Kreuzberger Chronik
Oktober 2023 - Ausgabe 253

Briefwechsel

Weltfremde Senatsmitgleider


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von Tino Marquart

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Hallo Redaktionsteam

Ich habe während meines Studiums (sehr gerne) in Kreuzberg gewohnt und statte der Marheinekehalle hin und wieder noch einen Besuch ab. Manchmal liegen Monate zwischen diesen Besuchen, um so mehr freue ich mich, wenn es Euer Heftchen noch gibt.

Einigermaßen verblüfft habe ich in einer älteren Ausgabe gelesen, dass die Eisenbahnhalle für kleines Geld an drei junge Privatunternehmer verkauft wurde, die schon in wenigen Jahren aus der Markthalle eine Gokart-Bahn, ein Schwimmbad oder ein Fitnesscenter machen könnten - also: Was immer sie wollen.

Nun hat mir einer der Markthändler vom Marheinekeplatz, mit dem ich gerne ein paar Worte wechsele, noch das Heft vom Dezember 2022 in die Hand gedrückt, in dem es um Gerüchte über die Einrichtung eines Hotels in der Marheinekehalle geht. Er erzählte mir, dass es inzwischen ein Gespräch zwischen den Markthallenbetreibern und den Händlern gegeben habe, in dem deutlich geworden sei, dass es tatsächlich Pläne zu einem Umbau der oberen Etage gibt.

Ich bin entsetzt, wie der Berliner Senat die halbe Stadt verscherbelt, nur um die Staatskasse zu füllen. Dabei scheut er nicht davor zurück, die mühselig erwirtschafteten Errungenschaften seiner Vorgänger – zum Beispiel die Einrichtung von Markthallen für die Versorgung der Stadtbevölkerung – für unwichtig zu erklären.

Ganz abgesehen davon, dass die wenigen noch verbliebenen Markthallen nicht nur in Berlin, sondern überall auf der Welt zu Touristenattraktionen geworden sind, die Tausende von Besuchern anziehen, lässt es keinerlei Gespür des Senats für die Geschichte und die Bevölkerung dieser Stadt erkennen, wenn man die letzten noch lebendigen Zeugen alten Stadtlebens auslöscht.

In einer Zeit, in der der Onlinehandel die belebten und beliebten Geschäftsstraßen des 20. Jahrhunderts vom Stadtplan löscht und damit auch die jahrhundertealten und bewährten Zentren menschlicher Kommunikation zerstört, sind die Markthallen notwendiger als je zuvor. Vielleicht sollten auch die weltfremden Senatsmitglieder der Marheinekehalle hin und wieder einen Besuch abstatten, um zu sehen, wie wichtig dieser Ort ist.

Mit freundlichen Grüßen - Tino Marquart

Sehr geehrter Herr Marquart

Vielen Dank für Ihren Brief. Wir sind ganz Ihrer Meinung, möchten an dieser Stelle aber darauf hinweisen, dass die Marheinekehalle nicht veräußert wurde, wie Sie vermuten, sondern dass es sich lediglich um einen möglichen Pachtvertrag des Hoteliers handelt. m.f. G. - d. R.


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