Kreuzberger Chronik
November 2025 - Ausgabe 274

Geschäfte

Krumulus


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von Ina Winkler

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Alles, was Spaß macht

Kürzlich kam ein höflicher Herr in den Kinderbuchladen am Südstern. Er wollte kein Buch, er hatte »nur eine Frage. Ich habe zwei Enkel. Ich habe ihnen schon das Buch vom bösen Rotkäppchen und dem lieben Wolf geschickt. Dann habe ich selbst zwei Geschichten erfunden und aufgeschrieben, und da waren sie so begeistert, dass beide nun Schriftsteller werden wollen. Und da habe ich mir gedacht, vielleicht sollte ich mir einen Verlag suchen und Geschichten schreiben. Sie kennen doch sicher viele Verlage…«

Sven vom Krumulusladen hätte vielleicht auch den einen oder anderen Tipp gehabt. Er ist schon sehr lange Buchhändler und hätte dem netten Großvater auch gerne weitergeholfen. Aber er hatte alle Hände voll zu tun, verschwand ständig im Keller und kam mit großen Bücherkisten wieder nach oben, wo er sie einen Meter hoch aufeinanderstapelte. Lauter Bestellungen, fünfzehn Kisten voll! Vielleicht hätte er das alles stehen oder liegen gelassen, wenn er gewusst hätte, dass sein Gesprächspartner schon viele Geschichten verfilmt hatte, und dass er sich, weil seine Augen zu schwach wurden für die Filmerei, entschlossen hatte, seine Geschichten künftig nur aufzuschreiben. Das geht auch noch mit geschlossenen Augen. So aber sagte er: »Tut mir leid, ich habe gerade einfach keine Zeit«, und verschwand wieder im Keller.

Sven hat tatsächlich viel Arbeit. Ständig kommen neue Leute herein. Kinder kommen angeradelt und stehen mit ihrem Fahrradhelm plötzlich vor ihm und erklären, sie hätten gestern ein Buch bestellt. Zwei Mütter mit vier Kindern durchsuchen ein Regal nach Momo oder Michel aus Lönneberga. Amerikanische Touristen stehen kichernd im Kinderbuchladen, weil diese schwachsinnige KI auf ihren Handys sie in eine »Galerie-Buchladen-Druckwerkstatt« geleitet hat.

Kürzlich kam Jakob Martin Strid, ein Bestsellerautor, der sich nur noch selten zu öffentlichen Auftritten überreden lässt. Er kam eigens aus Dänemark angereist, um sein neues Buch vorzustellen. Nicht etwa bei Hugendubel, nicht im Mediamarkt, sondern am Südstern in der Buchhandlung von Anna Morlinghaus! 15 Jahre hatte er an dem neuen Buch vom »Fantastischen Bus« gesessen, der Erwachsene oft an die Magical Mystery Tour und Roadmovies erinnert. Und Sven, der Bastler, hatte aus diesem Anlass den Bus detailgetreu aus Pappe nachgebaut und im Laden aufgestellt - »den schicken wir dem Autor demnächst in einem Paket nach Schweden. Als kleines Dankeschön.«

Dem Autor folgte eine Traube von etwa 40 Menschen in das kleine Lesezimmer. Strid las, im »Bilderbuchkino« wurden die Seiten des Buches an die Wand geworfen und Sven, der früher Schattentheater gespielt hat, inszenierte einzelne Szenen der Geschichte sogar live auf der »Bühne«. Beim Signieren standen die Leute in der Schlange. »Das war toll. Der Mann war zwei Stunden lang nur damit beschäftigt, Widmungen zu schreiben. Wir haben noch nie so viele Bücher verkauft bei einer Lesung, und das, obwohl das Buch 68 Euro kostet!«

Es ist aber auch ein wirklich großes, dickes, fantastisches Buch, 40 Zentimeter lang, 30 breit, 3 Zentimeter dick und bestimmt ein Kilo schwer. Es liegt gleich neben Strids Bestseller, der unglaublichen Geschichte von der Riesenbirne, in der zwei Kinder aus Glückshafen keinen Fisch an der Angel haben, sondern – wie üblich! - eine Flaschenpost mit einem geheimnisvollen Brief, in dem von einer geheimnisvollen Insel berichtet wird, »etwas nördlich von…« An dieser Stelle hat das Salzwasser das Papier aufgeweicht - doch ebenfalls in der Flasche ist ein winziges Samenkorn. Mika und Sebastian setzen es noch am selben Abend in die Erde, und schon am nächsten Morgen… .

Auch für Karen Exners Hut-Buch hat Sven zu Pappe und Schere gegriffen. Es wurde unter die zehn schönsten Bücher Deutschlands gewählt, heißt Hüte und zeigt verschiedenste Kopfbedeckungen aus aller Welt. Also hat Sven 12 Hüte gebastelt, »die sind jetzt in einer Ausstellung im Hamburger Kinderbuchhaus zu sehen.«
Auch in der »Galerie« am Südstern hängen wechselnde Ausstellungen, meist kunstvolle Illustrationen aktueller Kinder- oder Jugendliteratur. Schließlich hatte schon Vater Morlinghaus als Illustrator gearbeitet, und auch Tochter Anna hat nicht umsonst Kunst und Drucktechnik studiert. Und nicht umsonst sofort dieses Ladengeschäft gemietet, als plötzlich die vielen Puppen mit den schleierhaften Brautkleidern aus dem Schaufenster verschwanden: Jetzt stehen im Keller drei Druckpressen. Kindergartenkinder und Schulklassen steigen regelmäßig die abenteuerliche Wendeltreppe runter und drucken Köpfe, Muster, Buchstaben. Nicht mehr lange, dann können die zwei Leseclubs, die sich regelmäßig im Buchladen treffen, von dem kleinen Lesezimmer in den Vorlesesalon in der Remise ziehen.
Die Bücherwelt am Südstern ist groß. Es gibt Bilderbücher, Vorlesebücher, Selbstlesebücher, Jugendbücher, Comics, Hörbücher und kleine Ratgeber wie Keine Angst vor der Angst oder Das ABC der Schadenfreude. Und in der Belletristikabteilung sogar Bücher für Erwachsene, eine wortwörtlich erlesene Auswahl: »Bücher, die wir oder unsere Kunden gelesen und schön gefunden haben.«
Es gibt aber nicht nur Bücher und Buchstaben bei Krumulus. Es gibt eigentlich alles, was Spaß macht: Luftballons, Murmeln, Goldtaler, Zauberstifte und Zauberwürfel, Stempel mit Totenköpfen, Fahrrädern, Smilies... - und irgendwie sieht das alles aus, als hätte Anna irgendwann ihr riesengroßes Kinderzimmer ausgeräumt und in diesen Laden am Südstern geschafft.


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