Dezember 2025 - Ausgabe 275
Reportagen, Gespräche, Interviews
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Kickern im Platzwart
Autor unbekannt |
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Foto: Holger Groß
von Joachim Jung (Text) & Holger Groß (Bild) Wenn das Geschoss einschlägt, kracht es. Explosiv, begleitet von eruptivem Jubel. Es handelt sich um das knackende Geräusch, das entsteht, wenn die Kugel auf das hölzerne Tischfußballtor trifft. Wurde der Treffer von ganz hinten, von der Abwehrreihe erzielt, ist der Jubel besonders laut. Youssou Binia klopft seinem Mitspieler auf die Schulter und schiebt den Würfel in der Zählerleiste eine Position weiter. Das gegnerische Team hat Anstoß, aber Youssou erobert den Ball mit der Mittelreihe, spielt ihn der Stürmerreihe zu und erzielt dann mit einem Jet das Siegertor. Youssou spielt seit seinem 16. Lebensjahr. Zuerst war es ein Spaß mit Gleichgesinnten in der Weißen Taube und im Wiener Blut. Auf Vereinsebene wurde es ernster. Inzwischen ist Youssou bekannt in der Szene, er war schon einmal auf Platz 80 der inoffiziellen Weltrangliste. Jetzt spielt er beim 1.TFC Berlin in der Landesliga. Einmal im Monat trifft man sich im Platzwart in der Audre Lorde Straße zu Ligaspielen im Platzwart, einem eher schmucklosen Lokal ohne große Kneipengemütlichkeit. Wer hierher kommt, der braucht kein Wohlfühldrumherum und auch keine Biergläser, die meisten trinken aus der Flasche. Die Spielpausen kann man auf einer mit Kissen belegten Plattform verbringen, so wenig wie möglich soll ablenken vom Zweck der Zusammenkunft. Die Anspruchslosigkeit des Ortes ist beabsichtigt und eine scheinbar unerlässliche Voraussetzung für das konzentrierte Spiel. Alle Blicke sind auf die drei Tische gerichtet, die einzigen Objekte im Raum, die ausgeleuchtet sind. Man spielt auf Tischen der Firma Leonhart, die den Ruf genießen, zu den robustesten zu gehören. Zwischen 2000 und 3000 Euro kostet so ein Spielfeld. Die Geräuschkulisse wird dominiert vom Drehen der Stangen, den ständigen Toreinschlägen und lautstarkem Beifall. Sie ist das Pendant zur samtigen Stille des Billardtisches. Kickern ist laut, anstrengend, es wird geschwitzt, und obwohl der Platzwart eigentlich eine Raucherkneipe ist, wird kaum geraucht. Wenn, dann geht man vor die Tür. Tischfußball ist Kneipensport. Ebenso wie einst Dart und Billard wurde auch er vom Sportbund lange nicht anerkannt. Doch es formierten sich Vereine und Ligen, die eine Gleichstellung mit den anderen Sportarten verlangten. Mit inzwischen über 10.000 Mitgliedern bundesweit wurde es für den Sportbund zunehmend schwieriger, das Kickern als Kinderspiel und Kneipenspaß abzutun, weshalb das Präsidium des Landessportbundes nun der Aufnahme des Tischfußballverbands Berlin zugestimmt hat. Wenn kein Einspruch mehr erhoben wird, werden die Kicker bei der nächsten Mitgliederversammlung des LSB am 28. November als neues Mitglied begrüßt. Und dann könnte Tischfußball sogar zur olympischen Disziplin aufsteigen!
Foto: Holger Groß
»Ich habe mir alles selber beigebracht,« sagt Youssou. »Anderen Spielern zugesehen, mir was abgeguckt und dann selbst ausprobiert«. Autodidakten entwickeln eigene und originelle Spielweisen, auf die der Gegner nicht vorbereitet ist. »Kopieren und kombinieren, etwas abschauen, dann variieren und daraus eine eigene Spielweise entwickeln - das war mein Rezept.« Youssou hatte bereits viel Erfahrung in der 3. Liga gesammelt, als die erste Liga bei ihm anfragte. »Da musste ich mir dann eine solide Schusstechnik aneignen. Allein für den Jet habe ich drei Monate lang trainieren müssen. Und für die Feinheiten, zum Beispiel die Schrägschüsse, braucht man echt Geduld. Das dauert!« Aus der Berliner Schule sind bereits Spieler hervorgegangen, die Weltmeistertitel errungen haben. Oder die, wie einer von Youssous Sportskameraden, im Rahmen ihres Studiums Kickerkurse an der Hochschule anbieten. Auch als Behindertensport für Rollstuhlfahrer ist Kickern am Tisch eine passable Alternative zum Rasenfußball. Eines ist Kickern jedenfalls schon lange nicht mehr: Ein Kinderspiel. Berühmtheiten wie beim Rasenfußball gibt es dennoch kaum. Abgesehen von Frédéric Collignon: Der Belgier war von 1997 - 2012 die dominierende Spielerpersönlichkeit. 2018 nahm er nach mehrjähriger Pause noch einmal an der Weltmeisterschaft teil. »Das Einzel gewann er ohne eine einzige Niederlage im gesamten Turnierverlauf!«, schwärmt Youssou. »Auch das Doppel gewann er souverän.« Wer weiß: Vielleicht gibt es irgendwann einen Cristiano Ronaldo des Tischfußballs.Für Youssou Binia aber ist Kickern bis heute vor allem ein Spaß. Auch an jenen Abenden, an denen sich die Liga im Platzwart zu den Turnieren trifft und andere enormen Ehrgeiz entwickeln. Trotz anstehender Einstufung als offizielle Sportart wird Tischfußball weiter ein Kneipenvergnügen bleiben. Das wird an den vielen Abenden deutlich, an denen nicht nur Vereinsspieler an den Stangen drehen. Seit 16 Jahren gibt es die Kickerbar in der alten Manteuffelstraße, sie ist längst Stammkneipe, Treffpunkt, Zuhause für Kickerfans aus der ganzen Stadt geworden. Auf Sofas wird geplaudert, geflirtet, gelacht, man umarmt sich, gratuliert und steht am Tresen mit den beleuchteten Gin- und Whiskyflaschen und stößt an. Männer und Frauen, Alte und Junge, Deutsche, Asiaten, selbst Araber und Türken sind hier friedlich vereint. Die Stimmung ist großartig, sogar ein zotteliger Hund scheint sich wohl zu fühlen in der Runde. An solchen Abenden ist die komplette Kreuzberger Mischung versammelt, Akademiker, Handwerker, Künstler, Schüler, Schwule, Flüchtlinge, sogar Politiker - in der Kickerbar Platzwart.
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