Kreuzberger Chronik
Dez. 2002/Jan. 2003 - Ausgabe 43

Die Literatur

Claudia Marschner - Schneewittchen und das Happy End


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von Claudia Marschner

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Mein Freund Manuel hatte mich für abends ins Theater eingeladen. (…) Etwa eine Stunde lang genoss ich die Musik und die Stimme des Märchenerzählers aus dem Off, bis die Geschichte zu jener Stelle kam, die mich nun doch in meinen Alltag zurückholte: Schneewittchen starb.

Als der Vorhang sich wieder öffnete, stand nur der gläserne Sarg auf der Bühne. Der Raum war verdunkelt und ein Spot fiel auf Schneewittchen. Sie war auf blutroten Samt gebettet und ihr weißes Kleid erinnerte mich an eine Hochzeit. Glitzernde Partikel fielen von der Decke auf sie herab, und einer der Zwerge saß mit gesenktem Haupt neben ihr. Ein bewunderndes Raunen ging durch den Saal. Das Licht ließ den gläsernen Sarg prachtvoll funkeln, und es war eine traurige, spannungsvolle Stille im Publikum zu spüren. Aber dann mußte Schneewittchen singen. Im Publikum kam Gelächter auf. Eine Frau, die an einem Apfelstück erstickt war, tot im Sarg lag und aus voller Kehle sang, hatte entschieden etwas Komisches.

Ich fühlte mich ein bisschen an jenes »So Gott will« bei Mutters Beisetzung erinnert und an das nervöse Lachen, das es uns entlockt hatte. Dann kam der Prinz auf die Bühne geschritten, kniete vor Schneewittchen nieder und beteuerte, dass er den Zwergen alles dafür geben würde, könnte er den Sarg nur mitnehmen.

Urplötzlich spuckte Schneewittchen das Apfelstück aus und erwachte. Der Sargdeckel wurde schleunigst abgenommen, und der junge Mann mit der endlos langen Feder am Hut machte Schneewittchen, noch während sie im Sarg saß, unverzüglich einen Heiratsantrag.

Ich saß auf meinem Platz und dachte, dass ein gläserner Sarg in meinem Bestattungsinstitut wohl eine beträchtliche Provokation bedeuten würde. Es würde Kritik hageln, man würde nach PIETÄT schreien. (…)

Nach dem Theater erzählte ich Manuel die Geschichte von dem Tierpräparator, der seine Frau bei sich behalten wollte. Manuel schauderte: »Großer Gott, wie abartig! Das ist ja ekelhaft.«
»Das sagst du so. Aber schau dir doch den Prinzen an: Er möchte unbedingt das tote Schneewittchen samt Sarg mitnehmen. Und keiner stößt sich dran, im Gegenteil. Man findet es rührend und romantisch.«

Das Happy End war vielleicht schon der schöne gläserne Sarg und der glitzernde Regen, der auf Schneewittchen herabfiel? Ein treuer Zwerg, der mit gesenktem Haupt die Totenwache hielt und ein Prinz, der alles für ihr Leben geben würde?

»War es unbedingt notwendig, dass Schneewittchen den Apfel wieder ausspuckte?«, fragte ich. – »Naja, Claudia, ist ja klar, dass du es als Bestatterin so sehen musst. Wäre ja dein Bankrott, wenn die Verstorbenen im Sarg wieder aufwachen würden.« – »Stell dir bloß mal diese Peinlichkeit vor: Schneewittchen stirbt, und ich rufe gleich aus dem Theater meine Mitarbeiter an, die sich daranmachen, die Verstorbene von der Bühne zu tragen. Ich strecke dem hinterbliebenen Zwerg den Auftrag zum Unterschreiben hin – und genau in diesem Moment erwacht sie wieder.«

Manuel griff meine Überlegungen von vorhin wieder auf. »Meinst du wirklich, eine Bestattung könnte zum Happy End werden?« – »Warum nicht? Andere Kulturen bezeichnen unser Diesseits als die Vorstufe zum eigentlichen Leben. Das Leben meiner Mutter zum Beispiel hätte dringend ein Happy End gebraucht, weil zu vieles in ihrem Leben nicht gelebt war. Ihr Tod war so grausig; da hätte die Beerdigung nicht auch noch so grausig sein dürfen. Sie wurde mit Orgelmusik und Nelken aus der Welt geschafft, nicht etwa gefeiert oder verabschiedet. Ihr Leben wurde nicht gekrönt, es machte eine direkte steile Abfahrt in ein Friedhofsloch.«

»Was kränkt dich daran so sehr?«, forschte Manuel. – »Wenn einer von uns gestorben wäre, hätte sich Mama nie um die Bestattungskosten geschert. Ich weiß, dass sie Sabine oder mich nie hätte verbrennen lassen. Großzügig und voll Schönheitssinn, wie sie war, hätte sie für uns eine prachtvolle und unvergessliche Erdbestattung veranstaltet …

Entnommen aus Claudia Marschner, »Buch Bunte Särge«, Ullstein Verlag <br>

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