Kreuzberger Chronik
Februar 2022 - Ausgabe 236

Geschichten & Geschichte

Kanalgeschichten (1):
Visionen vom grünen Kanal



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von Werner von Westhafen

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Wenn etwas Gewohntes aus dem Stadtbild verschwinden und Platz machen soll für Neues, wenn etwas dem Wandel der Zeiten geopfert und in den Geschichts- büchern entsorgt werden soll, wenn also das, woran sich der Bürger im Laufe vieler Jahre derart gewöhnt hat, dass es Teil seiner Heimat geworden ist, plötzlich verschwinden soll, dann geraten Volk und Staat gerne aufs Heftigste aneinander.

Das ist kein Symptom der Neuzeit und betrifft nicht nur den langjährigen Streit ums Tempelhofer Feld, in dem die einen Bauland, die anderen Grünland sehen. Oder den Streit um die Bergmannstraße, in der die einen eine Straße und die anderen eine Begegnungszone sehen. Derartige Auseinandersetzungen sind so alt wie die Demokratie selbst, und immer dann, wenn sich der Staat gegen den Widerstand des Volkes durchsetzt, sind sie ein Beweis dafür, dass diese Demokratie schwächelt, wenn nicht ernsthaft erkrankt ist.

Zu Streit und langen Diskussion kam es auch, als man vor etwa 100 Jahren beschloss, den Luisenstädtischen Kanal, und damit den Stolz der Südstadt mit seinen malerischen Brücken und Uferpromenaden, wieder zuzuschütten. Jahre lang wurden auf der Wasserstraße zwischen Spree und Urbanhafen Steine, Holz und Sand zum Bau der Luisenstadt angeliefert. Doch die Stadt war fertig, es verkehrten nur noch Appelkähne und Gurkenbauern aus dem Spreewald auf der ehemaligen Hauptschlagader der Luisenstadt, die kleinen Hafenbecken wurden zu schwimmenden Marktplätzen mit Gemüse-und Fischhändlern.

Staat und Volk, die politischen Parteien, die verschiedenen Bezirke und Ämter, alle stritten sie um die Zukunft des Kanals. Jeder wusste besser, was aus dem über 2000 Meter langen Wasserstreifen werden sollte. Endlos wurde diskutiert, und auch damals schon ging es um Verkehr und Gesundheit. Das Luisenstädter Volk aber wollte den Kanal behalten, auch wenn er bis zum Himmel stank und Seuchengefahr bestand. Ein Anwohner protestierte in einem Schreiben an den Magistrat dennoch »in gesundheitlichem Interesse« gegen die Zuschüttung. Er fürchte, »das Wasser in eine Staubwüste verwandelt zu sehen.«

Auch die Landesversicherungsanstalt meldete »schwerste Bedenken« an. Es könne »nicht zweifelhaft sein, daß Wasserflächen in gesundheitlicher Beziehung von großem Nutzen sind.« Ein Gremium des Magistrats wies darauf hin, »dass es sich hier um eine städtebaulich besonders reizvolle Situation des älteren Berlin« handelte. Brücken und Promenaden ähnelten denen von Paris und würden auf Leinwänden verewigt. Der Kanal wäre ein willkommener Kontrast zu den Mietskasernen der Hinterhöfe.

Auch wenn die Politiker Anfang der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts noch mehr Sinn für Schönheit und Kultur besaßen als die des 21. Jahrhunderts und verstanden, dass nicht Wände und Mauern, sondern Plätze und Gärten eine Stadt zu einer schönen Stadt machten, so wurden die schönen Visionen dennoch gern dem Pragmatismus geopfert. So auch die des Gartenbaudirektors Barth. (vgl. Kreuzberger No 63). Drei immer bescheidener werdende Entwürfe hatte er einreichen müssen, bis man sich endlich einverstanden erklärte.


Der erste Plan zur Umgestaltung des Kanals stammte noch von seinem Vorgänger, dem ehemaligen Verwalter des Viktoriaparks und Gartendirektor Leo Kloss. Er entwarf ein Erholungsgebiet für die Bewohner des Arbeiterviertels, plante Spielwiesen und Buddelkästen von der Spree bis zum Engelbecken, wo ein hundert Meter langes Kinder- bassin entstehen sollte. Von dort sollte ein Grünzug zu einem großen, öffentlichen Schwimmbad am Wassertor führen. »Unvollständig bekleidete Menschen«, schrieb Kloss, würden auch »im Stadtgebiet inzwischen toleriert. Die Verbindung zum Landwehrkanal bleibt für den Abfluss, Frischwasser soll von den Wasserwerken kommen, und das alte Zollgebäude kann für Duschen, Umkleide-und Geräteräume zur Verfügung stehen.« Im Gegensatz zu den Plänen des Tiefbauamtes, das den Abriss aller Brücken und die Zuschüttung des Kanals vorsahen, blieben bei Kloss sämtliche Brücken samt ihrer Kandelaber erhalten. Damit legte er nicht nur den Grundstein für Barths spätere Visionen, sondern auch für den bis heute erhaltenen längsten Grünzug Kreuzbergs.

Als Barth im Juli 1926 seinen ersten Plan präsentiert, hagelt es Proteste von sämtlichen Ämtern. Die Mauern seien zu hoch, der Rosengarten zu üppig, die Pergola zu teuer, ebenso wie die Badeanstalt am Engelbecken, die ohnehin nur vier Monate im Jahr geöffnet würde. Als auch die Kirche Anstoß nimmt an den halbnackten Badenden vor ihrer Haustür und die »Katholiken Berlins!« zu einer »Protestversammlung« zusammenruft, gehört die Badeanstalt schon ins Reich der Träume. Der Magistrat will das Becken am liebsten zuschütten und einen Sportplatz einrichten, aber Barth träumt weiter. Er möchte das warme Abwasser der nahegelegenen Eisfabrik (vgl. Kreuzberger No 233) in das Becken leiten und Palmen züchten. Um auch die von seinen Ideen weit entfernten Beamten in ihren kleinen Büros zu erreichen, fügt er den akkurat gezeichneten Plänen zehn Ansichtsblätter bei, regelrechte Kunstwerke, poetische Visionen exotischer Landschaften mitten in Kreuzberg.

Doch die Verhandlungen mit der Eisfabrik scheitern, Barth muss auf Palmen verzichten. Und als die dritte Version endlich umgesetzt wird, kommt die Weltwirtschaftskrise, »der viele der Glanzlichter der Barthschen Entwürfe zum Opfer fielen«, wie Klaus Duntze schreibt. Barth, der Führungen durch seinen Garten zeitlebens ablehnte, sagte: »Soweit mir bekannt, sind infolge der Einschränkungen der Mittel die Anlagen nur zur Karikatur meiner Entwürfe geworden.« •

Literatur: Klaus Duntze, Der Luisenstädtische Kanal, Berlin Story Verlag, 2011


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