Kreuzberger Chronik
Dezember 2025 - Ausgabe 275

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Kalle


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Autor unbekannt

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von Michael Schmuck & Christoph Schulz-Hackbarth


Alle kannten Kalle. Jedem hat er ein Stück aus seinem Leben erzählt. Er war Bauarbeiter, Autoschrauber, Boxer, Vater, Bruder, geschiedener Ehemann – und natürlich auch Nachbar. Ursprünglich aus Brandenburg kam er in das Pflegeheim Fidicinstraße, in unseren und später dann auch seinen Kiez.

Alle kannten Kalle mit seinem schweren, elektrischen Rollstuhl, der wie ein Thron wirkte und - mit all dem Schnickschnack und dem Affen und der Hupe - manchmal auch wie eine Zirkuskutsche. Kalle war immer unterwegs, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und oft davor und danach. Morgens am Südstern, mittags auf dem Tempelhofer Feld, nachmittags am Herrmannplatz, abends an den Yorck- Brücken, nachts bei Curry 36.

Kalle war Jäger und Sammler. Er war auf der Jagd nach Gesprächen, Eindrücken, Straßenszenen. Hätte er alles aufgezeichnet, wäre ein dickes Buch daraus geworden. Außerdem sammelte er Schnickschnack, Nippes, Firlefanz, in Parks, in den Kartons vor Hauseingängen, wo immer ihm sich etwas von Wert anbot. Mit einer kleinen Drehung und einem gezielten Griff hinter sich zauberte er diese Stücke aus seiner Sammlung aus dem Rollstuhl hervor.

Für Hunde und Kinder hatte Kalle immer Leckereien dabei. Und das wussten Kinder und Hunde. Und so war König Kalle oft umringt von seinem kleinen Volk, für das er aus den Untiefen seines Rollstuhl-Thrones großzügig Gaben hervorholte.

Kalle hatte alle möglichen Krankheiten, alles außer dem Kopf war nicht mehr wirklich funktionsfähig. »Mich hammse schon lange abjeschrieben«, sagte er. Aber Kalle hat das alles heldenhaft ertragen. Mit seinem kindlichen Charme und spitzbübischer Ironie schmunzelte er die Krankheiten und Schmerzen einfach beiseite.

Aber er konnte auch grantig sein. Vor allem, wenn das Wetter ihm zu schaffen machte. Wenn es schwül war oder nebelig. Dann hing er noch schiefer und tiefer im Rollstuhl und war überhaupt nicht auf der Jagd nach Gesprächen, sondern nach Luft. Aber schon ein paar Stunden später, wenn Wetter und Gemüt aufklarten, konnte er wieder schmunzeln. Unwirsch wurde er auch, wenn die Akkus seines Rollstuhls und seines Sauerstoffgerätes versagten. Die versagten meistens deshalb, weil er sie mit seinen langen Touren an die Grenzen ihrer Kapazität brachte. Für seine abenteuerlichen Langstrecken waren die Dinger einfach nicht gemacht.

In Erinnerung bleiben Kalles Schmunzeln, sein Humor, seine Großzügigkeit. Er war ein Menschenfreund. Und viele seiner Menschenfreunde kamen, um ihm Tschüss zu sagen, zum Friedhof am Südstern, wo er auf seinen weiten Runden oft vorbeigerollt ist.

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