Kreuzberger Chronik
April 2023 - Ausgabe 248

Mühlenhaupts Erinnerungen

Die Riverbootfahrt


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von Kurt Mühlenhaupt

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Die Riverbootfahrt
Als wir einmal vor unserem Bier saßen, kam jemand auf die Idee, eine Mondscheinfahrt zu starten. Alle waren Feuer und Flamme. »Dann mieten wir doch einen ganzen Dampfer!«, sagte einer. Wir erkundigten uns erst mal nach den Preisen. Als wir sie hörten, waren alle enttäuscht, denn ein ganzer Dampfer war viel zu teuer. Wir mussten ja auch noch Geld für die Getränke und die Musik aufbringen. Nur einer machte uns Hoffnung, das war Märchen. Er war selbst mal als Schiffsjunge unterwegs und hatte hier und da als Süßwassermatrose ausgeholfen. Er kannte sich oberhalb und unterhalb der Havel bestens aus. »Ich glaube, dass ich euch helfen kann«, sagte er. »Aber ich brauche ein wenig Zeit.«


Nach ein paar Tagen kam er mit der Botschaft, daß wir den Dampfer vom Kapitän Becker mieten könnten. »Was soll er kosten?«, wollten wir wissen. »Dreihundert Mark für eine ganze Nacht«, sagte Märchen, »Das ist billig. Es müsste nur bis Mittwoch kommender Woche geschehen.« »Das reicht«, sagte ich, »da haben wir noch ein paar Tage Zeit. Wenn jeder Gast zwanzig Mark bezahlt, dann reicht das Geld auch noch für ein paar Getränke. Wer kein Geld hat, muss sich jemanden suchen, der für ihn mitbezahlt.«

Wir trafen uns am Mittwochabend an der Möckernbrücke. Schnaps und Bier waren schnell verladen. Auch mein Leierkasten mußte mit, denn eine Kapelle wollten wir sparen. Der kleine Dampfer füllte sich. Es kamen mehr Gäste, als erwartet. »Für Fünfzig ist er nur zugelassen«, sagte der Kapitän. Wir zählten sie nicht. Es fehlte nur einer, das war Märchen. Warum, das wusste keiner.

Der Leierkasten wurde vorn auf dem Bug montiert, dann legten wir ab und lärmten durch das nächtliche Berlin. Die Dampferschönheitskönigin wurde gewählt. Auf den meisten Zetteln stand der Name von Judith. Nur ich bestand auf Rosi. Judith war zwar die Schönste unter den Mädchen, aber Rosi war schließlich unsere Wirtin, aber ich bekam für sie keine Stimmen. Danach wurde der Dampferkönig gewählt. Wie sollte es anders kommen: das war ich. Das hatte ich Rosi zu verdanken. Wer mich nicht wählte, mußte damit rechnen, daß er von ihr kein Bier mehr ausgeschenkt bekam. Danach hatte Kapitän Becker das Wort. Er wollte wissen, in welchem Monat und an welchem Tag er Geburtstag hatte. Das sollten wir auf einen Zettel schreiben. Wer am nächsten dran war, bekam den großen Dampferpreis in Form einer riesigen Flasche Sekt. Ich gewann. Das war ja nun wirklich nicht schwer, es war der Tag, an dem wir hier auf dem Wasser rumschaukelten.

Nun waren wir schon dort, wo die Spree in die Havel fließt. In weiter Ferne leuchteten die Lichter von Gatow. In Kladow wollten wir das erste Mal vor Anker gehen. Hier war die Havel am weitesten. In der Mitte der Havel hieß es plötzlich: »Mann über Bord!« Wir waren alle betrunken und wußten nicht recht, ob es ernst gemeint war. Der Kapitän stoppte sein Schiff, denn so eine Rettung dauert schon ein bißchen. Joseph war es, der fehlte.

Als erster sprang der Kritiker Kotsch hinterher. Wenn er ansonsten die Bilder von Josi zerriß, jetzt war er der erste. Die Scheinwerfer suchten das Wasser ab. Ein Retter nach dem anderen sprang über die Reling. So paddelte bald die Hälfte meiner Freunde um das Schiff herum. Ich hörte den Kapitän rufen: »Weg von der Schiffsschraube!« Kotsch hatte längst den Ertrinkenden erwischt. Der konnte nicht schwimmen. Wir zogen ihn an Bord, das Wasser lief ihm aus Mund und Nase. Er lag frierend da. Die jungen Ärzte, die an Bord waren, bemühten sich um ihn. Weiterfahren konnten wir nicht, die Sorge des Kapitäns galt denen, die noch im Wasser herumpaddelten. Aber irgendwann hatten wir auch den Letzten geborgen.

Schon seit einer Weile fiel mir auf, dass unser Schiff ganz schief lag. Von der einen Seite konnten wir das Wasser fast berühren. Ich ging zum Kapitän und wollte wissen, was es damit auf sich hatte. »Es ist seine letzte Fahrt«, sagte er. »Wenn die Pumpen ganz ausfallen, sinken wir. Wenn wir aber in Fahrt kommen, richtet sich der Kran wieder auf.« Und in der Tat: Als der Letzte wieder an Bord war und wir lostuckerten, standen wir fast wieder gerade auf dem Schiff.

Langsam waren alle wieder nüchtern, aber Stimmung kam keine mehr auf. Auch mein Leierkasten krächzte nur noch. Ein Besoffener hatte die Kurbel rückwärts gedreht, dabei hat man dem alten Bacigalupo die Zähne ausgerissen. So quietschte er nur noch. Der Kapitän versuchte so schnell wie möglich zur Saubucht zu fahren, um anzulegen. Die feinen Herren sind schnell von Bord gesprungen und wurden von keinem mehr gesehen.

Nur der harte Kern blieb und fuhr mit dem Dampferwrack zurück. Wir hatten abwechselnd zu tun, denn wir wussten mussten zusätzlich die Handpumpe einsetzen. Damit wollten wir nicht etwa nur unsere Kraft beweisen, nein, keiner von uns hatte das Geld, um in der Nacht mit dem Taxi nach Hause zu fahren. Und der Weg nach Kreuzberg war weit.

Als wir am nächsten Tag in den Leierkasten kamen, wartete Märchen schon auf uns. »Warum bist du nicht mitgekommen?«, wollten alle wissen du hast allerhand versäumt.« – »Ich kann doch nicht schwimmen und dem alten Kapitän Becker hab ich auch nicht getraut. Von dem Kahn ist doch längst der TÜV abgelaufen, der sollte schon lange aus dem Verkehr gezogen werden«. Er lachte und krächzte mit seiner dunklen, rauen Stimme. Ich glaub schon, dass er uns da was einbrocken wollte.

Entnommen aus Kurt Mühlenhaupts autobiographischem Werk in 11 Bänden, erhältlich im Kurt Mühlenhaupt Museum, Fidicinstraße 40


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