Kreuzberger Chronik
Juli 2025 - Ausgabe 271

Geschäfte

Die Uhrmacherei


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von Horst Unsold

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Artin, Arman und Arsen

Auf dem langen Boulevard, der zum Kotti führt, gibt es türkische Metzger, türkische Reisebüros, eine türkische Bank, türkische Gemüsehändler, türkische Restaurants, Cafes, Drogendealer, Teppichhändler, Stoffverkäufer und mehrere Goldschmiede, in deren Geschäftslogos in aller Regel auch das Wort Istanbul vorkommt. Es steht auch über dem Laden in der Kottbusser Straße Nummer 15, aber ein Stück weiter rechts steht eine für Klein-Istanbul eher ungewöhnliche Wortschöpfung: Uhrmacherei.

Die »Uhrmacherei« hält drei Spanier nicht davon ab, einzutreten. Sie könnten Urlauber sein, ein älterer, gut gekleideter und gut gebräunter Herr mit Sonnenbrille, eine ebenso gut gekleidete Frau mit Hut und schwerem Schmuck an Fingern und Hals, und eine jüngere Frau - vielleicht die Tochter, die gerade in Berlin studiert. Sie spricht den jungen Mann, der mit goldenen Armbändern über seinen gut tätowierten und gut trainierten Unterarmen und mit einer von Brillanten umgebenen Armbanduhr hinter der Ladentheke steht, auf Deutsch an: »Was bekommen wir für diese Kette?«, fragt sie und legt ein goldenes Halsband mit goldenem Kreuz auf den Tisch. Arsen Gothas setzt die Augenlupe ein, »das sind 14 Karat«, legt das Schmuckstück auf die Waage und fügt hinzu: »Das wären etwa 1050 Euro.«

Die Spanier wechseln einige Worte auf Spanisch, es geht hin und her, da schaltet sich der junge Mann ein: »Das ist der reine Goldpreis. Das schmelzen wir ein und nutzen es für die Reparaturen.« Nur wirklich schöne Stücke werden vom Ofen verschont, und die Vitrinen in der Nummer 15 sind bereits voll von solchen Stücken. Da hat es ein Christuskreuz schwer. Arsen erklärt ihnen das alles auf Spanisch.

»Spanisch und Englisch hab ich auf der Schule gelernt, die anderen Sachen hier auf dem Damm«, erzählt Arsen. Er ist hier groß geworden, der Sohn des Uhrmachers und Goldschmieds aus Istanbul, der noch immer seine kleine Ecke und einen Arbeitstisch im Laden hat, mit einem Becher mit etwa zwanzig verschiedenen Zahnbürsten, die er immer noch zum Reinigen der alten Uhren benutzt, so wie damals, 1968, als er nach Berlin kam.

»Es war wunderschön im Bazar von Sirkeci, mitten in Istanbul!«, sagt Artin Ghozas und nickt mit dem alten Kopf. »Aber dann wurde es ungemütlich. Wir waren Armenier, eine kleine christliche Minderheit unter den Muslimen, und es gab ständig Probleme. Die meisten von uns sind nach Amerika ausgewandert. Ein paar nach Berlin, nicht viele. Wir sind hier schon wieder eine Minderheit.« Sagt Artin. Dann beugt er sich über die winzigen Zahnräder auf seinem Arbeitstisch.

Artin kommt nicht mehr jeden Tag in die Kottbusser Straße. Die Söhne, Arsen und Arman, haben das Geschäft übernommen. Die beiden arbeiten sechs Tage die Woche, haben vom Vater gelernt wie einst der Vater vom Großvater, und ihren Meister gemacht, »Wir sind quasi eine Uhrmacherdynastie«, grinst Arsen. Dann kommt ein Kunde und fragt nach seiner Uhr. Arsen braucht nicht lange zu überlegen, er hat die Uhr schon in der Hand.

»Wir haben sie wieder zum Laufen gebracht. Es kann aber sein, dass sie vor- oder nachgeht. Das können wir eventuell noch regulieren. Aber versprechen kann ich Ihnen das nicht.« Die Kundschaft hält die Uhr ans Ohr und sieht glücklich aus.

Immer wieder bringen sie ihnen die alten Erbstücke, die jahrelang in der Schublade lagen. Dann kommen sie plötzlich auf die Idee, dass diese Armbanduhr ja auch die Zeit anzeigen kann. Wie ein Handy! Und dann fahren sie zum Kotti. Sie haben Vertrauen in diese Uhrmacherei. Sie ist seit 42 Jahren hier in dieser Straße, länger als der Fleischer gegenüber. Wenn im Umkreis von fünf Kilometern eine Uhr stehenbleibt oder eine Goldkette reißt, dann kommen sie in die Kottbusser Straße 15. »Wir sind länger und öfter da als die anderen!«

Die Uhrmacherei kann fast immer helfen. »Für eine Uhr ist es nie zu spät!«, sagt Arsen. Nur, wenn die Unruhe bricht, dann kann es schwierig werden. »Es gibt Taschenuhren, da wurden nur ein paar Hundert von hergestellt, da gibt es natürlich jetzt keine Ersatzteile mehr. Es gibt sogar Uhren, da war alles handgefertigt, jedes kleine Zahnrad. Da gingen die Leuten noch zum Uhrmacher und sagten, mach mir doch bitte mal fünf goldene Uhren. So wie sie zum Schuhmacher oder zum Schneider gegangen sind. Und dann baute der Uhrmacher ihnen eben fünf Uhren zusammen, das war pure Handarbeit.«

Arsen ist jetzt 37 Jahre alt, aber er ist so leidenschaftlich Uhrmacher wie Artin, der Vater, der alle paar Tage wieder auftaucht im Laden, weil er das alte Ticken vermisst. Dann setzt er sich an den kleinen Tisch in der Ecke, an dem sonst niemand sitzen darf, weil sie ihm seine kleine Ordnung nur wieder durcheinanderbringen würden, und versucht, die kleinen Rädchen wieder zum Laufen zu bringen. Und ist glücklich, wenn es ihm gelingt.

Auch Arsen ist glücklich, wenn er helfen kann. »Da kam eine Frau mit einer vollkommen zertrümmerten Uhr, da war alles kaputt, alles. Können Sie die vielleicht noch einmal reparieren? Sie bedeutet mir viel!« - Sie konnten, und als die Frau die Uhr anlegte, begann sie zu weinen. Es war die Uhr ihrer Tochter, die sie getragen hatte, als sie bei einem Motorradunfall ums Leben kam. »Da standen uns aber auch die Tränen in den Augen.«

Ach, es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen. Die Vitrinen im Laden sind voller Schmuckstücke, die nicht eingeschmolzen wurden, und an denen lauter Geschichten hängen. »Die Menschen, die hier jeden Tag reinkommen, die kommen von überall her, aus der ganzen Welt. Das ist doch spannend. Toll. Normalität sucht man woanders. Wir sind hier am Kotti!«

Vater Artin Ghozas, Taschenuhr, Uhrmacherei
Vater Artin Ghozas an seinem kleinen Arbeitstisch - Foto: Dieter Peters

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