Dezember 2025 - Ausgabe 275
Mühlenhaupt
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Die Laus
Autor unbekannt |
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Du kennst dich doch aus in Kreuzberg, meinte Barbara. »Sag mir, wo was los ist.« - »Wir könnten mal kurz in die Graue Laus rüber. Ich hab ohnehin dort zu tun. Wir malen nämlich in einer Art Wettbewerb die Genthiner Straße, Mittelpunkt ist die Graue Laus... Die hat Tag und Nacht geöffnet.« sagte ich. Der Wirt war ein bulliger, kantiger Westfale, so um die vierzig herum, und stand hinterm Tresen. Die Hemdsärmel hatte er aufgekrempelt. Eine große lederne Schürze bedeckte den Rest des Körpers. Ansonsten war die Kneipe voll von Alkoholikern besonderer Art, von Spastikern, Lahmen, von Menschen mit riesigen Muttermalen im Gesicht. Viele waren dabei, die sich sonst nirgends hintrauten, vielleicht auch nicht sehen lassen konnten, oder aus anderen Kneipen rausgeflogen waren... . Barbara fand das alles sehr interessant und blieb bei mir. Ja, sie bestand sogar darauf. »Du hast bei mir nichts zu suchen, du bist doch gerade erst siebzehn.« – »Achtzehn!«, verbesserte sie mich, »Gestern bin ich achtzehn geworden.« - »Da habe ich ja Glück, das müssen wir feiern. Herr Wirt!«, rief ich, »eine Runde für alle!« Da grölten sie los. Sie kannten mich. War ich bar jeder Münze, schmiß ich eine Lage. Den Rest der Nacht war ich dann eingeladen. Dabei kam ich am billigsten weg. Nach Stunden sagte ich: »Nun hat es keinen Sinn mehr, nach Hause zu gehen. Wenn es hell wird, muss ich anfangen, das Bild zu malen. Du kannst mir helfen, alles rüberzutragen.« Von der Wiese aus, wo mein Wagen stand, sahen wir die Hochbahn und den Eingang zur Grauen Laus. Das wollte ich malen. Für zehn Uhr hatte sich das Fernsehen angesagt. »Bis dahin sollte schon was auf der Leinwand zu sehen sein.« Zwei Stunden später hielt ein dicker Mercedes. Statt des Fernsehteams stieg ein fein gekleideter Herr aus dem Wagen und kam direkt auf mich zu. Barbara stieß mich an und flüsterte: »Das ist mein Papa« Mein Gegenüber betrachtete mich mit Argwohn. Nach einer Weile sagte er: »Meinen Schwiegersohn habe ich mir anders vorgestellt.« »Es ehrt mich trotz alledem«, sagte ich, »Sie haben eine reizende Tochter, zu meinem Bedauern muß ich aber sagen, ich bin schon verheiratet.« »Auch das noch«, stöhnte er. (….) |









