November 2025 - Ausgabe 274
Helmut
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Lügengeschichten
von Dieter Peters |
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»Lügen«, sagte er, »ist eine Kunst. Die meisten machen dumme Fehler. Bei einer guten Lüge muss jedes Detail stimmen, und sie muss sich nahtlos in die Wahrheit einfügen. Bei großen Lügen muss man ständig auf der Hut sein. Es gibt Lügen, die wird man nicht mehr los, die schleppt man ein Leben lang mit sich herum.« Wenn Helmut sagte, etwas sei »erstunken und erlogen«, dann in einem Tonfall aus Verwunderung und Bewunderung. Er war fasziniert von B. Travens »Totenschiff« und der Geschichte dieses Staatenlosen, der vor Verfolgung und Gefängnis auf einen rostigen Dampfer flüchtet, mit dem er untergeht. Ein fesselnder, zeitloser, guter Roman, doch wäre er womöglich nie in Helmuts Regal gelandet, wäre es dem Autor dieses Weltbestsellers - übersetzt in 24 Sprachen, 10 Millionen mal verkauft - nicht gelungen, sich ein Leben lang hinter dem Pseudonym Traven zu verbergen. Am Ende ließ er seine Asche vom Flugzeug aus in alle Winde verstreuen, damit auch anhand seiner DNA niemand später zweifelsfrei seine Identität nachweisen konnte. Helmut war begeistert. Ebenso faszinierte ihn Blaise Cendrars. Niemand zweifelte daran, dass die wunderbaren Erzählungen dieses französischen Bohemiens auf seinem abenteuerlichen Vagabundenleben basierten. Die anlässlich seines Todes am Grab versammelte literarische Welt von Paris wunderte sich, als plötzlich ein unbekannter Schweizer auftauchte, der behauptete, der Bruder des Verstorbenen zu sein. Allmählich wurde allen klar: Cendrars war nie auf See gewesen, alle diese fantastischen Geschichten aus Asien, Südamerika und ganz Europa waren sämtlich erstunken und erlogen. Pure Literatur. Helmut klatschte sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Noch in seinen letzten Tagen beschäftigte sich Helmut mit der perfekten Lüge. Sein Plan, den Zimmernachbarn in seiner Seniorenresidenz mit einer Überdosis an Medikamenten um die Ecke zu bringen, war noch nicht ganz ausgereift, »aber ich bin fast schon fertig!«, berichtete er eines Tages freudig erregt einem Besucher, kaum dass er eingetreten war. »Das Problem ist, dass die mich sofort verdächtigen werden, weil ich ständig über das schlechte Programm und die Lautstärke seines Fernsehers schimpfe. Aber heute Nacht hatte ich eine Idee, ich muss nur noch ein bisschen daran feilen….« Er kicherte. Zur Ausführung des Planes kam es nicht mehr. Der Tod irrte sich in der Tür und klopfte bei Helmut, nicht beim Zimmernachbarn an. |









