Oktober 2025 - Ausgabe 273
Reportagen, Gespräche, Interviews
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Wagner in der Unterwelt
von Horst Unsold Fotos: Holger Groß |
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Foto: Holger Groß
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Zu den meisten Dingen gibt es solche Geschichten. Auch zu den Plakaten vom Tierpark, die gleich drei Kellerwände in der Katzbachstraße mit großartigen Tierzeichnungen schmücken: Elefanten, Giraffen, Löwen... Wagner hatte sich mit seinen Freunden im ehemaligen Ballsaal von Kliems Festsälen an der Hasenheide eingemietet. »Da war meine Großmutter noch drin, als es ein Kino war. Da kamen ständig irgendwelche Leute herein und erzählten Geschichten von damals.« Einmal kam eine Frau vom Tierpark, wo sie gerade das Archiv auflösten. »Wir sind sofort hin und haben die Tierpark-Plakate erstanden, dazu ein paar Schränke. In einem hatten sie vergessen, die Schubladen auszuleeren. Auf den Schildchen stand Arme, Schädel, Zungen... - und bei den Zungen waren noch drei drin: eine vom Orang Utan, eine vom Löwen und die von der Tigerdame Soundso«, erzählt Wagner, der ein Faible für Überraschungen hat. Deshalb hat er die Zungen auch im Schrank gelassen und die Kundschaft erschreckt, wenn er die Lade aufzog und die stachlige Zunge zeigte. »Irgendwann waren sie verschwunden, die hat wohl jemand mitgenommen.« Auch die Sachen selbst erzählen Geschichten. Die alten Bühnen- und Filmscheinwerfer zum Beispiel! Wagner hat unzählige von ihnen, weshalb ständig Filmausstatter auftauchen und sich Scheinwerfer ausleihen. Oder sie holen die alte Kirchenbank, Ventilatoren, Bürostühle, oder ein paar Exemplare der Zeitschrift Selbst ist der Mann – Do it yourself. Oder diesen wirklich phantastisch uralten und mausgrauen Fernsehapparat, wie man ihn vom Sandmänchen kennt. Oder Bahnhofsuhren, Barhocker oder das Schild, das einmal am Le Parthenon hing, dem Schnellzug, der von Paris – GARE DE LYON – über Lausanne und Bologna bis ans Meer fuhr: Endstation: RIMINI. Jakob Wagner hat ein Herz für Vergangenes. Achtlos Aussortiertes. Ausgedientes. Altes. Selbst die akkurate Arbeit eines Elektrikers, der die ersten stoffummantelten Kabelstränge in einer akkuraten Fünferreihe an die Bierkellerwände legte, hat er nicht achtlos aus der Wand gerissen, sondern zum Objekt gemacht. Auch die eisernen Weinregale der Weingroßhändler Max Gruban & Souchay, die nach den Bierbrauern hier einzogen, sind alle noch da, ebenso wie ein paar staubige Flaschen Weißwein und Trester. Die Familie Gruban gehört zu den letzten privaten Hausbesitzern am Viktoriapark. Die meisten haben an Immobiliengesellschaften verkauft. Anders als die renditeabhängigen Großfirmen konnten die Weinhändler ihre zwei Kelleretagen zu einem fairen Preis anbieten. Die alten Regale und die riesigen Weinfässer, die noch in der unteren Etage stehen, haben sie ihren neuen Mietern geschenkt. Sie haben auch nichts dagegen, wenn die Keller als pittoreske Kulisse für Konzerte oder Lesungen dienen. Wagner hat interessante Leute kennengelernt auf seinem Weg der Zwischennutzungen. Er hatte nie Geld für langfristige Mietverträge und war immer nur in diesen Nachwendelücken. Es begann mit einem nach dem Ende der DDR wertlos gewordenen Büro-Neubau, in dem er mehrere Etagen mietete. Er war in den S-Bahnbögen am Holzmarkt, in Kliems Festsälen an der Hasenheide und fünf Jahre lang in den Flohmarkthallen der Arena. »Ich bin viel umgezogen!« In der Katzbachstraße könnte er eine dauerhafte Bleibe gefunden haben. »Das hier ist riesig!«, sagt Wagner und meint damit nicht nur die 1000 Quadratmeter. Wir waren schon zwei Monate hier drin, da haben wir noch ein Zimmer entdeckt!« Zwei Tage, zehn Leute, ein großer Lkw, dann hatten sie das Meiste hier unten. Seitdem sind sie am Einrichten. Am Phantasieren. Am Spielen. Haben zwischen dem ersten und zweiten Kellerstockwerk eine Rutschbahn installiert. Die holten sie von einem Kinderspielplatz an der Naunynstraße, der abgerissen werden sollte. »Die hätten die zerschnitten und in den Container geworfen!« Als Wagner noch in der Arena war, hatte er ein hölzernes Büro auf Stelzen, und manchmal, wenn unten Kundschaft oder Freunde auftauchten, rutschte er zur Begrüßung mit offenen Armen herunter und fragte: Womit kann ich dienen? Die Keller in der Katzbachstraße sind ideal für Jakob und seine Freunde. An den Samstagen ist hier unten schon richtig Betrieb. Es kommen Sammler, Künstler, Ausflügler, sogar Familien mit Kindern. Alle sind begeitstert. »Das kostet ja nicht mal Eintritt!«
Foto: Holger Groß
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