Kreuzberger Chronik
November 2023 - Ausgabe 254

Strassen, Häuser, Höfe

Am Kaiser Wilhelm Platz


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von Ben Ortlieb

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Sammlung Peter Plewka, Blick in die heutige Körtestraße

Der Kaiser Friedrich-Platz ist lange vergessen. Schon 1938 versuchten die Nazis die Erinnerung an die königlichen Regenten aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen. Sie benannten den von schmuckvollen Häusern mit Zwiebeltürmchen auf den Dächern umrahmten Platz nach den Gardepionieren, die einst in der angrenzenden Hasenheide exerzierten und sich hier zum Abmarsch formierten – immerhin passend zur Garnisonskirche, in der sich die Soldaten oftmals ihren leider letzten Segen abholten.

Sieben Jahre später war der Krieg verloren, von den Zwiebeltürmen auf den strahlend weißen Häusern blieb nur einer erhalten. Er thront noch heute auf dem vom Krieg gänzlich verschonten Gebäude am Eingang zur Lilienthalstraße. Die anderen Häuser rund um den Kaiser Friedrich-Platz verloren ihre schmuckvollen Dächer, und zwei Jahre nach dem Kriegsende verlor auch der Platz seinen noch jungen Namen wieder: Aus dem Gardepionierplatz wurde der Südstern.

Das Eckhaus, das einst an der Ecke der Hasenheide zur ehemaligen Camphausenstraße und heutigen Körtestraße stand, ist mit dem Krieg ganz verschwunden. An seiner Stelle blendet heute die grellgelb gestrichene Nachkriegsfassade eines sechsstöckigen Gebäudes mit knall-roten Balkonen. Der noch frische Anstrich täuscht über die Tristesse des schnörkellosen Zweckbaus der Nachkriegsjahre hinweg. Wie anders sah die dem Platz zugewandte, von zwei Türmchen flankierte Fassade des alten Kaiser Friedrich-Platzes Nummer 6 aus, die einst an dieser Stelle stand.

Auch das gegenüber liegende Haus auf der anderen Seite des Platzes, der einstige Kaiser Friedrich Platz Nummer 3, trug über den Erkern und Balkonen reichliches Zierwerk. Das große Gebäude auf der Westseite des Platzes muss eines der Größten in der Gegend gewesen sein, und das ist es noch heute. Es besitzt drei unterschiedliche Adressen und liegt auch an gleich drei verschiedenen Straßen: am Südstern, an der Gneisenaustraße und an der Bergmannstraße.

Aus der Vogelperspektive hat das Haus die Form eines Kuchenstückes, dessen abgeflachte Spitze dem Kirchplatz zugewandt ist. Hier, an der schmalsten Seite es Hauses, liegt der Haupteingang, ein von zwei Marmorsäulen flankiertes Portal, in denen noch heute die Spuren von Maschinenpistolen und Handgranaten vom Krieg zeugen. Hinter den hohen Schaufenstern der Geschäftsräume im Erdgeschoss befinden sich ein Billardgeschäft und ein exklusives Einrichtungshaus, blue living - most beautiful. Die langen und hohen Fensterreihen darüber sowie die runden, von Erkern flankierten Balkone an den Seiten des Hauses lassen traumhafte Wohnungen vermuten.

Auch um die Ecke, in der Bergmannstraße, ist man des Englischen mächtig: Two Tricks Pony heißt der Laden, der aber weder mit Pferden und noch mit Zaubertricks handelt, sondern mit Kuchen und Snacks. Auf einer historischen Postkarte ist zu erkennen, dass dort, wo heute Brunchgesellschaften in der Sonne frühstücken, einst der Steinmetzmeister Albrecht seine Verkaufsräume hatte und in den hohen Schaufenstern Grabsteine ausstellte. An der Fassade stand in breiten Lettern: Albrecht Grabdenkmäler. Am westlichen Ende des Hauses Bergmannstraße 52 befand sich im Erdgeschoss schon kurz nach dem Krieg die kleine Werkstatt eines Schuhmachermeisters. Noch heute ist dort ein Schuster am Leimen und Besohlen.

Auch auf der gegenüberliegenden Seite, an der Gneisenaustraße 52, befindet sich am westlichen Ende des Gebäudes noch ein kleiner Frisörsalon. Die großen Fenster davor teilen sich das Billardgeschäft und ein Schweizer Verlagshaus. In den Sechzigerjahren nutzte ein italienischer Autohändler die großen Geschäftsräume: Fiat.

Auch die über den Ladenzeilen liegenden Wohnungen der Häuser in der Bergmann- und der Gneisenaustraße waren nicht für kleine Leute gebaut. Der Platz selbst aber hat allen Charme verloren. Spätestens seit die BVG den historischen Eingang zur Untergrundbahn renoviert und ein quadratisches Mini-Einkaufszentrum darüber gestülpt hat, ist von der ursprünglichen Idee des Platzes nichts mehr zu erahnen.


Sammlung Peter Plewka, Blick in die Bergmannstraße


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