Dezember 2025 - Ausgabe 275
Straßen, Häuser, Höfe
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Waldemarstraße 118
von Werner von Westhafen |
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Die Schulhäuser Hoffmanns
Hoffmanns Lehrerhaus in der Waldemarstraße - Foto: Dieter Peters
Wenig bekannt ist der langjährige Baustadtrat und Architekt Ludwig Hoffmann, der nicht nur das Märkische Museum, sondern immerhin 70 Schulgebäude für Berlin entwarf, unter anderem die 20. Gemeindeschule mit ihrem schönen Lehrerwohnhaus, einem schmalen, zwischen die Mietshäuser gezwängten Backsteingebäude mit einem prachtvollen, von Figuren bevölkertem Giebel und imponierend hohen Fenstern. Während in anderen Städten Kirchen, Museen und auch Schulen an exponierten Plätzen errichtet wurden, mussten sich die Berliner Architekten oft mit kleinen Seitenstraßen und Hofgrundstücken begnügen. Die vorderen Plätze an den breiten Alleen und den Knotenpunkten des Stadtlebens in den neuen Vierteln im Süden und Norden der Stadt waren schon vergeben. Die Politiker und ihre Stadtplaner waren dem Ansturm der Menschenmassen, die in der aufblühenden Metropole ihr Glück suchten, kaum gewachsen. Die Einwanderer brauchten Wohnungen, Kirchen, Krankenhäuser und Schulen. Die gerade erst eingeführten und im Gesetz verankerten gebührenfreien Gemeindeschulen bereiteten den Stadtoberen zusätzlich Kopfzerbrechen, denn nichts wuchs so rasant wie die Zahl der Kinder. Jedes eintreffende junge Paar hatte bald drei, vier und noch mehr Kinder, während gleichzeitig die Schulpflicht von sechs auf acht Jahre erhöht wurde. Hinzu kam, dass schon die preußischen Pädagogen erkannten, dass mit 70 Kindern in einem Klassenraum kein Unterricht zu halten war, weshalb die Klassengröße künftig auf 40 Schüler begrenzt werden sollte. Was nochmals zusätzliche Klassenräume erforderte. Der mit den neuen Schulbauten beauftragte Architekt Ludwig Hoffmann erbat sich deshalb eine mehrmonatige Einarbeitungszeit in die komplizierte Materie und machte sich auf die Suche nach einem Grundkonzept für Neubauten, die einerseits den Vorgaben gerecht wurden, andererseits auf die kleinen und manchmal verwinkelten Baugrundstücke passen würden. Hoffmann grübelte darüber so lange, bis die Stadtverordneten allmählich ungeduldig wurden und ihm vorwarfen, nicht voranzukommen. An Architekten, die sich über einen derartigen Großauftrag freuen und sofort einspringen würden, fehlte es auch damals nicht. Doch bevor die Kollegen zu einer ernsthaften Konkurrenz wurden, legte Hoffmann seinen Standardplan für eine »Gemeindedoppelschule« vor, in der sowohl Mädchen als auch Jungen unterrichtet werden sollten. Sie betraten das Schulgebäude durch verschiedene Eingänge und wurden in zwei voneinander getrennten Schultrakten unterrichtet. Das war noch nicht unbedingt revolutionär, doch geprägt von einem eher fortschrittlichen als konservativem Geist. Hoffmanns Plan, dessen Spuren noch in heutigen Schulbauten wiederzufinden sind, sah eine Aula vor, Konferenzräume für die Lehrerschaft, 56 Klassenzimmer und ein Physikzimmer. Hinzu kamen eine Schulküche, eine Turnhalle mit angegliedertem »Brausebad«, das Schülerinnen und Schüler einmal in der Woche aufzusuchen hatten. Es gelang Hoffmann, diesen Bauplan auch auf sehr verschieden umrissenen Baugründen umzusetzen, sodass trotz eines starren Konzeptes kein Bauwerk dem anderen glich und jedes einen persönlichen Charakter erhielt. Allen gemeinsam war die »luftige« Atmosphäre. Sie sollte, so Hoffmann, eine gesunde Alternative zu den dicht bebauten Nachbargebäuden »in dieser äußerlich aufgebauschten und größenwahnsinnigen Zeit« anbieten. Die Idee war gut. Ein Schulleiter schrieb dem Architekten: »Es wird gewiss von Interesse für Sie sein, zu hören, wie segensreich ihre Schulbauten in gesundheitlicher Beziehung wirken«. Die Zahl der Infektionskrankheiten, stellt der Rektor in seinem Dankesbrief fest, sei seit dem Umzug trotz gestiegener Schülerzahl im selben Zeitraum von 39 auf 2 zurückgegangen. Unter den insgesamt 70 Schulgebäuden Hoffmanns waren 47 solcher Gemeindedoppelschulen sowie fünf einfache Gemeindeschulen. Hinzu kamen Gymnasien, Realschulen, Berufsschulen und zwei Lyzeen. Die meisten besaßen aufgrund ihrer Lage in der Enge der Arbeiterviertel relativ schmale Vorderhäuser, während die eigentlichen Schulgebäude hinter den Straßenfronten lagen und eher schlicht und auf Sparsamkeit bedacht waren. An den Fassaden der Vorderhäuser allerdings konnte Hoffmann ausgiebig mit den Stilelementen seiner geliebten italienischen Renaissance spielen. Das Hauptwerk Hoffmanns verbirgt sich bis heute hinter den Häuserzeilen einer immer enger zusammenrückenden Stadt und findet kaum Beachtung, ebenso wie die hübschen Lehrerhäuser an der Straße. In den vielen Reiseführern, die keinen Schinkelbau auslassen und Zille ganze Kapitel widmen, sucht man den Namen Hoffmann in der Regel vergebens. Immerhin trägt die Friedrichshainer Grundschule in der Lasdehner Straße heute seinen Namen. Die 20. Gemeindeschule in der Kreuzberger Waldemarstraße allerdings heißt Heinrich Zille Schule. H.U. |









