Kreuzberger Chronik
Dezember 2025 - Ausgabe 275

Kreuzberger
Mora Thurow




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von Hans Korfmann

Titelfoto: Privat

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Mora lacht und sagt: »Ich bin eben eine echte Berlinerin. Ich hab´ die Mauer noch erlebt! Wenn auch nur ganz knapp…«. Damit meint sie, dass sie keine von denen ist, die sich erst hertrauten, als die Mauer schon weg war.

Mora Thurow ist nicht nur eine echte Berlinerin, sie ist auch eine echte Kreuzbergerin. Als sie geboren wurde, hatten ihre Eltern - ein Hippie und eine Psychologin – gerade ihre Wohnung aufgegeben, um nach Italien auszuwandern und eine Kommune zu gründen. Als sich die Abreise verzögerte, schlüpften sie mit den zwei schon vorhandenen Kindern bei einer Freundin unter, die eine Wohnung in Riehmers Hofgarten besaß mit fünf Zimmern im vierten Stock und Balkon zur Yorckstraße. »Da bin ich dann geboren, in einem riesigen Zimmer, im April 1989. Ein halbes Jahr später fiel die Mauer. Es ging ganz schnell, die Hebamme konnte nur noch die Nabelschnur durchschneiden. Aber so ganz genau weiß ich das nicht mehr, ist ja auch lange her.«

Mora hatte es schon damals eilig. Wahrscheinlich war sie auch schon damals wieder furchtbar aufgeregt gewesen. »Ich glaube, ich brauche das«. Wahrscheinlich steht sie nur darum auf der Bühne. Ohne Lampenfieber wäre das Leben langweilig.

Sie sitzt auf den Treppenstufen vor dem Italiener in der Kreuzbergstraße und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Die langbeinige Jeans hochgekrempelt, das eine Hosenbein länger als das andere, einen silbernen Ring in der Nase und wilde Haare – eine Mischung aus Punker, Hippiemädchen und Pippi Langstrumpf. Jung ist sie. Aber ist sie schon lange kein Kind mehr, sondern Mutter. Aber wenn sie mit ihrem Sohn durch Kreuzbergs Straßen schlendert, »manchmal sogar Arm in Arm«, dann denken die Leute, sie seien »ein Paar oder Bruder und Schwester - was weiß ich, was die denken, aber ist mir auch egal.«

Dass sie so unerwachsen wirkt, fand sie früher »ziemlich nervig. Ich musste mit 30 noch meinen Ausweis vorzeigen, wenn ich ein Bier trinken wollte. Dabei stand ich in der Junctionbar oder im Wirtschaftswunder schon hinterm Tresen und zapfte«. Jetzt, mit 36, sieht sie das gelassener. »Ist schon ganz ok, für jünger gehalten werden«. Auch wenn das manchmal nur an ihrer Körpergröße zu liegen scheint. »Aber da kann man echt nischt dran ändern, an seiner Größe. Egal, heute ist´s mir auch nicht mehr peinlich, die Leute zu fragen, ob sie mir was aus dem Regal da oben reichen können«.


In der heimischen Küche - Foto: Privat
Es sind aber nicht die 165 Zentimeter allein, die sie so jugendlich wirken lassen. Es ist ihre ganze Art. Ihre Lust aufs Leben. »Ich wollte immer die Welt sehen, in ganz vielen Städten gelebt haben, in ganz vielen Ländern. Ich wollte Kunst studieren, Malerei, Schneiderei, Schauspiel…. Oder Stiftstellerin werden. Als Kind sagte ich immer Stiftstellerin, das erschien mir wahrscheinlich logischer. Mit einer Freundin hatte ich ´ne Band, wir wollten berühmt werden. Wir ließen sogar die erste Abiprüfung sausen, nur weil wir Karten für das Fusion-Festival hatten! Wir sind einfach losgedüst.«

Und dann, kaum war sie 19 Jahre alt, war sie plötzlich Mutter. »Da haben alle anderen um mich herum ihr Leben gelebt, studiert, gearbeitet, sich in der Welt herumgetrieben. Und ich war einfach nur Mama: Kochen, Putzen, Windeln waschen. Ich war total ausgebremst. Nachts hab ich Sachen genäht und an Kreuzberger Läden verkauft, damit ich wenigstens ein bisschen Geld hatte. Aber ich wollte ja schon mit 14 unbedingt ein Kind haben. Ich liebe Kinder! Kinder sind toll. Ich bereue nichts«.

Dann erzählt sie von ihrem Vater, einem stillen Mann, der immer eine Melodie im Kopf hatte, immer vor sich hinsummte, wenn sie spazierengingen. Von der Mutter, die in der Heimstraße neben dem Café Conni Island ihre Praxis hatte. Von der Großmutter, die immer sagte, sie sei wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt, und wenn sie nicht bald aufhören würde mit diesem wilden Leben, dann würde sie nicht alt werden. Aber genau das wollte sie eigentlich: Nicht alt werden. Jung bleiben. »Manchmal denke ich, die Leute in meinem Alter sind alle schon so erwachsen. Erwachsene sind doch langweilig.«

Überhaupt wäre sie gerne 30 Jahre früher geboren, da waren die Berliner noch kämpferischer! Lauter! Da gab es noch Brachen, Freiräume, Träume – aber heute? Wird alles bis ins Detail geplant.

Auf ihrer Schule in Zehlendorf zum Beispiel, diese vielen Kinder reicher Eltern, die unter einem furchtbaren Druck standen, »die dachten allen Ernstes, ihr Leben ist vorbei, wenn sie das Abi nicht schaffen! Die hatten kreisrunden Haarausfall, denen sind tatsächlich die Haare ausgefallen vor Stress! Wirklich, zwei oder drei von denen sind die Haare ausgefallen.« Das muss doch nicht sein!

Das einzig Gute an der Schule war die Theatergruppe. Da stand sie das erste Mal auf einer Bühne. Kostümiert hatte sie sich schon immer gern, im Schülerladen in der Kopischstraße. »Wir hatten Dirk, einen supergroßartigen Erzieher. Wir feierten Schnepfenpartys und liefen total schräg verkleidet durch die Straßen. Nicht nur zu Fasching. Das war so schlimm, dass meine Eltern in die Schule zitiert und gefragt wurden, ob denn bei uns zuhause noch alles ok wäre.«

Später allerdings, auf der Schule in Zehlendorf, erkannten die Lehrer, dass da ein Talent auf der Schulbühne stand. »Die haben mich überredet!« Und als Mora eines Tages dann doch noch das Abitur machte und sich entscheiden musste zwischen Schriftstellerin, Schneiderin, Malerin, wählte sie das, was ihr am schwierigsten von allem erschien und wovor sie am meisten Angst hatte: Die Bühne. »Ich brauche Herausforderungen!« Ein bisschen Abenteuer.

Als ihr Sohn in die Kita kam, begann sie im Studio in der Eisenbahnstraße nach der Tschechow-Methode Schauspiel zu studieren. »Die Tschechow-Methode kann ich jetzt nicht erklären, da werde ich gleich wieder ganz aufgeregt«. Als sie nach absolvierter Ausbildung auf der Bühne des Dresdner Sommertheaters ihren ersten Auftritt hatte, stand sie plötzlich da und fragte sich: »Was habe ich die letzten vier Jahre eigentlich gemacht? Die machen ja genau das Gegenteil von dem, was wir gelernt haben«! Aber der Regisseur und der Intendant fanden Mora trotzdem großartig, und so kam es, dass sie ein paar Jahre lang in Berlin in der Küche oder hinter dem Tresen und in Dresden auf der Bühne stand.

Ein Idol hatte Mora nie. Auch keine Traumrolle. »Nur Träume. Ich hatte immer Träume.« Und eigentlich spielt sie ja auch auf der Bühne immer nur Träume. Das sind zwar die Träume und Vorstellungen der anderen, die der Regisseure oder Autoren, »aber Hauptsache Träume“, sagt Mora, denkt kurz nach und ergänzt. » Oft werden die dann ja sogar zu den eigenen Träumen.« Manchmal weiß man schon gar nicht mehr, wer wer ist. »Man hat ja solche merkwürdigen Anflüge: Bin ich die Rolle, oder ist die Rolle ich? «

So war das auch bei Ronja. Sie hatte die Räubertochter schon als Kind geliebt, dieses wilde, unruhige, bewegliche, laute Mädchen mit der langen Mähne, halb Tier, halb Mensch, geflohen aus der Welt und der Schule der Erwachsenen. Eine, die für etwas kämpfte, die etwas verändern wollte, so wie früher die Kreuzberger, in den Siebzigern.

Thomas Sutter, der Intendant des Atze Musiktheaters, sah Mora bei einem Gastspiel des Burgtheaters-Sommer-Roßlau. Da spielte sie im Monbijou-Theater den Puck, den Diener des Oberon im Sommernachtstraum, ein »ganz verrückter Kerl«. Sutter war gerade auf der Suche für die Besetzung einer Hauptrolle: der Ronja. Aber es war nicht wie im Film, dass er backstage zu ihr kam und fragte, ob sie nicht Lust habe, die Ronja Räubertochter zu spielen. Es war Sutters Frau Gabi, die Intendantin der Bühne im FEZ, die plötzlich anrief und fragte, ob sie schnell mal einspringen und die Rolle der Annika bei Pippi Langstrumpf übernehmen könne.

Mora lernte noch am selben Abend den Text, probte eine halbe Stunde, und dann stand sie auf der Bühne. »Das war ganz schön auf-regend!«, sagt sie und sieht jetzt noch glücklich aus. »Seit ich ein Smartphone habe, erlebe ich viel weniger Abenteuer.« So ein Auftritt ist jedes Mal ein Abenteuer.

Es gibt da diesen Traum, »den wahrscheinlich alle Schauspielerinnen und Schauspieler gut kennen: Man träumt, dass man auf der Bühne steht und nicht mehr weiß, welches Stück man gerade spielt und welchen Text man jetzt sprechen muss. Den hatte ich früher vor jeder Premiere, und zwar nicht nur die Nacht davor, sondern wochenlang. Da fragt man sich schon, warum man sich das überhaupt antut.

Dann riefen sie mich einmal morgens um acht Uhr an und fragten, ob ich um neun Uhr da sein könnte, um dann um halb elf eine Vorstellung zu spielen. Ich sollte in Emil und die Detektive Emils Cousine Pony Hütchen spielen, mit richtig viel Text. Das war schon krass, da habe ich diesen Alptraum wirklich durchlebt. Und seitdem träume ich den auch nicht mehr!«

Nach der Annika im FEZ lud Thomas Sutter sie in sein Musiktheater ein. Er fragte, was sie zum Vorsprechen vorbereitet hätte. Damit hatte sie nicht gerechnet, sie hatte gar nichts vorbereitet. Sutter nahm sie trotzdem, und jetzt ist sie seit drei Jahren die Ronja. Eigentlich sind sie kaum auseinanderzuhalten, die Ronja und die Mora. Die Rolle passt ihr. »Ich springe eben gerne durch die Gegend!« Auch als Allan in Robin Hood springt sie über die Bühne. Oder als die Lotta aus der Krachmacherstraße - noch so eine Figur von Astrid Lindgren. Lauter tolle Kinderrollen.

Mora Thurow hat all diese Rollen nicht bekommen, weil sie wie ein Mädchen aussieht. Eher umgekehrt: Sie ist jung geblieben, weil sie Kinderrollen spielt. »Du musst ja jeden Muskel deines Körpers nutzen, wenn Du ein Kind spielst. Kinder sind total agil, die besitzen eine unglaubliche Beweglichkeit. Da zappelt alles«.

Trotzdem ist auch Mora Thurow inzwischen ein bisschen älter geworden. »Ich fahre ja jetzt schon mit Fahrradhelm! Und ich fälle auch nicht mehr ganz so viele HalsüberKopf- oder KopfdurchdieWand-Entscheidungen.« Obwohl sie auch heute noch Hals über Kopf einfach losfahren könnte, endlich andere Städte, Länder. Losfahren und etwas ganz anderes machen.

»Aber auf die Bühne verzichten, das kann ich glaube ich auch nicht. Ich brauche die nahende Gefahr. Sonst schlafe ich ein. Das Theater ist meine Leidenschaft. Wahrscheinlich werde ich eines Tages auf der Bühne sterben – so richtig, meine ich, in echt«. Einen kleinen Moment lang sieht sie tatsächlich erwachsen aus. Dann fügt sie hinzu: »Natürlich erst, wenn ich alt bin!«. Sie lacht.

Wahrscheinlich wird die Großmutter recht behalten. Mora wird niemals alt werden. Der irische Dramatiker Bernhard Shaw schrieb einmal: Man hört nicht auf zu spielen, weil man alt wird; man wird alt, weil man aufhört zu spielen.

In der heimischen Küche - Foto: Privat


Foto fehlt: #2909

In der heimischen Küche - Foto: Privat
Kreuzberger
Mora Thurow

Ich bin so aufgeregt


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von Hans Korfmann

Titelfoto: Privat

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Mora lacht und sagt: »Ich bin eben eine echte Berlinerin. Ich hab´ die Mauer noch erlebt! Wenn auch nur ganz knapp…«. Damit meint sie, dass sie keine von denen ist, die sich erst hertrauten, als die Mauer schon weg war.

Mora Thurow ist nicht nur eine echte Berlinerin, sie ist auch eine echte Kreuzbergerin. Als sie geboren wurde, hatten ihre Eltern - ein Hippie und eine Psychologin – gerade ihre Wohnung aufgegeben, um nach Italien auszuwandern und eine Kommune zu gründen. Als sich die Abreise verzögerte, schlüpften sie mit den zwei schon vorhandenen Kindern bei einer Freundin unter, die eine Wohnung in Riehmers Hofgarten besaß mit fünf Zimmern im vierten Stock und Balkon zur Yorckstraße. »Da bin ich dann geboren, in einem riesigen Zimmer, im April 1989. Ein halbes Jahr später fiel die Mauer. Es ging ganz schnell, die Hebamme konnte nur noch die Nabelschnur durchschneiden. Aber so ganz genau weiß ich das nicht mehr, ist ja auch lange her.«

Mit Zylinder - Foto: Privat
Mora hatte es schon damals eilig. Wahrscheinlich war sie auch schon damals wieder furchtbar aufgeregt gewesen. »Ich glaube, ich brauche das«. Wahrscheinlich steht sie nur darum auf der Bühne. Ohne Lampenfieber wäre das Leben langweilig.

Sie sitzt auf den Treppenstufen vor dem Italiener in der Kreuzbergstraße und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Die langbeinige Jeans hochgekrempelt, das eine Hosenbein länger als das andere, einen silbernen Ring in der Nase und wilde Haare – eine Mischung aus Punker, Hippiemädchen und Pippi Langstrumpf. Jung ist sie. Dabei macht ihr Sohn gerade Abitur. Wenn er mit seiner Mutter durch Kreuzbergs Straßen schlendert, »manchmal sogar Arm in Arm«, dann denken die Leute, sie seien »ein Paar oder Bruder und Schwester - was weiß ich, was die denken, aber ist mir auch egal.«

Dass sie so unerwachsen wirkt, fand sie früher »ziemlich nervig. Ich musste mit 30 noch meinen Ausweis vorzeigen, wenn ich ein Bier trinken wollte. Dabei stand ich in der Junctionbar oder im Wirtschaftswunder schon hinterm Tresen und zapfte«. Jetzt, mit 36, sieht sie das gelassener. »Ist schon ganz ok, für jünger gehalten werden«. Auch wenn das manchmal nur an ihrer Körpergröße zu liegen scheint. »Aber da kann man echt nischt dran ändern, an seiner Größe. Egal, heute ist´s mir auch nicht mehr peinlich, die Leute zu fragen, ob sie mir was aus dem Regal da oben reichen können«.

Es sind aber nicht die 165 Zentimeter allein, die sie so jugendlich wirken lassen. Es ist ihre ganze Art. Ihre Lust aufs Leben. »Ich wollte immer die Welt sehen, in ganz vielen Städten gelebt haben, in ganz vielen Ländern. Ich wollte Kunst studieren, Malerei, Schneiderei, Schauspiel…. Oder Stiftstellerin werden. Als Kind sagte ich immer Stiftstellerin, das erschien mir wahrscheinlich logischer. Mit einer Freundin hatte ich ´ne Band, wir wollten berühmt werden. Wir ließen sogar die erste Abiprüfung sausen, nur weil wir Karten für das Fusion-Festival hatten! Wir sind einfach losgedüst.«

Und dann, kaum war sie 19 Jahre alt, war sie plötzlich Mutter. »Da haben alle anderen um mich herum ihr Leben gelebt, studiert, gearbeitet, sich in der Welt herumgetrieben. Und ich war einfach nur Mama: Kochen, Putzen, Windeln waschen. Ich war total ausgebremst. Nachts hab ich Sachen genäht und an Kreuzberger Läden verkauft, damit ich wenigstens ein bisschen Geld hatte. Aber ich wollte ja schon mit 14 unbedingt ein Kind haben. Ich liebe Kinder! Kinder sind toll. Ich bereue nichts«.

Dann erzählt sie von ihrem Vater, einem stillen Mann, der immer eine Melodie im Kopf hatte, immer vor sich hinsummte, wenn sie spazierengingen. Von der Mutter, die in der Heimstraße neben dem Café Conni Island ihre Praxis hatte. Von der Großmutter, die immer sagte, sie sei wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt, und wenn sie nicht bald aufhören würde mit diesem wilden Leben, dann würde sie nicht alt werden. Aber genau das wollte sie eigentlich: Nicht alt werden. Jung bleiben. »Manchmal denke ich, die Leute in meinem Alter sind alle schon so erwachsen. Erwachsene sind doch langweilig.«

Überhaupt wäre sie gerne 30 Jahre früher geboren, da waren die Berliner noch kämpferischer! Lauter! Da gab es noch Brachen, Freiräume, Träume – aber heute? Wird alles bis ins Detail geplant.

Auf ihrer Schule in Zehlendorf zum Beispiel, diese vielen Kinder reicher Eltern, die unter einem furchtbaren Druck standen, »die dachten allen Ernstes, ihr Leben ist vorbei, wenn sie das Abi nicht schaffen! Die hatten kreisrunden Haarausfall, denen sind tatsächlich die Haare ausgefallen vor Stress! Wirklich, zwei oder drei von denen sind die Haare ausgefallen.« Das muss doch nicht sein!

Das einzig Gute an der Schule war die Theatergruppe. Da stand sie das erste Mal auf einer Bühne. Kostümiert hatte sie sich schon immer gern, im Schülerladen in der Kopischstraße. »Wir hatten Dirk, einen supergroßartigen Erzieher. Wir feierten Schnepfenpartys und liefen total schräg verkleidet durch die Straßen. Nicht nur zu Fasching. Das war so schlimm, dass meine Eltern in die Schule zitiert und gefragt wurden, ob denn bei uns zuhause noch alles ok wäre.«

Später allerdings, auf der Schule in Zehlendorf, erkannten die Lehrer, dass da ein Talent auf der Schulbühne stand. »Die haben mich überredet!« Und als Mora eines Tages dann doch noch das Abitur machte und sich entscheiden musste zwischen Schriftstellerin, Schneiderin, Malerin, wählte sie das, was ihr am schwierigsten von allem erschien und wovor sie am meisten Angst hatte: Die Bühne. »Ich brauche Herausforderungen!« Ein bisschen Abenteuer.

Als ihr Sohn in die Kita kam, begann sie im Studio in der Eisenbahnstraße nach der Tschechow-Methode Schauspiel zu studieren. »Die Tschechow-Methode kann ich jetzt nicht erklären, da werde ich gleich wieder ganz aufgeregt«. Als sie nach absolvierter Ausbildung auf der Bühne des Dresdner Sommertheaters ihren ersten Auftritt hatte, stand sie plötzlich da und fragte sich: »Was habe ich die letzten vier Jahre eigentlich gemacht? Die machen ja genau das Gegenteil von dem, was wir gelernt haben«! Aber der Regisseur und der Intendant fanden Mora trotzdem großartig, und so kam es, dass sie ein paar Jahre lang in Berlin in der Küche oder hinter dem Tresen und in Dresden auf der Bühne stand.

Ein Idol hatte Mora nie. Auch keine Traumrolle. »Nur Träume. Ich hatte immer Träume.« Und eigentlich spielt sie ja auch auf der Bühne immer nur Träume. Das sind zwar die Träume und Vorstellungen der anderen, die der Regisseure oder Autoren, »aber Hauptsache Träume“, sagt Mora, denkt kurz nach und ergänzt. » Oft werden die dann ja sogar zu den eigenen Träumen.« Manchmal weiß man schon gar nicht mehr, wer wer ist. »Man hat ja solche merkwürdigen Anflüge: Bin ich die Rolle, oder ist die Rolle ich? «

So war das auch bei Ronja. Sie hatte die Räubertochter schon als Kind geliebt, dieses wilde, unruhige, bewegliche, laute Mädchen mit der langen Mähne, halb Tier, halb Mensch, geflohen aus der Welt und der Schule der Erwachsenen. Eine, die für etwas kämpfte, die etwas verändern wollte, so wie früher die Kreuzberger, in den Siebzigern.

Thomas Sutter, der Intendant des Atze Musiktheaters, sah Mora bei einem Gastspiel des Burgtheaters-Sommer-Roßlau. Da spielte sie im Monbijou-Theater den Puck, den Diener des Oberon im Sommernachtstraum, ein »ganz verrückter Kerl«. Sutter war gerade auf der Suche für die Besetzung einer Hauptrolle: der Ronja. Aber es war nicht wie im Film, dass er backstage zu ihr kam und fragte, ob sie nicht Lust habe, die Ronja Räubertochter zu spielen. Es war Sutters Frau Gabi, die Intendantin der Bühne im FEZ, die plötzlich anrief und fragte, ob sie schnell mal einspringen und die Rolle der Annika bei Pippi Langstrumpf übernehmen könne.

Mora lernte noch am selben Abend den Text, probte eine halbe Stunde, und dann stand sie auf der Bühne. »Das war ganz schön auf-regend!«, sagt sie und sieht jetzt noch glücklich aus. »Seit ich ein Smartphone habe, erlebe ich viel weniger Abenteuer.« So ein Auftritt ist jedes Mal ein Abenteuer.

Es gibt da diesen Traum, »den wahrscheinlich alle Schauspielerinnen und Schauspieler gut kennen: Man träumt, dass man auf der Bühne steht und nicht mehr weiß, welches Stück man gerade spielt und welchen Text man jetzt sprechen muss. Den hatte ich früher vor jeder Premiere, und zwar nicht nur die Nacht davor, sondern wochenlang. Da fragt man sich schon, warum man sich das überhaupt antut.

Foto: Privat
Dann riefen sie mich einmal morgens um acht Uhr an und fragten, ob ich um neun Uhr da sein könnte, um dann um halb elf eine Vorstellung zu spielen. Ich sollte in Emil und die Detektive Emils Cousine Pony Hütchen spielen, mit richtig viel Text. Das war schon krass, da habe ich diesen Alptraum wirklich durchlebt. Und seitdem träume ich den auch nicht mehr!«

Nach der Annika im FEZ lud Thomas Sutter sie in sein Musiktheater ein. Er fragte, was sie zum Vorsprechen vorbereitet hätte. Damit hatte sie nicht gerechnet, sie hatte gar nichts vorbereitet. Sutter nahm sie trotzdem, und jetzt ist sie seit drei Jahren die Ronja. Eigentlich sind sie kaum auseinanderzuhalten, die Ronja und die Mora. Die Rolle passt ihr. »Ich springe eben gerne durch die Gegend!« Auch als Allan in Robin Hood springt sie über die Bühne. Oder als die Lotta aus der Krachmacherstraße - noch so eine Figur von Astrid Lindgren. Lauter tolle Kinderrollen.

Mora Thurow hat all diese Rollen nicht bekommen, weil sie wie ein Mädchen aussieht. Eher umgekehrt: Sie ist jung geblieben, weil sie Kinderrollen spielt. »Du musst ja jeden Muskel deines Körpers nutzen, wenn Du ein Kind spielst. Kinder sind total agil, die besitzen eine unglaubliche Beweglichkeit. Da zappelt alles«.

Trotzdem ist auch Mora Thurow inzwischen ein bisschen älter geworden. »Ich fahre ja jetzt schon mit Fahrradhelm! Und ich fälle auch nicht mehr ganz so viele HalsüberKopf- oder KopfdurchdieWand-Entscheidungen.« Obwohl sie auch heute noch Hals über Kopf einfach losfahren könnte, endlich andere Städte, Länder. Losfahren und etwas ganz anderes machen.

»Aber auf die Bühne verzichten, das kann ich glaube ich auch nicht. Ich brauche die nahende Gefahr. Sonst schlafe ich ein. Das Theater ist meine Leidenschaft. Wahrscheinlich werde ich eines Tages auf der Bühne sterben – so richtig, meine ich, in echt«. Einen kleinen Moment lang sieht sie tatsächlich erwachsen aus. Dann fügt sie hinzu: »Natürlich erst, wenn ich alt bin!«. Sie lacht.

Wahrscheinlich wird die Großmutter recht behalten. Mora wird niemals alt werden. Der irische Dramatiker Bernhard Shaw schrieb einmal: Man hört nicht auf zu spielen, weil man alt wird; man wird alt, weil man aufhört zu spielen.
Foto: Privat


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