Dezember 2025 - Ausgabe 275
Geschichten, Geschichte, Gerüchte
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Ein würdiges Gehäuse
von Christoph Hamann |
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Der Student hat seinen Entwurf sorgfältig zu Papier gebracht und alles akribisch beschriftet: »Dies ist die Ansicht von vorne« schreibt er und: »Dies ist die Ansicht von oben.« Sein Professor wiederum fasst sich recht kurz. »Alles Mist«, urteilt er und er ergänzt: »Dies ist die Ansicht von Egon Eiermann«. Der Student nahm es recht sportlich, so berichtete es erst jüngst ein seriöser Zeitzeuge recht fortgeschrittenen Alters. Auch wenn diese Anekdote anderes vermuten lässt. Bei seinen Studenten an der TU Karlsruhe war der Star-Architekt Egon Eiermann als charismatischer Lehrer ausgesprochen beliebt, seiner Vorliebe für drastische Urteile zum Trotz. Er hatte kein professoral-elitäres Gehabe an sich, ein legeres Auftreten, er trug modische Kleidung und konnte mit seinem Optimismus und seiner Fähigkeit, andere zu begeistern, sowohl die zukünftigen Architekten mitreißen als auch die Bauherren für sich gewinnen. Der breiten Öffentlichkeit ist vor allem »seine« Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin bekannt. Die Fachwelt überzeugte er 1958 mit dem deutschen Pavillon der Weltausstellung in Brüssel oder dem Gebäude für die deutsche Botschaft in Washington. Das alles lässt leicht vergessen, dass der Architekt Eiermann ausgesprochen kreativ und vielseitig war. Er hat Kulissen sowie Kostüme für Film und Theater entworfen, ebenso wie Tische und Sessel, Dreh-, Klapp- und Schaukelstühle, Garderoben, Trinkgläser, Aschenbecher, Stehleuchten und Overalls für Männer. Oder auch 1936 Teile der Gestaltung der NS-Ausstellung »Gebt mir vier Jahre Zeit!«. Es blieb seine einzige Konzession an die Nazis. Denn als Architekt entwarf er im Sinne der 1920er Jahre »modern im NS-Reich« und blieb mit seinem modernen Bauen undogmatisch. Neben all dem machte sich Eiermann auch über die Gestaltung von Särgen Gedanken, insbesondere für die Firma Grieneisen. Ihr verdankte der junge, nicht einmal dreißigjährige Architekt seinen bis dahin größten Auftrag. Die Grieneisen-Erben wollten 1934, nach dem Ausscheiden des Vaters, allen Geschäftsstellen ein neues und einheitliches Äußeres verleihen. Die bis dahin feierlich gestalteten Niederlassungen sollten zu modernen Filialen umgestaltet werden. Die Herausforderung lag darin, mit der neuen Optik einerseits werbewirksam auf sich aufmerksam zu machen und andererseits ein dem Anlass angemessenes und würdiges Aussehen zu vermitteln – schließlich handelte es sich um ein Bestattungsunternehmen. Das Konzept setzte Eiermann auch bei der Grieneisen-Filiale in der Yorkstraße Nr. 1 um. Für die Fassade wählte er mattschwarze Steinzeug-Fliesen und sehr hohe Fenster, die er, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu wecken, bis ins Obergeschoss führte, was den Innenraum hell und freundlich wirken ließ. Über dem Ladeneingang zwischen den beiden hohen Fenstern war Raum für das weiße Firmenzeichen – einem dreiflammigen Kandelaber. Eine schlichte und strenge Gestaltung verfolgte Eiermann auch bei der Innenausstattung. Vielleicht war Eiermanns Herzinfarkt drei Jahrzehnte später der Auslöser für ihn, sich einmal mehr mit dem Tod zu befassen. Als 1969 ein befreundeter Architekt starb, war Eiermann entsetzt: Der Sarg sei »barocker Kitsch« und »abscheulicher Pomp«, dabei müsse doch »gerade die letzte Behausung des Menschen ein würdiges Gehäuse sein, dessen Gestaltung genau soviel Sorgfalt wie das Haus eines Lebenden verdient!« Also nahm der Architekt sich vor, »mal einen anständigen Sarg« zu entwerfen. Klare Formen, gerade Linien und der Verzicht auf Verzierungen, so sollte es sein. Und als Eiermann schon ein Jahr später starb, beerdigte man ihn wunschgemäß in einem Sarg nach seinem Entwurf. Für Grieneisen rechnete sich das Modell nicht, die Kunden wollten ihre Liebsten dann doch lieber barock und pompös beerdigt sehen. Der Tod hatte Eiermann stets am Herz gelegen. Die Beerdigungskultur müsse radikal reformiert werden. Friedhöfe seien, so Eiermann, so etwas wie Einfamiliensiedlungen, »jeder bekommt dort sein eigenes Grundstück«. Das aber werde nicht mehr lange so weitergehen, denn, so schärfte er den Studierenden ein: »Ihre Generation hat damit zu rechnen, dass allein durch den Bevölkerungszuwachs und die allgemeine Verstädterung der Menschheit bis zum Jahre 2025 – dem Jahre ihrer durchschnittlichen Lebenserwartung – grundlegende Änderungen« im Bestattungswesen notwendig werden. »Wir wissen längst, dass es etwa in den Gebieten Rhein-Ruhr, Mannheim-Heidelberg, München-Augsburg-Ingolstadt riesige Ballungszentren geben wird - aber wir wissen noch nicht, wohin mit den Toten.« Die Studenten entwarfen in ihren Diplomarbeiten Betontürme, eine Wand mit Schließfächern und 48 Urnen pro Quadratmeter oder Hippie-Särge. All dies missfiel ihm, und da er eine Vorliebe für deutliche Worte hatte, fielen auch diesmal seine Urteile harsch aus: »Schlafwagen« seien diese Särge, »Verwesungsmaschinen« oder gar »Ascheschleudern«. Er selbst brachte zwei radikale Ideen in die Diskussion ein. »Nach der Verbrennung die Asche auf einem großen Platz verwehen zu lassen, das ist das Schönste, was es überhaupt geben kann.« Um eine Erinnerung an die Toten zu ermöglichen, könne man die Namen der Toten – und zwar die aller Toten dieser Welt – in einem Computer festhalten, eine Art »Totenthek - vergleichbar der Flensburger Verkehrssünderkartei«.
Geschäftsfiliale von Grieneisen in der Kreuzberger Yorckstraße Nr 1. Abb.: Bauwelt 1935. - Foto: Privatarchiv
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