Kreuzberger Chronik
Juli 2025 - Ausgabe 271

Geschichten, Geschichte, Gerüchte

Platz für Eva Mamlok


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von Ina Winkler

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Vom kurzen Leben einer Widerstandskämpferin

Es gehört Mut dazu oder Wut, um im Schutz nächtlicher Dunkelheit auf das Dach eines 22 Meter hohen Kaufhauses zu klettern und dort oben mit einem dicken Pinsel eine Parole an die Hauswand zu schreiben. Dorthin, wo die Nachricht weithin sichtbar sein würde: vom Blücherplatz, vom Kanal und der viel befahrenen Belle-Alliance-Brücke aus, sogar vom damaligen Belle-Alliance-Platz und heutigen Mehringplatz aus konnte man es lesen: Nieder mit Hitler! Das war 1933, und Eva Mamlok war gerade mal 15 Jahre alt.

Sie war eine Kreuzbergerin. Ihr Vater besaß einen Weingroßhandel in der Markgrafenstraße, die Wohnung der Familie befand sich in der Nähe in der Neuenburger Straße 3. Schon in der Schule bewies Eva Mamlok ihren eigenen Kopf, was häufig in »einem Fiasko endete. Mein Oppositionsgeist, der manchmal ganz gewiss nicht angebracht war, war stärker als der gute Wille des Lehrers, aus mir ein braves Schaf zu machen.«

Eva Mamlok schien sich ihrer Sache sicher, die Verhaftung nach der Kletterei aufs Kaufhaus Tietz konnte die noch Strafunmündige nicht zähmen. Auch als man sie ein Jahr später zum zweiten Mal verhaftete, weil sie gemeinsam mit befreundeten Kommunisten Blumen auf die Gräber von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gelegt hatte, war sie noch zu jung, um verurteilt zu werden. Für derartig schwierige Fälle hatten die Nazis die so genannte Schutzhaft eingeführt, die eine Inhaftierung auch ohne Zustimmung eines Gerichts erlaubte. Doch am 11. September 1934, kaum war sie 16 Jahre alt und strafmündig, wurde sie zum Staatsfeind erklärt und für fünf Monate ins Konzentrationslager nach Mohringen überführt.

Zurück in Berlin versammelte sie gleichgesinnte Frauen um sich und verteilte Flugblätter. Und sie verliebte sich in den Sohn eines im Exil lebenden SPD-Abgeordneten: Pieter Siemsen. Die Beziehung war schwierig, beide fürchteten, bespitzelt zu werden. Siemsen schrieb nach dem Krieg seine Memoiren und erinnert sich an einen Nachmittag in Neumeiers Milchbar am Bahnhof Zoo: »Da war einer, der uns die ganze Zeit so unverschämt anglotzte. Ich wollte ihn zur Rede stellen (…) aber Eva sagte, ich solle Ruhe geben. Es war eine gefährliche Situation, sie war Jüdin, ich trug Uniform. Aber ich wollte aufspringen und auf den Mann zugehen. Da haute sie mir plötzlich eine runter. In diesem Moment wurde mir klar, in welcher Gefahr wir uns befanden. Sie ging raus, ich hinterher, und wir rannten zusammen weg.«

Das Paar kaufte sich bei Woolworth »Eheringe für 90 Pfennig«, dann flüchtete auch Pieter Siemsen ins Exil. Eva Mamlok dagegen trat im Früjahr 1941 zur Zwangsarbeit in der Schraubenfabrik Butzke in der Lobeckstraße an, wo sie mit anderen Widerspenstigen verbotene Bücher verteilte. Sie hat, wie eine Überlebende später erzählt, an der Drehmaschine die Dreigroschenoper gesungen, »and she was very beautiful, full of fun, and always singing.«

Ihr fröhliches Wesen hielt den Vorarbeiter nicht davon ab, Meldung zu erstatten über die agitative Tätigkeit der Frauengruppe. Noch im September werden drei von ihnen verhaftet und wegen Zersetzung der Wehrkraft zunächst zum Tode verurteilt, dann zu lebenslänglicher Haft begnadigt. Eva Mamlok ist erst 23 Jahre alt, aber der Tod rückt näher: Albert, ihr Vater, ist bereits 1936 gestorben, Hildegard, ihre Schwester, eine Zwangsarbeiterin bei der AEG, stirbt im Alter von 29 Jahren an Tuberkulose. Nur die Mutter lebt noch, als Eva im Januar 1942 ins KZ nach Riga deportiert wird. Und Evas dreijährige Tochter: Tana. Noch im Oktober desselben Jahres holten die Nazis Evas Mutter, zwei Monate später auch die kleine Tochter. Eva Mamlok wird vom Tod ihrer Mutter und ihrer Tochter womöglich nichts erfahren haben.

Auch im Konzentrationslager in Riga gab sie den Kampf nicht auf, nahm eine ins Lager geschmuggelte kleine Fotokamera in Empfang, um die Greueltaten der Nazis zu dokumentieren. Fast drei Jahre bleibt sie in Riga, dann wird sie auf Anordnung der Sicherheitspolizei Riga am 1. Oktober 1944 ins Konzentrationslager Stutthof gebracht. Die Frau mit der Häftlingsnummer 94020 starb, wie es Papiere festhalten, zwei Monate später 1944 in Stutthof an »allgemeiner Körperschwäche«.

Wenn es nicht Mut, sondern Wut gewesen ist, die Eva Mamlok schon als Kind aufs Dach des Kaufhauses klettern ließ, dann muss diese Wut durch die lebenslange Verfolgung und die Unmenschlichkeit der Nazis ins Unermessliche gewachsen sein. Sie hat durch die Diktatur alles verloren: ihre Mutter, ihre Schwester, ihr Kind, und auch den Mann, den sie in der Milchbar geohrfeigt hatte und der sie, ähnlich wie einst ihre Lehrer - vielleicht weniger aus anderer politischer Haltung als aus Sorge um sie- zu zähmen versucht hatte. 1937 schrieb sie ihm einen Abschiedsbrief:

Das Schreiben dieses Briefes habe ich von Tag zu Tag aufgeschoben. Aber so geht es nicht mehr weiter.... Du versuchst, mich zu erziehen, aber ich werde keinem Menschen zuliebe meine Meinung wechseln, solange mir die Einsicht fehlt, dass der Andere recht hat Ich habe eine eigene Meinung über verschiedene Dinge, …. und dann kommst Du und willst, dass ich alles über den Haufen werfe!

Ich weiß, dieser Brief wird Dich unglücklich machen. Blutig sind die Wunden, aber der Himmel ist so blau, der Schnee liegt so schön auf den Dächern und das Lied der Arbeit hat so eine schöne Melodie. Wir haben noch das Leben vor uns! Was ist schon diese eine Enttäuschung gegenüber dem Pulsschlag des Lebens…. Ich grüße Dich zum Abschied - Eva

Eva Mamlok, Widerstandskämpferin, Porträt
Foto: Cristina Siemson / Wolfgang Kaleck Eva Mamlok © OTFW

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