Kreuzberger Chronik
Juli 2025 - Ausgabe 271

Mühlenhaupts Erinnerungen

Cäsar


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von Kurt Mühlenhaupt

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Der Sekratär, Mühlenhaupt,
Der Buchhändler Karl Heinz Schröder aus Frankfurt überließ seiner Frau den Laden und kam nach Berlin, um hier als Dichter zu leben. Er legte seinen Namen ab und nannte sich von nun ab Cäsar. Weil so schnell kein Geld zu verdienen war, half er uns im Leierkasten als Schlepper. So war Beiden geholfen. Außerdem wollte er als Dichter erst Erlebnisse sammeln, und die gab es da reichlich. Er hatte viel zu tun mit bedienen. Wir wunderten uns nur, daß die Tonne Bier so schnell leer war, ohne daß Geld in der Kasse war.

Mit dem Namen »Trompetenblech« brachte er einen Gedichtband heraus, der wie eine Bombe einschlug. Wir lasen: »Fliegen summen, wirre, wirre, fliegen, brummen, irre, irre...« Mehr nicht. Darüber hinaus hielt ich ihn bald für den größten Faulpelz, den ich zeitlebens kennengelernt habe. Da Faulpelze als Menschen auch interessant sein können, duldete ich ihn, ich bewunderte ihn sogar, denn er verlor dabei nie sein Gesicht. Er ließ sich nie zur Arbeit antreiben.

Einmal wollte die Leierkastenwirtin Rosi einen Fisch für uns braten, der so groß war, daß er gerade in meine lange Fischpfanne paßte. Da wir unser Mahl stets nach Feierabend einnahmen, war es weit nach Mitternacht, bis wir dazu kamen. Die Gäste im Leierkasten hinterließen stets viel Schmutz....

»Cäsar, ich weiß, du bist kein Freund von saubermachen, aber du könntest wenigstens hier oben, wo wir essen, ein wenig fegen. Ich bereite indes den Fisch vor.«

Hier hatte Rosi den ersten Fehler gemacht, denn sie benutzte die Worte »ein wenig«. Das nahm Cäsar wörtlich. Er fegte Bierdeckel, Scherben und sonstigen Unrat zu einem Nest von Dreck um den Tisch herum, über den wir steigen mussten, um an unser Mahl zu gelangen. Als der Fisch serviert war, warteten wir auf Cäsar, aber der war vom Erdboden verschwunden. Aus lauter Angst, noch einmal im Leben nach Feier-abend fegen zu müssen, verzichtete er auf seine Portion und machte auch an den folgenden Tagen nach Feierabend sofort die Fliege.

Ein anderes Mal sagte er zu mir: »Als Schriftsteller fehlt mir ein ordentlicher Schreibtisch.« - »Nichts leichter als das!«, sagte ich, »Du weißt doch, ich bin Trödler. In der Mittenwalder 7 im Keller steht ein wunderschöner Sekretär.... Den schenke ich dir. Hier ist der Schlüssel, damit kommst du in die Wohnung.«

Dabei hoffte ich, ein Stück weniger in die Wohnung tragen zu müssen und wartete eine Woche. Aber es tat sich nichts. Ich fragte ihn und er gab zur Antwort: »Ich lasse morgen meine Bude auf und sage euch, in welcher Ecke er stehen soll.«

Da ich ihn nicht rübertrug, ist Cäsar zu meinem Sekretär gezogen. Den Schlüssel hatte er ja noch. Dort wohnte er ein paar Wochen, bis er rausflog. Dann war ich wieder gefragt.

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