November 2025 - Ausgabe 274
Geschichten, Geschichte, Gerüchte
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Schleiermachers Amouren (3): Der Theologe und die scönste Frau Berlins
von Eckhard Siepmann |
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zeitgenössische Karikatur eines Ungleichen Paares: Henriette Herz und Friedrich Schleiermacher
Ein Theologe als Superstar, wie war das möglich? Ausgerechnet in Berlin, einer Stadt, deren Einwohner damals und noch lange eher durch Schnoddrigkeit und Hohnbereitschaft glänzten als durch ein Bedürfnis nach Theologie aufgrund metaphysischer Obdachlosigkeit. Goethe bemerkte dazu 1823: In Berlin »lebt ein so verwegener Menschenschlag beisammen, daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.« Schleiermacher jedenfalls war bei Jung und Alt beliebt, weil aus ihm in unvergleichlicher Weise ein Gemisch aus tiefem Gemüt, scharfem Intellekt, fröhlichem Geselligkeitsbedürfnis und überraschendem Witz sprach. Gefragt, wie er sich den tumultösen Andrang bei seinen Predigten erkläre, gab er zum Besten: »In meine Kirche kommen hauptsächlich Studenten, Frauen und Offiziere. Die Studenten wollen meine Predigt hören, die Frauen wollen die Studenten sehen, und die Offiziere kommen der Frauen wegen.« 1799 veröffentlicht der nun Neunundzwanzigjährige anonym eine Schrift, die ihn zum radikalsten Glaubensrebellen seit Luther macht. Die Reden über die Religion sind gerichtet »an die Gebildeten unter ihren Verächtern«, an die aufgeklärten Bürger, die den Kirchen in Scharen den Rücken zuwandten. Sie hatten die Nase voll von Sünde und Jenseits, und genau da setzt der Rebell an: Religion hat bei ihm nichts am Hut mit Moral und Metaphysik. Sie wird eine moralferne und rein irdische Angelegenheit. »Mitten in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in jedem Augenblick«, das ist ein Paradoxon, aber für Schleiermacher bedeutet genau das Religion. Religion ist hier auch eine Bewußtseinserweiterung, ein Ausbruch aus der Käfig-gestalt des Alltags, ein Akt der täglichen Befreiung. Gedanken dieser Art wurden schon bei den Spaziergängen mit Henriette Herz Unter den Linden laut. Die junge Jüdin war hochgewachsen und von hinreißendem Äußeren, Schleiermacher dagegen von kleiner Statur und bucklig: In seiner Kindheit hatte ihn die Schwester versehentlich fallen gelassen, und das bescherte ihm einen Buckel. Der Hohn der Berliner, der nicht ausbleiben konnte, war dem Paar schnuppe, es verlegte nicht einmal seine Palaver an einen einsameren Ort und amüsierte sich über eine gehässige Karikatur ihres Verhältnisses. Als die Freundin ihn auf Geschlechterverhältnisse hin anspricht, nähert sich der Theologe queeren Tönen: »Ich glaube an die unendliche Menschheit; die da war, ehe sie die Hülle von Männlichkeit und Weiblichkeit annahm.« »Und was ist mit Gott?«, fragt da Henriette den theologischen Rebellen, »den wirst Du uns doch wohl lassen.« - »Das hängt ab von der Richtung eurer Fantasie. Der Glaube an Gott ist eine Möglichkeit, aber keine zwingende.« Die Freundin ist geschockt. Schreckliches ahnend fragt sie weiter: »Und wie hältst Du es mit der Bibel?« - »Nicht der hat Religion, der an eine heilige Schrift glaubt, sondern welcher keiner bedarf und wohl selbst eine machen könnte.« - »Du meinst, es komme auf die selbsterlebten tiefen Offenbarungen an, nicht auf irgendwelche Autoritäten?« - »Ja. In wessen Innern nicht eigene Offenbarungen aufsteigen, wenn seine Seele sich sehnt, die Schönheit der Welt einzusaugen und von ihrem Geiste durchdrungen zu werden, der hat keine Religion.« Henriette umarmt den geliebten Enthusiasten und schweigt eine Weile. Als Schleiermachers Leben endet, helfen ihm schmerzlindernde und leicht berauschende Tropfen über letzte Bosheiten seiner Frau hinweg. Im Sterben liegend, überkommt ihn ein Gefühl der Glückseligkeit: »Wie ist mir alles so schön versöhnend, vermittelnd, wie herrlich!« Leute, die heute in Scharen den Kirchen den Rücken zukehren und sich zum Basteln in ihren religiösen Hobbykeller begeben, sollten in einer Ecke ihrer Werkstatt ein Bildnis des kleinen, buckligen Schleiermacher anbringen. Und, falls es sie einmal in die Schleiermacherstraße verschlägt, sollten sie des Mannes gedenken, der die Kreuzberger begeistert und die Theologie revolutioniert hat. |









