Kreuzberger Chronik
November 2025 - Ausgabe 274

Mühlenhaupts Erinnerungen

Prominente


linie

von Kurt Mühlenhaupt

1pixgif

Im Leierkasten war bei Tage nicht viel los, erst ab fünf kamen ein paar Arbeiter. Einer hieß Eddi, der dann mit Rosi flipperte. Manchmal standen sie am Tresen und stukten endlos um die Lage. Auch die alten Familienstammkunden von ringsum kamen zum Teil wieder. Für die waren wir das erweiterte Wohnzimmer, denn damals hatte noch nicht jeder einen Fernseher. Ab 19 Uhr war damit zu rechnen, daß die ersten Studenten auftauchten. Danach fanden sich die Künstler ein. Je später es wurde, um so gemischter war die Gesellschaft. Den Höhepunkt erreichten wir um Mitternacht. Wenn ich rüberging, saß ich nicht selten bis morgens fest. Sonnabends war der meiste Betrieb. Einmal war die Kneipe voll bis auf den letzten Stuhl. Rosi torkelte zwischen uns umher, da kam Hardy Krüger mit einem Schwarm Begleitung. Kaum einer nahm Notiz von ihnen. In unserer Kneipe saßen ja nur Persönlichkeiten. Jedenfalls bildeten sie sich ein, welche zu sein.

Hardy wollte von der Wirtin einen Stuhl. »Hier ist Selbstbedienung!«, schnarrte sie ihn an. »Geh nach hinten in die Kammer, da stehen noch ein paar Klappstühle.« Auch Curd Jürgens hatte sie übersehen. Als sie von der Toilette kam, stolperte sie über ihn. Er saß oben neben dem Leierkasten. Rosi begrüßte ihn, was sie sonst ganz selten tat. Sie beugte sich über seinen großen Körper und sagte: »Det is ein Mann, een janz jewaltiger Mann. Mein Mann heißt auch Kurt. Det, det, det da ist mein Mann.«

Und zeigte in meine Richtung. Ich stand unten und schenkte Bier aus. Mir blieb ja nichts weiter übrig. Dabei hörte ich immer wieder: »Do, do, det ist mein Mann.« (…)

Hier im Leierkasten war es ein sehr gemischtes Publikum. Es trafen sich Reiche und Arme, eine Halbwelt, die meisten waren Egozentriker. Dann waren da noch die ganz reichen Galeristen, wie die Familie Karsch. Sie brachten andere Künstler mit, wie den Horst Janssen aus Hamburg. Auch Dichterfürsten wie Grass und Meier, Höllerer und Christoph Meckel, oder die aus dem Osten, wie Manfred Bieler. Ein anderes Mal verabredeten wir uns, um Johannes Bobrowski in Ostberlin zu besuchen. In solchen Nächten ging es recht turbulent zu. Es gab keine Reibereien zwischen Ost und West. Wer von drüben nicht kommen konnte, den besuchten wir. Es wurde auch Politik betrieben, und wenn gestritten und geprügelt wurde, waren es die Roten untereinander, die Stalinisten gegen die Maoisten. Es war in Berlin fast Mode, sich einander in die Haare zu gehen.

Das ging so lange, bis in Charlottenburg die Kneipe »Natubs« aufmachte. Ihr Kennzeichen war ein riesiger, runder Tisch, der mitten im Raum stand und um den sich alle Anhänger Mao´s scharten. Von da ab war Ruhe im Leierkasten.

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2026, Berlin-Kreuzberg