Kreuzberger Chronik
Juli 2023 - Ausgabe 251

Mühlenhaupts Erinnerungen

Die Kute vor dem Trödel


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von Kurt Mühlenhaupt

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Nicht erst nach dem Fall der Mauer machen Immobilienhändler Berlinern das Leben schwer. Auch die Kriegsbrache in der Blücherstraße, auf der Mühlenhaupt seinen Tödel hatte, geriet ins Visier eines Bauunternehmers.

»Das Grundstück Blücherstraße 11 wurde mitsamt meiner Trödelhandlung verkauft. Der neue Eigentümer hieß Mosch. Ein Vertreter stellte sich als Rechtsanwalt Schmidtchen vor und machte mir klar, dass ich mit ihm alle Verhandlungen zu führen hatte. Gut, sagte ich, Sie sind der Vertreter des neuen Eigentümers und ich bin der, der vor zehn Jahren alles in Besitz genommen hat. Den wollen Sie also rausschmeißen. Nun werde ich Ihnen mal was sagen. Vorerst schmeiße ich Sie raus, denn ich brauche Zeit zum nachdenken.«

Als auf dem Nebengrundstück die Bagger anrollten, schlug Mühlenhaupt sein Quartier im Laden auf und bewachte sein Grundstück bei Tag und bei Nacht. Als ein Anwalt ihm 6000 Mark bot, sagte er:

»Ich bleibe lieber hier wohnen.«- »Das geht aber nicht.«, sagte er, »Wir wollen bauen. Hier sollen die Garagen hin. Die haben zwar noch Zeit, aber ich gebe zu, dass wir gern alles hintereinander fertig hätten.«

»Gehen Sie mal zum Fenster«, sagte ich, »da vorne an der Wand steht eine Telefonnummer. Mein Anwalt hat mir garantiert, wenn ich morgen zwangsexmittiert werde, besorgt er mir einen gerichtlichen Gewerbeaufschub von zwei Jahren. Und die wohne ich dann hier ab. Das ist mir lieber als Ihre 6000 Mark. Wenn sie aber früher bauen wollen, muss der Herr Mosch selbst kommen. Wenn Sie mir 100.000 Mark zusagen, ziehe ich aus. Das können Sie dem Herrn Mosch auch sagen. Ich werde erst noch mal ein wunderschönes Bild von dieser Trödelhandlung malen, damit wenigstens die Idylle erhalten bleibt. Wenn der Herr Mosch bereit ist zu zahlen, schenke ich ihm das Bild.

Nach drei Tagen kam Herr Moss. (...) »Es wurde über Kunst gesprochen, alles so ein bisschen kollegial, um erst mal unsere Aggressionen abzubauen. Dann sollte ich endlich verraten, was ich für den Umzug verlange. Er ließ mich nicht zu Ende reden, sondern sagte, 6000 Mark seien wirklich zu wenig. Da werden wir wohl was zulegen müssen.«

»Gut«, sagte ich, »Sie wissen doch selbst, dass es nicht so ganz gerecht ist. Der Mann von der Würstchenbude, der von mir nur ein winziges Stückchen gepachtet hat, bekommt 100.000 Mark von Ihnen, weil er einen Vertrag über zehn Jahre in der Tasche hat. Da stimmt doch was nicht!«- »Sie haben völlig recht, aber wir können nicht zehn Jahre warten. Also ich biete Ihnen 30.000 Mark.

Er streckte mir die Hand entgegen. »Gut, sagte ich, »50.000!«Und gab ihm die Hand. »Dann wollen wir es schriftlich machen«, sagte er. »Ihr Handschlag reicht mir«, sagte ich, »morgen ziehe ich aus.«



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