ließ. Friedrich Wilhelm IV., der ältere Bruder Wilhelm I., war nämlich – sei es aufgrund einer melancholischen Veranlagung, sei es aufgrund aufeinander folgender Schlaganfälle – regierungsunfähig geworden. Alles in allem hatte er die Hoffnungen der fortschrittlich gesinnten Kreise, die bei seiner Thronbesteigung 1840 auf ihm ruhten, enttäuscht. Und Wilhelm I., König von Preußen und ab 1871 deutscher Kaiser, mußte als erste symbolische Tat den treuesten Beamten seines Bruders zum Abgang bewegen.

Der Herausgeber von Manteuffels »Denkwürdigkeiten« stilisiert den Abgesetzten als selbstlosen Vorläufer Bismarcks. Ohne Manteuffels aufopfernde Vorarbeit wäre Bismarck als »Baumeister des deutschen Reichs« nicht denkbar gewesen. Denn dafür mußte die Revolution niedergeschlagen werden und dem »Königthum von Gottes Gnaden« zum Sieg verholfen werden. So reiht sich Manteuffel ein in die lange Kette derjenigen Politiker, die von den einen als Vaterlandsretter hochgejubelt und von den anderen als Reaktionäre verteufelt werden.

Michaela PrinzingerLiteratur: Unter Friedrich Wilhelm IV. Denkwürdigkeiten des Ministers Otto Frhrn. v. Manteuffel. Berlin 1901. Handbuch der preußischen Geschichte II.

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