Kreuzberger Chronik
Dezember 2025 - Ausgabe 275

Geschäfte

Heißhungepakete in der Schenkendorfstraße


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Autor unbekannt

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Munchies - Werbung an der Fassade
Jahrelang stand es leer, das Star-Travel-Büro an der Ecke zur Schenkendorfstraße. Corona und die hohen Mieten der Bergmannstraße waren schuld an der Pleite. Jetzt hat dort ein weiterer Gastronom eröffnet. Er harmoniert kaum mit den anderen Vertretern der Branche im Viertel, dem Österreicher mit dem Hirschgeweih oder dem Griechen mit den Uozo-Fläschchen. Die Reihe rot gestrichener Tische auf der Straße, die schmucklosen Wände, das Neonlicht und die elektronischen Anzeigetafeln, auf denen die abholbereiten Lunch- oder Munchpakete angezeigt werden, passen eher an einen Highway als in die Bergmannstraße.

»Kreuzberg isst jetzt anders!« Das verkündet auch ein Plakat neben der Tür. Natürlich ärgert das alte Kreuzberger, aber es stimmt: Moderne Kreuzberger sitzen nicht mehr bis Mitternacht beim Griechen, sie lassen sich das Essen vor den Heimbildschirm liefern oder holen sich ein Futterpaket um die Ecke. Und zwar massenhaft!

Das geht nicht! Vor zwei Jahren, als Munchis noch kein Lokal, sondern nur ein winziges Imbisslädchen war, schimpfte ganz Kreuzberg. Obwohl keiner wusste, was Munchies eigentlich waren. Das Antiquariat gegenüber wollte sofort ausziehen und »Kreuzberg für immer verlassen«, andere Nachbarn überfluteten die sozialen Medien mit Beschwerden über den Müll vor der Futterstation und die Zweierreihen parkender SUVs. Der Tagesspiegel titelte: »Burger-Imbiss Munchies spaltet Kreuzberg - Anwohnende beschweren sich über den Verpackungsmüll.« Und der RBB berichtete, dass bereits Säcke mit Hausmüll in den Imbiss geworfen und die Wände der Schenkendorfstraße 1 mit Fäkalien beschmiert worden seien.

Das deutschlandweite Internetportal Mit Vergnügen lässt sich dadurch den Appetit nicht verderben und lobt den Fast-Food-Boom: »Wer auf Patty Melt Sandwiches, Smashbuger und Tacos steht, kennt die nasty Kreationen von Munchies bestimmt schon. 2023 hat, nach erfolgreichen Pop-up und Events, der erste permanente Laden im Bergmannkiez eröffnet und macht seitdem Fastfood-Fans satt und glücklich…. Schaut unbedingt vorbei und bringt etwas Wartezeit mit.«

Und wenn Tisi testet, dann sehen und hören das 66.599 Follower, wenn er sagt: »Mann, hier ist ja richtig was los!« - Zwar wundern sich die zwei selbsternannten Gastrokritiker über den Preis von 62.90.-, aber sie haben »auch echt viel geklickt«. Und die Pommes sind trotzdem »außen knusprig, innen weich«, der Burger »saftig und echt krass«, und die Tacos haben »echt geflasht!« - »Eine Symphonie!«

Zu den Auftritten der Influencer kommen die privaten Clips der Selbstdarsteller, für die der kleine Imbiss mit seinen 26 Quadratmetern die perfekte Kulisse für ihren Auftritt gewesen zu sein schien. Ohne Tiktok & Instagram jedenfalls wäre der Munchie-Rush unmöglich. In Spitzenzeiten stiegen bis zu 1000 Menschen nur wegen eines Kreuz-Burgers ins Auto und fuhren durch die halbe Stadt. Echt krass!

Ohne die neuen medialen Bühnen wüsste auch bis heute wahrscheinlich kaum jemand, dass das Mode-Wort Munchies aus jenen Jahren stammt, als auch die meckernden Kreuzberger noch jung waren und nach jedem Joint auf der Suche nach Essbarem zum WG-Kühlschrank liefen: Munchies meint jene kleinen Zwischenmahlzeiten, mit denen Haschischrauchende den plötzlichen Heißhunger stillen.

Doch Alt-Kreuzberg ging auf die Barrikaden, als sollten Pershing-Raketen auf Kreuzberger Boden stationiert werden. Man erregte sich, als ginge es um Putin & Selenskyj, Israel & die Hamas oder Pflichtimpfungen gegen den Corona-Virus. Oder doch zumindest so wie 2008, als ein amerikanischer Fastfood-Kapitalist sich wagte, zwischen Dönerbuden und Currywurstständen mitten im alternativen Kreuzberg eine McDonald´s Filiale zu eröffnen. Dabei sind die Munchie-Macher keine US-Kapitalisten, sondern Kreuzberger, aufgewachsen im sauberen Graefekiez, hier zur Schule gegangen, sozialisiert.

Es ist ein grauer Herbsttag, es nieselt, sogar die Bergmannstraße ist menschenleer. Im neuen Fastfood-Restaurant mit den roten Tischen stehen Mütter mit Kindern, Touristen, junge Nachbarn. Ein Alter ist auch darunter. Er fühlt sich sichtlich unwohl, aber traut sich bis zum Tresen vor und sagt zu der freundlichen jungen Frau mit dem indischen Akzent: »Ich wollte eigentlich nur mal mit dem Chef sprechen....«

»Ich bin der Chef«, sagt da ein junger Mann, der an einem Tisch in der Ecke über einem Stapel Papieren brütet. »Ich wollte mal mit Ihnen sprechen wegen des Mülls und dem ganzen Ärger...«, sagt der Nachbar. „Ich bin David“, sagt David Ehebald, einer der beiden Munchie-Gründer. Der andere ist Joschka Schäfer, gelernter Koch, Erfinder des Smash-Burgers und anderer »kreativer Fast Food Kreationen«. Inzwischen haben sie zwei weitere Filialen eröffnet, in Charlottenburg und am Alexanderplatz. Und eigentlich, so steht es auf der Website, soll Berlin ja nur der Anfang sein. Erklärtes Ziel ist: »Munchies in jede größere Stadt in Deutschland zu bringen«.

David Ehebald ist nett zu seinem Nachbarn. Er würde ihm einen Burger spendieren. Aber Zeit hat er keine. Es geht dem jungen Mann schon wie diesen alten Politikern, die von einem Termin zum nächsten hasten: »Ich habe heute wirklich gar keine Zeit, entschuldigen Sie...«

Draußen vor der roten Filiale warten 7 Lieferanten von Wolt, um die Munchies mit ihren Rikschas in der Stadt zu verteilen. Samt dem Verpackungsmüll. Und drinnen isst man jetzt wie früher, mit Gabel und Teller. Das Problem könnte gelöst sein. Aber nicht in Kreuzberg... H.K.


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