Juli 2025 - Ausgabe 271
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Kreuzberger
Nairi Hadodo Ich wollte Schauspielerin werden, schon immer
von Luciana Ferrando
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Nairi Hadodo legt eine Hand aufs Herz und sagt: »In keiner anderen Stadt habe ich mich weniger einsam gefühlt als hier«. Nirgendwo, sagt sie, sei sie so schnell angekommen wie in Kreuzberg. Seit November wohnt die Schauspielerin in einer kleinen Wohn-gemeinschaft im Wrangelkiez. Dunkelblau, fast schwarz ist der Himmel an einem Frühlingsabend. Entlang der Kopfsteinpflasterstraße mit den Gaslaternen hängen Plakate: Der Görli bleibt offen. Es riecht nach gegrilltem Fleisch, Graffiti bedecken die Hausfassaden. Vor dem Supermarkt an der Ecke stehen Gruppen von Männern, die schon immer da gewesen zu sein scheinen. Vor fancy Lokalen wie dem japanischen Restaurant und der Kaffeerösterei stehen Menschen Schlange. »Ich liebe meine Nachbarschaft. Sie ist random. Hier ist für alle Platz, hier existieren viele Realitäten nebeneinander. Man spürt, dass es Probleme gibt, aber man grüßt sich, das ist wie in einer Familie. Ich darf hier einfach ich selbst sein.« Im Treppenhaus des Altbaus, in dem Nairi Hadodo wohnt, hat ein Nachbar eine Kiste mit Bio-Brötchen für alle zum Mitnehmen bereitgestellt, gleich hinter der Wohnungstür eine Reihe bunter Schuhe: Nairis Mutter und zwei Schwestern sind zu Besuch. Ihr Schlafzimmer sehe gerade aus »wie ein Lager«, aber ihre Küche ist fast leer: ein Sofa, ein Tisch, drei brennende Kerzen, weiße Blumen und eine Plastikpalme auf dem Kühlschrank. Sonst nichts. Vom Balkon sieht man in den grünen Hinterhof und kann die Nachbarinnen im gegenüberliegenden Haus beobachten. Sie tut es gerne. Eine »Déformation professionelle« sagt Hadodo. Schließlich geht es in ihrem Beruf um das Beobachten und um das Beobachtet-Werden.
Foto: Holger Groß
Die Vorlage für den Erfolg am Theater lieferte die realexistierende US-amerikanische Unternehmerin Kim Kardashian, in den Staaten ein Reality-TV-Star. Kardashians Vorfahren überlebten den Völkermord von 1915 und wanderten in die USA aus. Die Schicksale der armenischen Auswanderer seien nie aufgearbeitet worden, sagt Hadodo. »Meine Familie hat mir ein Bewusstsein für die Unsichtbarkeit unserer Kultur vermittelt. So etwas macht etwas mit dir.« Ohne ihre Familie und ohne Kim Kardashian wäre das Stück wahrscheinlich nie entstanden. »KIM ist die Sichtbarkeit in Person«, sagt Nairi Hadodo. Schauspielerin zu sein, das heißt: gesehen werden. Und Nairi Hadodo wollte Schauspielerin werden – »schon immer!« Also brachte die Mutter sie in eine Düsseldorfer Schauspielschule für Kinder. Da war sie zehn Jahre alt. Schon in der ersten Stunde war klar: »Davon möchte ich leben.« Und: »Ich ziehe das durch!« Spätestens als Teenager wurde ihr klar, »wie viel Kraft es eine Frau kostet, sich bestimmte Aussehen anzueignen, so wie Kim das tut«. Anders als ihre Bühnenfigur KIM suchte Nairi Hadodo allerdings nicht nach einem klassisch weiblichen Look: »Ich habe meine Jugend eher als Goth, Punk und vieles mehr verbracht und dabei die visuellen Codes des weiblichen Körpers immer wieder genutzt, um Widerstand zu leisten.«
Foto: Holger Groß
Doch so wirklich wusste sie immer noch nicht, wohin es gehen sollte. »Als ich mir nach dem Studium die Leute in der Industrie angeschaut habe, wurde mir klar: Wenn ich auf den Goodwill von Menschen warte, die weder wissen, woher ich komme, noch wie es sich anfühlt, so aufzuwachsen wie ich, kann ich lange warten. Ich weiß auch nicht, was es bedeutet, als weißer Mann aufzuwachsen. Und ich werde das auch nie wissen.« Am Ende wollte Hadodo Schauspiel studieren. In London. Nach einem Jahr des Hin- und Herfliegens zwischen Düsseldorf und London sagte ihr die Mutter: »Jetzt versuchst du das bitte zumindest auch mal auf einer deutschen Schule.« Nairi entschied sich für Bochum, »ich habe sofort gemerkt, dass Bochum das Richtige für mich war.« Dort stand sie dann eines Tages auf der Bühne, als ein Intendant aus Basel sie sah und ohne langes Zögern engagierte. Von 2020 bis 2024 gehörte Nairi Hadodo zum Ensemble des Baseler Stadttheaters, arbeitete mit Regisseurinnen und Regisseuren wie Anja Dirks, Jörg Pohl oder Antú Romero Nunes zusammen. Dort entstand dann eine Performance mit dem Titel KIM. Auf der Suche nach eigenen Projekten hatte sie sich an die Fernsehserie »The Kardashians« erinnert, die sie während ihrer Zeit an der Kunstakademie gesehen hatte. Sie zeigte das alltägliche Leben der Familie Kardashian. Daraus machte Nairi Hadodo eine Kunstinstallation. Basel war schön und gut, aber sie wollte weiter, fort aus der Schweiz. Berlin. »Das ist wie ein Traum für mich.« Bochum, Basel, Berlin, BBB. »Ich fand das schon immer am allercoolsten, was das Gorki-Ensemble macht.« Sie sei daran gewöhnt gewesen, zu einer Community zu gehören, »die keine großen politischen Emotionen auslöst und normalerweise auch niemanden juckt.« Aber das Gorki-Theater interessierte sich für das armenische Drama und gab ihm endlich eine »Sichtbarkeit. Das tat sonst niemand. Auch deshalb bin ich sehr glücklich, jetzt dort arbeiten zu können«! Was KIM und Nairi Hadodo verbindet, sind nicht nur die armenischen Wurzeln der beiden Selbstdarstellerinnen. Auch die Rollen der sie umgebenden Frauen ähneln einander. In Nairi Hadodos realem Leben sind das vor allem »drei Mädels mit einer sehr präsenten Mama«. Seit dem Tod des Vaters gebe es in ihrer Familie »so gut wie keine Männer – und wenn, dann sind sie wie Aliens, die auf unserem Raumschiff landen, und wir müssen gucken, wie wir mit ihnen umgehen«. Nairi Hadodo lacht. Auch bei den Kardashians besetzen Frauen die Hauptrollen des sozialen Umfelds. »Dieses Hexenkessel-Ding, wenn vier Frauen gemeinsam auf der Couch sitzen, im Pyjama, mit einer Tasse Kaffee und rennenden Kindern im Hintergrund, und über alles Mögliche reden – das hat mich berührt«, sagt Hadodo. Für sie sind das die subversiven Momente der Show. Es ist radikal entschleunigend, feministisch und auf eine Art und Weise sogar matriarchal. Genau so war das mit den Schwestern und der Mutter in Düsseldorf auch gewesen: »Wir haben stundenlang zusammen gesessen und geredet, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht.« Hinter der Tür im vierten Stock des Hauses mit den Brötchen im Treppenhaus stehen viele Schuhe. Es ist das erste Mal, dass ihre Familie Nairi in Berlin besucht. Dass sie wieder zusammen auf dem Sofa sitzen, die vielen Frauen, und dass die Zeit wieder vergeht wie im Flug. Das ist das einzige hier in Kreuzberg, das der Schauspielerin in ihrem Alltag fehlt. Und das sie auch auf den Straßen Kreuzbergs nicht wiederfinden kann. |









