Kreuzberger Chronik
Oktober 2023 - Ausgabe 253

Reportagen, Gespräche, Interviews

Funkstille in der Marheinekehalle


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von Michael Unfried

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Kreuzbergs Radiosender ist verstummt

28 Jahre lang gab es einen mehrsprachigen Radiosender für Menschen aus anderen Nationen in Berlin. 2008 verlor er die Frequenz, ehemalige Mitarbeiter sendeten weiter im Internet. Auch das ist jetzt Geschichte.














Wenn Multikulti baden geht - so titelte die FAZ und meinte damit nicht den gleichnamigen Berliner Radiosender, sondern stieg in eine Diskussion ein, die seit Tagen im Fernsehen und in den Zeitungen ausgetragen wurde. Grund für die allgemeine Aufgeregtheit waren einige pubertierende Jugendliche, die sich mit dem Bademeister des Freibades am Tempelhofer Feld angelegt hatten, weil der sie nicht auf den Sprungturm ließ.

Beinahe lautlos und ohne große Anteilnahme dagegen verschwand im April 2023 ein Radiosender aus der Medienlandschaft, der sich fast dreißig Jahre lang den vielfältigen Möglichkeiten der multikulturellen Berliner Stadtgesellschaft gewidmet und ein kulturell vielseitiges und mehrsprachiges Programm für die internationalen Bewohner der Hauptstadt gesendet hatte. Ähnlich wie bei der Schlagzeile der FAZ könnten sensible Sprachwissenschaftler zwischen den Zeilen der wenigen Zeitungskommentare über das Ende des multikulturellen Radiosenders durchaus fehlende Empathie, vielleicht sogar Schadenfreude über das Misslingen der Unternehmung diagnostizieren. Die taz titelte lapidar: »Radio geht die Puste aus!«, während der Tagesspiegel emotionslos wie in einer DPA-Meldung verkündete: »Krise bei Kreuzberger Weltmusik Welle. Das Berliner Radio Multikulti meldet Insolvenz an.« Etwas mehr Kollegialität hätte man von den Medienmachern durchaus erwarten können.

Während taz und Tagesspiegel mit Kurzmeldungen ihre Pflicht erfüllten, Morgenpost und Berliner Zeitung sich ganz in Schweigen hüllten, zeigte die Zeitschrift jazzthing mehr Mitgefühl: »Eine weitere traurige Meldung im Zusammenhang mit der bröckelnden Vielfalt der deutschen Radiolandschaft hat uns dieser Tage erreicht. Viele werden sich noch an 2008 erinnern: Damals wickelte der RBB das pionierhafte Radio Multikulti ab, das von Berlin aus in vielen Sprachen gesendet und 14 Jahre lang täglich ein Programm mit aktueller Musik aus aller Welt über den Äther geschickt hatte. Nun steht dessen Nachfolger multicult.fm ebenfalls nach 14 Jahren vor dem Aus.«

Auch das Neue Deutschland verstand, dass eine engagierte Gruppe von Journalisten 28 Jahre lang für die Idee eines freien und weltoffenen Radios gekämpft und am Ende verloren hatte: »Die Auswahl an Radiosendern in Berlin ist riesig. Fast alle sind dabei deutschsprachig und richten sich an ein Publikum, das Deutsch versteht. Nicht so das gemeinnützige und nichtkommerzielle Radio multicult.fm. (...) Doch das könnte bald Geschichte sein.«

Dass man dem sprachbegabten Radiosender trotz hoher Einschaltquoten von staatlicher Seite bereits 2008, zwei Jahre nach Jörg Schönbohms Forderung nach einem Radio Schwarz-Rot-Gold, den Geldhahn zudrehte, und dass die stets viel gelobten Radiomacher am Ende nicht genügend Sponsoren oder staatliche Unterstützung für ihre Projekte fanden, um zumindest als Internetradio weiterexistieren zu können, könnte auch mit dem spürbaren Rechtsrutsch in der politischen Weltanschauung der Deutschen zu tun haben.

Als Radio Multikulti 1994 noch als Welle des Sender Freies Berlin an den Start ging, war man sich in breiten Teilen der politischen und zivilen Gesellschaft darüber einig, dass die Fehler der Siebzigerjahre mit der Internierung und Aussonderung ausländischer Arbeitskräfte für die Entwicklung des schlechten Verhältnisses zwischen Deutschen und Einwanderern verantwortlich waren und nicht wiederholt werden dürfen. Ein Blick auf das eingezäunte Flüchtlings-Containerdorf auf dem Tempelhofer Feld gleich neben dem schlagzeilenträchtigen Schwimmbad macht deutlich, dass man aus den Fehlern der Siebzigerjahre nicht gelernt hat.

2008 wurde Radio Multikulti aus Sparzwängen von der RBB - Intendanz abgewickelt. »Unser Radio«, kritisiert Brigitta Gabrin, die seit 2009 dem Internetnachfolger des multikulturellen Radios als Geschäftsführerin vorstand, »diente der Politik vor allem als Vorzeigeprojekt.« Die Hauptstadt schmücke sich gern mit einem eigenen Radioprogramm für ausländische Mitbürger. Aber eine solide finanzielle Grundsicherung habe es für die Image-Politur nie gegeben.

Seit die Radiomacher in Piratensendermanier von der MS Heiterkeit im Treptower Hafen aus ihr Internetprogramm starteten, war das Projekt nur durch die vielen ehrenamtlichen Unterstützer vor dem Untergang gerettet worden. Die meisten von ihnen waren ehemalige Mitarbeiter des RBB, die ihre Jobs verloren hatten, als Radio Multikulti eingestellt wurde.

Wie Nomaden zogen die entlassenen Redakteure und Techniker mit ihrem Ministudio durch Kreuzberg, bis sie 2010 auf der Galerie der Markthalle am Marheinekeplatz endlich ein scheinbar dauerhaftes Quartier fanden. Es sah aus, als wäre der Sender in einen sicheren Hafen eingelaufen. Die Mitarbeiterzahl wuchs von 20 auf 120, es gab fünf Festangestellte, mehrere Honorarkräfte sowie Praktikantinnen und Praktikanten, die neue Ideen und neue Musik mit ins Studio brachten. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Internetradios gab es ein wochenlanges Sonderprogramm mit Konzerten und Sondersendungen. »Wir dachten schon, wir hätten es geschafft«, erinnert sich die Geschäftsführerin.

Sendungen wie das Cafe Olé mit Wolfgang König, BalkanCult mit Jasmina Njarad und Bernama Kurdî mit Fayad Osman hatten schon zu Radio Multikulti-Zeiten Kultstatus, aber auch nach dem Neustart im Treptower Hafen erreichten das Morgenmagazin und Sendungen wie Tango Globale mit Fernando Miceli oder das unvergessliche radioExperienza mit Gerhard Müller hohe Einschaltquoten. Das Stadtmagazin zitty schrieb 2011: »Im Mai 2008 fasste der RBB den wahnsinnig-grotesken Beschluss, aufgrund von Gebührenausfällen und Sparmaßnahmen gerade die Integrationswelle Radio Multikulti einzustellen. 100 freie Mitarbeiter wurden ihren Job los. Einer von ihnen ist Gerhard Müller mit seiner Sendung radioExperienza.« Das Magazin lobte das »musikalische Crossover aus westeuropäischen Pophymnen und traditionellen Titeln« , den langen, aber kurzweiligen Wortanteil und resümierte: »Diese Sendung will erlebt werden! Und dass Gerhard Müller wie alle anderen Mitarbeiter von multicult.fm ihre Arbeit ehrenamtlich machen, verdient dabei absolute Hochachtung.«

Die Hochachtung seitens des Senats blieb jedoch aus. Der Sender geriet in die Krise. Ein Jahr nach den Jubiläumsveranstaltungen von mulicult.fm legte eine Epidemie das kulturelle Leben in Berlin lahm. Projektförderungen entfielen, Gelder wurden knapp, und wie immer traf es zuerst und zutiefst die kleinen Projekte. So auch multicult.fm. Obwohl gerade das Radio zu Corona-Zeiten Zuhörer gewann. Brigitta Gabrin kämpfte, suchte nach Kooperateuren, Mitstreitern, Unterstützern, klopfte an Senatstüren, drang bis zur Intendantin vor… - ein Spießrutenlauf. Aber sie erhielt überall die gleiche Antwort. Es fehle leider an Geld.

Der Senat hob die Schultern und verwies auf 400.000 Euro, die er Anfang 2022 für die Förderung lokaljournalistischer Projekte in den Berliner Bezirken zur Verfügung gestellt hatte und für deren Vergabe die Berlin Brandenburgische Medienanstalt zuständig war. »Als einziges freies Radio mit einem festen Programmschema und einem mehrsprachigen Profil haben wir natürlich auf eine Grundsicherung aus diesem Topf gehofft« , sagt Gabrin. Doch es gab nur einige wenige projektgebundene Fördermittel, die den Erhalt des Senders nicht absichern konnten.

Am Ende bot Gabrin ihr erfolgreiches Programm der Medienanstalt Berlin Brandenburg »quasi als Geschenk« an. Sie wollte alles übergeben, inklusive der Leitung. »Die hätten nur weitersenden brauchen« und hätten einen modernen Sender für eine moderne und multikulturelle Hauptstadt des 21. Jahrhunderts gehabt. Aber sie wollten einfach nicht.

Brigitta Gabrin ist von der Politik enttäuscht. Die Frau begann als Journalistin zu arbeiten, weil in Hoyerswerda das Asylantenheim brannte. Sie schrieb in der Jungen Welt über Flüchtlinge, Sinti und Roma, und sie war mit Leidenschaft dabei, als der SFB mit Radio Multikulti endlich ein Programm für die halbe Million Fremdsprachler in Berlin startete. Zehn Jahre lang moderierte sie das Mittagsmagazin, beinahe dreißig Jahre lang verfolgte sie mit bewundernswerter Zielstrebigkeit ihr Ziel. Doch die ersehnte Regelfinanzierung blieb aus.

»Wenn ich heute etwas anders machen würde als damals, als alle jubelten, weil wir mit unseren Sendungen täglich das kosmopolitische Hauptstadtprofil stärkten: Ich würde mich vor dem Senat anketten oder ankleben und sagen: Leute, cool! Aber gebt uns bitte wenigstens eine minimale Regelförderung.«

Am 1. April blieb das Radio still. Die Stimme von multicult.fm schwieg. Auf der Internetseite kein Bottom zum Einschalten mehr, keine Musik, keine Nachrichten aus aller Welt, nur einige wenige Zeilen, nur der leise Abschied des Weltkulturradios von seinen weltweit verstreuten Zuhörern: Good bye - Adieu- Farvel - Adiós! Leider haben wir keine wirtschaftliche Basis für unseren Sendebetrieb gefunden. Radio multicult.fm verabschiedet sich traurigen Herzens von seinen Hörer*innen weltweit und sagt Danke für Eure Treue! - Daneben das Bild eines leergeräumten Schreibtisches und eines einsamen Mikrophons vor schwarzem Bildschirm.

Es schien aussichtslos. Doch Gabrin startete noch einen letzten Versuch. Noch einmal setzte sie sich an den Schreibtisch und entwarf ein Konzept, das die internationalen Projekte der Stadt bündeln sollte. Ein Zusammenschluss von Menschen mit Ost- und West- und Migrantenbiographien, eine Kooperation der Berliner Clubszene, des Frauencomputerzentrums aus der Cuvrystraße, des Landesjugendrings Berlin, der Landeszentrale für politische Bildung oder der Europäischen Akademie Berlin. Und das Radio sollte ihr Sprachrohr sein, der Knotenpunkt im großen multikulturellen Netzwerk der Stadt.

Doch auch diese Idee eines »Berliner HUB für europäische Medien- und Dialogkompetenz« scheiterte an der Finanzierung. Dabei hatten Gabrin und ihre Mitstreiter die Hälfte des benötigten Budgets durch Sponsoren und Kooperationen bereits sichern können. Am Ende fehlten etwa 100.000 Euro, und das Radio hätte überleben können.

Es gab »herzzerreißende Kommentare« , erinnert sich Gabrin. Einer schrieb: »Für mich war und ist das Hören von multicult.fm wie ein geöffnetes Fenster, durch das man auf einen weiten Horizont sehen kann – ein diametraler Gegensatz zu privaten und auch öffentlich-rechtlichen Radiosendern«. Ein anderer: »multicult.fm ist ein Leuchtfeuer für eine offene, friedliche, tolerante Welt. Und das aus dem Herzen Deutschlands. Welch ein Segen!« Ein »gebürtiger Sachse« ergänzt: »Es ist wie mit der Freiheit. Man bemerkt den Wert einer solchen Institution (und multicult.fm ist für mich Institution!) erst, wenn sie nicht mehr da ist oder droht, nicht mehr da zu sein.«

Das Radiostudio auf der Empore der Marheinekemarkthalle ist nicht mehr da. Auch der Versuch Gabrins, es den Kollegen von Fritz-Radio zur Verfügung zu stellen, scheiterte. Die offizielle Begründung: »Die Situation im RBB ist derzeit so ungewiss, dass wir die Risiken minimieren möchten.« Was aus der ersten Etage der Markthalle am Marheinekeplatz werden wird, ist ebenfalls ungewiss. Gerüchte über den Einzug eines Hotels kursieren, auch eine Rückkehr der allseits vermissten Browse Gallery mit ihren wechselnden Ausstellungen zur Kulturgeschichte Kreuzbergs soll bei den Überlegungen der Markthallenbetreiber in Betracht gekommen sein. Und die wegen einer möglichen Baustelle besorgten Händler denken daran, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und eine Genossenschaft zu gründen.

Es wird sich etwas ändern. Nicht ändern wird sich Brigitta Gabrin. Ihre Stimme für die multikulturelle Gesellschaft dieser Stadt wird bleiben. »Vielleicht«, überlegt sie, »wäre meine Feder sowieso viel spitzer gewesen, wenn ich weiter als freie Autorin gearbeitet hätte.« Anstatt sich um die Organisierung eines Radiosenders zu kümmern.

Nun geht sie zurück zu ihren Wurzeln. Sie hat damit begonnen, ein Buch zu schreiben. Sie denkt an einen Film und an eine Reihe von Pod-casts. multicult.fm war nur ein Vehikel, ein Instrument. Radio war der Weg - nicht das Ziel. Das Ziel bleibt.


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