Kreuzberger Chronik
November 2025 - Ausgabe 274

Straßen, Häuser, Höfe

Bergmannstraße 22


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von Werner von Westhafen
Fotos: Peter Plewka


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Rückseite historischer Postkarte, Sammlung Peter Plewka
Rückseite historischer Postkarte, Sammlung Peter Plewka, Bergmannstraße 22 - Foto: Peter Plewka


Die Ansichtskarte aus der Sammlung von Peter Plewka zeigt, ebenso wie die Grußkarte mit der Großdestillation von Oskar Schulz in der Bergmannstraße 32 aus unserer letzten Ausgabe, eine Restauration. Diesmal ist es das Café Mühlrath in der Bergmannstraße 22, nur wenige Meter von Schulzens Trinklokal entfernt. Nicht nur zeigen beide Karten Lokale in der Bergmannstraße, auch der Empfänger der Postkarten ist derselbe: Herr Haßfeld in Coburg. Doch liegen zwischen den beiden Grüßen aus Berlin viele Jahre.

Die Karte vom Café Mühlrath wurde am 23. April 1906, in den noch friedlichen und glanzvollen Gründerzeitjahren acht Jahre vor Beginn des ersten Weltkrieges, an den »Feldwebel E. Haßfeld« abgeschickt. Wie gut es einigen Bewohnern der Bergmannstraße zu jener Zeit ging, bestätigt ein Blick auf die gläsernen Reklametafeln des vornehmen Cafés. In dem zweistöckigen Etablissement gibt es einen »Damensalon« für die Nichtraucherinnen und ein »Rauch- & Lesezimmer« für die Herren. Für die weibliche Kundschaft gibt es Schokolade von Sarotti, deren Produktion nicht weit entfernt am Mehringdamm liegt, und für die männliche Kundschaft gibt es dunkles Bier von Haase und Pilsener Urquell von Camphausen. Im Schaufenster des Cafés stehen kunstvoll aufgetürmte Torten, es gibt Eiscreme, »bunte Schüsseln« und Baumkuchen. Man nimmt Bestellungen entgegen und liefert mit eigenem »Versand- geschäft«. Beleuchtet wird die schmuckvolle Fassade durch zwei große Gaslampen, die vom darüberliegenden Balkon hängen und Schau- fenster sowie Trottoir beleuchten.

Wie auf den Postkarten um die Jahrhundertwende üblich nutzten die Absender jede freie Stelle auch auf der Vorderseite, um noch den einen oder anderen Gruß an den Empfänger in der Ferne unterzubringen. Auch auf der Karte mit der Nummer 3049 hatte die »Graphische Industrie, Berlin S.W. 48« neben der Fotografie des Cafés und seines stolzen Konditors, der mit Schürze und Tortenplatte in der Hand vor der Tür steht, Raum für einige letzte Worte gelassen. Dort lassen neben dem Absender dann noch eine Frieda, ein Rudolf sowie ein Onkel grüßen, sogar Platz für ein »Prost! - Fritz« findet sich noch.

Die Karte von der Großdestille in der Bergmannstraße 32 geht erst im Mai 1931- also 25 Jahre später – auf die Reise nach Coburg. Sie ist nicht mehr an den Feldwebel, sondern an den zivilen E. Haßfeld gerichtet. Darin wünscht ihm Karl zum 55. Geburtstag Glück und Segen. Postkarten sind etwas Alltägliches geworden. Kein Fritz prostet ihm mehr zu, und auch von Frieda ist keine Rede mehr.

Womöglich landeten die Postkarten des ehemaligen Feldwebels nach dessen Tod zusammen mit anderen Postkarten, Briefen und Dokumenten, die den Nachfahren beim Ausräumen der Wohnung unwichtig erschienen, bei einem Trödler oder auf einem Berliner Flohmarkt, wo sie der Kreuzberg-Sammler Peter Plewka auf einem seiner wochenendlichen Spaziergänge entdeckte.

Das Haus mit der Nummer 22 und dem vornehmen Café existiert nicht mehr. Es muss, ebenso wie das daneben liegende Eckhaus an der Friesenstraße, im Krieg zerstört worden sein. Als die Evangelisch- Freikirchliche Gemeinde die Kellerräume des Seitenflügels 2018 sanierte, stieß sie auf keine steinernen Grundmauern mehr, das Haus im Hof steht bereits auf Betonfundamenten. Ein paar alte Ziegel, die bei der Renovierung der Kellerräume zwischen den Hohlblocksteinen gefunden wurden, sind die letzten Überreste des historischen Gemäuers.

Die Nummer 22 war von Anfang an als Gotteshaus konzipiert und wurde 1959 mit einem weit in den Seitenflügel reichenden Gemeindesaal fertiggestellt. Die große, finanziell abgesicherte Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde aus Schöneberg hatte das Grundstück an der Bergmannstraße schon damals mit der Absicht erworben, das neue Haus den Brüdern in Kreuzberg zu überlassen, die in den Sechzigerjahren einen nur provisorischen Unterschlupf in ehemaligen Gewerberäumen am Mehringdamm 64 gefunden hatten. Im Juni 1985 trugen die Kreuzberger Gemeindemitglieder anlässlich ihres feierlichen Umzugs ins neue Domizil ein großes Holzkreuz durch die Zossener Straße, die in gerader Linie auf das Haus Bergmannstraße 22 zuführt. Noch heute weist auf dem Dach des Hauses ein grünleuchtendes Neonkreuz am Ende der Zossener Straße Gläubigen den Weg.

Als die Christen ihre ersten Gottesdienste im Saal an der Bergmannstraße abhielten, hatte noch der Juwelier Schreiber im Vorderhaus sein Geschäft. Als Schreiber 1999 in den Ruhestand ging, eröffnete die Gemeinde in den alten Geschäftsräumen ein kostenloses »Internetcafe« für Jugendliche. »Das war damals noch ganz etwas Neues und fand natürlich regen Zulauf«, erinnert sich Pfarrer Jonathan Scheer. Betrieben wurde das Café von der zwei Jahre zuvor gegründeten »Evangelischen Aktion Kreuzberg«, einer Gruppe von Sozialarbeitern und Evangelen, die Freizeitangebote und Lernhilfen für Kinder, Jugendliche und Migranten offerierte. Sie sind mit ihren Angeboten inzwischen in die ausgebauten Räume im Souterrain des Hinterhofgebäudes umgezogen.

Heute ist da, wo einst das Café Mühlrath, später der Juwelier und das Internetcafé waren, das Café Breakout. Es ist nicht ganz so vornehm wie das historische Café, aber es ist mit seinen Tischen im grünen Hinterhof, mit dem duftenden Espresso, den Kuchen und den hölzernen Terrassen vor dem einstigen Keller des Seitenflügels einer der letzten noch ruhigen Orte in der Bergmannstraße. H. U.

Historische Postkarte, Sammlung Peter Plewka, Café Mühlrath - Foto: Peter Plewka

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