Kreuzberger Chronik
Dezember 2025 - Ausgabe 275

Helmut

Die Geschichte mit dem Ibach


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Autor unbekannt

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Helmut sammelte Flügel und Klaviere wie Philatelisten Briefmarken: Aus Leidenschaft. Wenn er ein gutes Stück entdeckte, kaufte er es und restaurierte, oft in monatelanger, manchmal jahrelanger Kleinarbeit. Wenn sich ein Interessent fand, verkaufte er es wieder. Allerdings nicht um jeden Preis. Es musste schon jemand sein, der etwas von Instrumenten und von Musik verstand und der ihm darüber hinaus auch noch sympathisch war. Mit einem Wort: Er trennte sich nicht gern von seinen Instrumenten, er hing an ihnen wie Maler an ihren Bildern.

Die Geschichte mit dem Ibach gehörte zu Helmuts Lieblingsgeschichten. 15 Jahre stand er in seiner Werkstatt in der Zossener Straße. Manchmal schaute Oskar Huth bei ihm vorbei, um auf dem Ibach zu spielen und ein Gläschen Wein mit dem Freund zu trinken. Oskar war ein begnadeter Virtuose und Lügenerzähler - zwei Eigenschaften, die Helmut zu schätzen wusste. Sie waren beste Freunde.

Der Ibach klang wunderbar, das Instrument begann ihn zu interessieren, und als Helmut unter dem Deckel einen Hinweis auf Piano Kaiser entdeckte, machte er sich auf den Weg zum Ku´damm. Er kannte die Besitzerin schon lange, jetzt war sie in die Jahre gekommen, aber als Helmut den Ibach erwähnte, zog sie die Augenbrauen hoch und wusste sofort, von welchem Instrument er sprach. Sie erinnerte sich sogar noch an einen Kratzer im Lack.

Und dann erzählte sie, dass der Flügel in den Zwanzigerjahren in ihrem Magazin gestanden hatte und einige Pianisten, wenn sie Konzerte in Berlin gaben, gerne bei ihr vorbeikamen, um sich auf genau diesem Flügel einzuspielen. Unter ihnen auch Rachmaninow.

Trotz dieser schönen Geschichte war Helmut bereit, sich von dem Instrument zu trennen, als eine reiche Dame aus Wilmersdorf Interesse bekundete. Er restaurierte, stimmte und polierte, bis die Finger schwarz waren, doch als er den Flügel in ihr Wohnzimmer schob, begann sie die Lackierung zu bemäkeln, schlich argwöhnisch um das Instrument herum und suchte nach Fehlern. Sie wollte Helmut herunterhandeln und glaubte, gute Karten zu haben. Schließlich konnte der kleine Mann den Flügel doch nicht einfach unter den Arm klemmen und wieder gehen.

Doch da irrte sie. Als Helmut das Instrument wieder auf dem Anhänger hatte, wandte er sich um und sagte zu der Alten, die noch in der Tür stand: »Wissen Sie, das war ein ganz besonders gutes Stück! Auf diesem Flügel hat einst Rachmaninow gespielt.«

Er beendete die Erzählung immer mit dem gleichen Satz: »Das war meine Rache.« Vor seinem Tod verkaufte er den Ibach für kleines Geld an den Sohn eines Freundes. Der Glanz des Schelllacks war längst verflogen - aber der Klang war noch immer rein und wunderbar.

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