Juli 2025 - Ausgabe 271
Reportagen, Gespräche, Interviews
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Wir werden weitermachen
von Hans Korfmann |
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Foto: Dieter Peters
Der Investor wartet auf eine Baugenehmigung für sieben bis zu 90 Meter hohe Bürotürme am Parkrand. Die Bürger sind dagegen, aber die Politik ist dafür. Inzwischen beschäftigt die jahrelange Auseinandersetzung die Gerichte. Ein Gespräch mit Matthias Bauer von der Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck e. V. KC: Wenn Sie der Journalist wären, wie würden Sie unser Gespräch beginnen? MB: Naja, ich würde zuerst einmal berichten, dass der Senat Anfang Juni das Genehmigungsverfahren zum Bauvorhaben Urbane Mitte am Gleisdreieckpark dem Bezirk Kreuzberg endgültig entzogen hat, und dass der RBB in der Abendschau daraufhin bereits verkündet hat, dass der Widerstand der Bürgerbewegung nun ausgehebelt sei. Und dann würde ich fragen, ob das stimmt. KC: Und wie würden Sie antworten? MB: Natürlich mit Nein. Wir hatten ja damit gerechnet, dass der Senat dem Bezirk die Kompetenz entziehen würde. Wir waren darauf vorbereitet, und es ärgert mich, wenn die Berichterstattung schon in der Anmoderation das Fazit zieht: Die Bürgerinitiative hat verloren. Das stimmt nicht, wir werden weitermachen. KC: Julian Schwarze von den Grünen hat in diesem Zusammenhang ganz nett formuliert: »Wenn die Bezirke nicht gehorchen, dann wird ihnen einfach die Zuständigkeit entzogen.« Ist das so? MB: Eine gängige Praxis. Das wird aus unserer Sicht auch in der Korrespondenz zwischen Investor und Politik deutlich. Wir hatten ja Akteneinsicht beantragt - »Akteneinsicht nach Informationsfreiheitsgesetz in die Unterlagen zum Bebauungsplan Urbane Mitte«, um genau zu sein. Da haben wir gesehen, wie der Investor den Druck auf den Senat zuletzt deutlich erhöhte und darauf drängte, das Genehmigungsverfahren abzuschließen. In den Akten sind entsprechende Gesprächsvermerke und Emails drin. Ich meine, das ist ja schon völlig verrückt, dass die Senatsverwaltung sich da gegenseitig Emails schreibt und die dann ausdruckt und in die Aktenordner packt, aberdank dieser Praxis wissen wir, wie der Hase läuft - oder zumindest laufen soll. Da liest man dann zum Beispiel, wie der Investor nach der Entscheidung des Senats jubiliert: »Jetzt ist der Weg frei!« KC: Was ärgert sie sonst noch? MB: Der aktuelle Bausenator. Herr Gaebler steht da und behauptet allen Ernstes, wenn man die Hochhäuser nicht wolle, müsse der Park wieder geräumt und an den Investor zurückgegeben werden. Das ist natürlich totaler Quatsch. Das ist eine ausgewiesene Grünfläche. Also: Wir liefern sachliche Argumente und der Senator reagiert mit Drohgebärden! Das ist ärgerlich. KC: Ist das nur ein Muskelspiel des Senators? MB: Naja, Herr Gaebler hat immerhin schon verkündet, dass der Bebauungsplan nach den Sommerferien im Abgeordnetenhaus zur Abstimmung kommen wird. Wenn der Bebauungsplan rechtskräftig wird, müssten wir klagen, und das kostet Geld. Davon haben wir nicht so viel. Wir müssen sammeln. Der Investor nicht. KC: Wie groß sind die Chancen, dass die Klage Erfolg hat? MB: Die Klage geht ja vors Verwaltungsgericht. Das ist nicht einfach, geschätzt 95 Prozent dieser Klagen gehen zugunsten der Verwaltung aus. Aber wir haben die besseren Argumente. Unsere Hauptargumente sind die ökologische Funktion des Parks, seine Beliebtheit, die drohende Verschattung und die Missachtung des Denkmalschutzes für die historischen Viadukte und den Bahnhof. Auch das Denkmalamt ist offensichtlich auf unserer Seite und spricht von der »legendären Strahlkraft des Gleisdreiecks«, die durch die massive Bebauung bedroht wäre. Und dann behauptet der Investor einfach, das stimme nicht. Was soll man da noch sagen? KC: Sie sprachen vom Potsdamer Platz 2.0, Katalin Gennburg von den Linken spricht vom zweiten Potsdamer Platz des Betonsenators Gaebler. Wird das Ganze wirklich so groß? MB: Nicht ganz. Aber der Potsdamer Platz war das Symbol für die Wiedervereinigung. Je weiter die Leute weg waren, umso begeisterter waren sie. Die kamen aus ganz Deutschland angereist, um ein bisschen Manhattan zu sehen. Die Berliner waren da skeptischer. Und hatten recht. Inzwischen ist im Büroturm der Deutschen Bahn nicht mehr viel los und der Sonytower steht auch fast leer. So könnte es der so genannten Urbanen Mitte Süd auch gehen. Wir brauchen keine neuen Büroflächen. Wir brauchen mehr Grün. KC: Warum ist der Senat so verbissen? MB: Das ist ein Prestigeprojekt. In der CDU sind wohl fast alle dafür. Die glauben, Berlin braucht Hochhäuser. Berlin muss sich als Metropole darstellen, und das geht nur mit repräsentativen und prominenten Bauten, in die auch mal ein Dax-Konzern oder eine UN-Organisation einzieht. Und wenn wir dann einwenden, dass es -, was weiß ich, man darf ja keine Zahlen mehr nennen – soundsoviele Millionen Quadratmeter Büroleerstand gibt, dann sagen die wahrscheinlich: Unser Ding ist so gut, das steht nicht leer. KC: Man kommt Ihren Forderungen kein Stück entgegen. Da scheint eine friedliche Einigung außer Sicht? MB: Wir haben jetzt zwei Unterlassungsklagen am Hals, allein sechs Klagepunkte beziehen sich auf angebliche Falschaussagen auf unserem Gleisdreieck-Blog. Ich habe die letzten drei Tage nur damit verbracht, die verschiedenen Vorwürfe zu widerlegen. Aber ich brauche noch mal mindestens eine Woche. Das ist anstrengend. Und über all dem baumelt so ein Damoklesschwert: Wenn wir verlieren, müssen wir die für uns immensen Gerichtskosten bezahlen. KC: Wogegen klagen die Investoren? MB: Zum Beispiel gegen die Behauptung, dass in den Planungen weder der Denkmalschutz noch der Klimaschutz ausreichend beachtet worden seien. Auch unsere Auffassung, dass Sicherheitsmaßnahmen im Katastrophenfall nicht gewährleistet sind, wird angegriffen. KC: Sind diese Punkte nicht eher Ansichten und Kritikpunkte? MB: Ja, so sehen wir das. Wir betrachten den Bebauungsplan eben kritisch. Genauso wie die meisten Presseleute. Weshalb der Investor jetzt auch behauptet, wir hätten die Presse gegen ihn aufgehetzt. Die Berichterstattung über die Unterlassungsklagen sei von der Bürgerinitiative initiiert worden. Das ist totaler Quatsch, die meisten Journalisten haben uns angesprochen, nicht umgekehrt. Sie haben mich gestern angerufen, und jetzt sitzen wir im Cafe Eule und plaudern! KC: Haben Sie angesichts der Übermacht der Betonlobby nicht manchmal das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen, der kleine David neben Goliath zu sein? MB. Natürlich! Aber wir haben auch Erfolge zu verzeichnen. Und manchmal gewinnen ja die Außenseiter. Hier, dieses wunderbare Café Eule bei den Schrebergärten, das gäbe es ohne uns nicht. Die Schrebergärten sollten verschwinden – sie sind noch da, an deren Stelle sollten Fußballplätze kommen. Den Fußball haben wir gemeinsam mit Bürgermeister Franz Schulz auf das Dach des Hellweg-Baumarktes verlegt. Aber der größte Erfolg: Wir haben die Verantwortlichen im Kreuzberger Rathaus zum Umdenken bewegt. Wir haben erreicht, dass die Urbane Mitte noch einmal überdacht werden sollte. Dass man an Wohnungsbau und niedrigere Bauten zu denken begann. KC. Sie meinen das unabhängige Rechtsgutachten, das Sie in Auftrag gegeben hatten? MB. Genau. Der Bezirk behauptete ja immer, dass er auch lieber einen Ponyhof dort hätte als 90 Meter hohe Bürotürme. Aber dass es da eben diesen Vertrag von 2005 gäbe, der, sollte der Investor nicht bauen dürfen, Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe ermögliche. Wir haben ein unabhängiges Gutachten erstellen lassen, das eben diesen Schadensersatzanspruch im Vertrag ausschloss. KC: Da hätte der RBB verkünden können, die Bürgerinitiative habe den richtigen Hebel gefunden! MB: Dann ließ der Bezirk seinerseits ein Gutachten erstellen, das - wider Erwarten - unseres bestätigte. Und jetzt verklagen die Investoren den Gutachter wegen vermeintlicher Fehler in den Formulierungen. Schon drei Mal hat das Gericht dem Gutachter recht gegeben. Jetzt soll das Ganze sogar bis vors Kammergericht gehen. KC: Die Investoren scheuen keine Kosten… MB: Und wir keine Mühen. Manchmal denke ich: Jetzt mache ich das schon seit 30 Jahren, das ist eine verdammt lange Zeit. Es wäre schon cool, auch mal ein anderes Thema im Leben zu haben. Aber ich kann ja jetzt nicht einfach aussteigen! Das ist wie im Sport – man wird ein leidenschaftlicher Kämpfer. KC: Sie sind 1981 in die Bülowstraße gezogen und konnten durch den Hinterhof auf die Wiese des Gleisdreiecks spazieren, wo junge Leute im hohen Gras des verlassenen Bahnhofsgeländes lagen und Gitarre spielten. Als die ersten Pläne einer Randbebauung aufkamen, kämpften Sie noch für den Erhalt einer grünen Wiese. Inzwischen sind Sie in ernsthafte politische Auseinandersetzungen verstrickt. Sie könnten in die Politik wechseln? MB: Auf keinen Fall. Aber damals, als der grüne Baustadtrat Panhoff aus dem Rathaus ausschied, da habe ich mich mit einem Freund tatsächlich mal für das Amt des Baustadtrats beworben. Eher so aus Spaß. Als Parteiloser. Der Freund ließ mich im letzten Moment im Stich und dann stand ich allein da auf der Bühne irgendwo am Schlesischen Tor und hatte drei Mitbewerber. Zwei bekamen gar keine Stimme, ich bekam sechs, und Florian Schmidt über 40. Der spielte auch Gitarre. Jetzt ist er Stadtrat. KC: Hätten Sie es anders gemacht als Schmidt? Bauer überlegt etwas länger, dann sagt er: Wahrscheinlich nicht. Aber ich weiß nicht, ob ich solange durchgehalten hätte wie er. |









