Juli 2025 - Ausgabe 271
Straßen, Häuser, Höfe
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Der Blücherplatz
von Ina Winkler |
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Blücher war der Größte. Er besiegte Napoleon. Doch jetzt kommt Eva. Leberecht von Blücher, der siegreiche General, zu Lebzeiten ein Nationalheld und von den Berlinern als alter Haudegen verehrt, war in der europäischen Welt bekannt als der Mann, der bei Waterloo Napoleon bezwang. Er war es, der Preußen von den Franzosen befreite. Weshalb ihm in der rasant über die Stadtmauern hinauswuchernden Stadt Berlin in der Nähe des Kreuzbergs - wo auch die Namen seiner Kollegen Gneisenau, Yorck und Horn auf Straßenschildern einen Platz erhielten - nicht nur eine breite Allee, sondern darüber hinaus noch zwei Blücherplätze gewidmet werden sollten. Etwa dort, wo heute der Gleisdreieckpark liegt. Der Historiker Christoph Hamann beschrieb die Pläne des Architekten James Hobrecht folgendermaßen: »Nach dem Vorbild von Paris und auf Wunsch des Königs sollte eine Ringstraße die Innenstadt im Stile eines Boulevards umfassen. Außerdem waren Ausfallstraßen vorgesehen. 1862 wurde der Plan genehmigt. Wie Edelsteine auf einer Kette sollten auf der Ringstraße in regelmäßigen Abständen hübsche Plätze als Schmuckstücke dienen. Die abschließenden Prunkstücke dieses Geschmeides - wie Werner Hegemann es formulierte - sollten der Wahlstatt- und der Blücherplatz sein. Vorgesehen waren zwei ineinander übergehende Plätze, aneinander gefügt aus einem achteckigen und einem lang gestreckten Teil, zusammengerechnet mit einer Länge von knapp mehr als einem halben Kilometer und stolzen Breiten. Blücher war auch Fürst von Wahlstatt – daher die zwei Namen und die zwei Plätze. Darunter machte man es in Zeiten nationaler Hochgefühle nicht mehr.« Doch noch bevor die Entwürfe Hobrechts Wirklichkeit wurden, durchkreuzte die Eisenbahn die Pläne. Die kerzengerade Yorckstraße des Entwurfs bekam einen empfindlichen Knick und die Hornstraße endete abrupt vor der Backsteinmauer des Anhalterbahnhofs. Auch die beiden Plätze für Blücher mussten der heranrasenden Dampflok weichen. Am Ende wurde eine unbedeutende Rasenfläche zwischen Friedhof und Kanal mit Blüchers Namen beehrt. Nach dem Krieg erhielt dann auch die berühmte Belle-Alliance- Straße einen Knick und einen neuen Namen: Mehringdamm. Die Zerstörungen am 3. Februar 1945 waren gewaltig gewesen, es wurde großflächig abgeräumt und neu gebaut. Der von Tempelhof kommende Mehringdamm führte nun nicht mehr in gerader Linie auf die Brücke am Halleschen Tor zu, sondern bog nur wenige hundert Meter vor der Wasserstraße nach Westen ab. Vom Blücherplatz ist nicht viel geblieben: Ein Stückchen Rasen zwischen dem Kaufhaus am Kanal und der Amerika Gedenkbibliothek, die mitten auf dem ohnehin schon kleinen Platz errichtet wurde. Sollte der geplante Ausbau zur Zentral- und Stadtbliothek tatsächlich verwirklicht werden, wird das kleine Plätzchen noch etwas unbedeutender werden. Nach all den Mutationen und Entstellungen, die Hobrechts Entwurf des Blücherplatzes hat durchmachen müssen, wäre es konsequent, ihm auch einen anderen Namen zu geben. Martin Düspohl, der ehemalige Leiter des Kreuzbergmuseums an der Adalbertstraße, sieht darin kein großes Problem, denn »Der Blücherplatz hat nur drei Hausnummern, was die Anzahl der von der Umbenennung Betroffenen und den Verwaltungsaufwand minimiert. Die Nummer 1 hat die Amerika-Gedenkbibliothek, die Nummer 2 hat das Gebäude mit dem Restaurant Split und dem Optiker Apollo. Die Nummer 3 hat die Poco-Domäne - ein Gebäude, das eng mit der spektakulären Widerstandsaktion von Eva Mamlok verbunden ist.« Über Eva Mamlok und ihre noch unbekannte antifaschistische Widerstandsgruppe hatte das Friedrichshain-Kreuzberg Museum 2024 eine Ausstellung gezeigt, die auf nachhaltiges Echo stieß und woraufhin der Upstadt e.V., der für die Einrichtung eines Geschichts- und Lernortes Kreuzberg in den ehemaligen Pferdeställen der Garde-Dragoner am Mehringdamm kämpft, auf die Idee kam, den Blücherplatz Eva Mamlok Platz zu nennen. Der von der Linkspartei, der SPD und den Grünen unterstützte Antrag hat gute Aussichten, schon bald befürwortet und umgesetzt zu werden. Die Dominanz militärischer Koryphäen auf Kreuzbergs Straßenschildern stößt bei den Bürgern ohnehin gern auf Kritik. »An die Befreiungskriege der Jahre 1813 bis 1815 erinnern im Westteil Kreuzbergs neben diversen Straßen- und Platzbezeichnungen bereits das Schinkeldenkmal auf dem Kreuzberg und die Dichter-Hermen im Viktoriapark. Darüber hinaus ist Blücher mit der mehrspurigen Blücherstraße im Bezirk prominent vertreten. Um die Dominanz der frankophoben und militaristischen früheren Straßenbenennungspraxis zu relativieren, ist eine andere Akzentsetzung bei der Straßen- und Platzbenennung zu begrüßen, die dem heutigen antinationalistischen und antifaschistischen Grundkonsens entspricht.« Die Amerika-Gedenk-Bibliothek hat den Vorschlag der Umbenennung begrüßt, es kam sogar der Gedanke auf, in der Bibliothek einen Erinnerungs- und Informationsraum zu Eva Mamlok und dem Widerstand der jüdischen Berliner einzurichten. »Mit der Platzbenennung«, schreibt Düspohl, »würde nicht nur die jüdische Widerstandskämpferin Eva Mamlok geehrt, sondern auch der Widerstand von Frauen und der von Juden und Jüdinnen in Berlin insgesamt. Sie sind in Berlin bei Straßenbenennungen bisher wenig gewürdigt worden.«
Dragoner vor dem Kaufhaus am Blücherplatz - - Foto: Kreuzberg Museum
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