Juli 2025 - Ausgabe 271
Helmut
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Aufräumen
von Dieter Peters |
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Foto: Dieter Peters
Helmut war ein guter Handwerker, er kalfaterte Boote, kletterte auf Dächer, mauerte lotgerecht und sägte auch mit der Hand noch einen perfekten rechten Winkel. Wenn er einmal angefangen hatte, entwickelte er regelrechten Eifer, und er freute sich, wenn ihm etwas gut gelang. Aber aller Anfang fiel ihm schwer. Einem Freund gestand er: »Ich bin von Geburt an faul. Ich habe fast mein ganzes Leben damit verbracht, darüber nachzudenken, wie ich mir Arbeit ersparen kann.« Doch oft half das Denken nichts, und dann begnügte er sich damit, die unliebsame Tätigkeit möglichst weit hinauszuschieben. Zu den unliebsamsten Tätigkeiten gehörte Aufräumen. Alle seine Autos waren rollende Mülleimer. Handschuhfach, Rücksitze, Kofferraum, alles an einem Auto diente ihm als Stauraum. Zwischen den Füßen rollten Weinflaschen und Bierbüchsen umher, überall lagen zerknüllte Papiertüten, halbleere Tabakbeutel, ungeöffnete Amtsbriefe, Hosen, Schuhe, Hammer, Bohrmaschinen, halbe Klaviere. Die unliebsame Entleerung seines Autos schob er so lange vor sich her wie möglich. Helmut zog zweifelsfrei die Kneipen dem Aufräumen vor. Dort saß er oft bis zum Morgen. Es gab jedoch jeden Sommer einige Wochen, da brach er auffällig früh, schon um Mitternacht oder noch früher, auf. »Helmut, komm, einen trinken wir noch«, versuchten die Freunde ihn zu überreden. Aber Helmut setzte ein sehr ernstes Gesicht auf und sagte: »Ich muss noch aufräumen! Tuula kommt.« Einmal im Jahr kam seine Frau aus Finnland zu Besuch in die Stadt an der Spree, und wenn Helmut zwei Monate vor ihrem Besuch noch voller Freude davon erzählt hatte, dass Tuula käme, so bereitete ihm ihre nahende Ankunft zunehmend ernsthafte Sorgen: »Ich muss noch aufräumen!« Je näher der Tag rückte, umso nervöser wurde er. Bis die Angelegenheit tatsächlich keinen weiteren Aufschub duldete, weil Tuula schon am nächsten Tag um 18 Uhr am Flughafen stand. Ich bin fest davon überzeugt, dass Helmut es ernst meinte mit dem guten Vorsatz. Aber es ist ihm nie gelungen, aufzuräumen und seiner Tuula ein Blumensträußchen auf die Fensterbank zu stellen. Ich erinnere mich, dass es immer einige Tage dauerte, bis man die Beiden in einer Kneipe traf. Ich fragte, wo sie denn so lange gewesen sei, und sie antwortete: »Ich musste doch erst mal aufräumen.« |









