Kreuzberger Chronik
Juli 2021 - Ausgabe 231

Kreuzberger
Natalie Harder

Immer schnell gemerkt, was ich wollte


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von Reiner Schweinfurth

Titelfoto: Holger Groß

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Laufen geht nicht mehr so gut. »Sonst bin ich kerngesund!« Fahrradfahren und Reiten – das klappt noch. Karim, ihr Liebling, ein Wallach, begrüßt sie mit aufgestellten Ohren und freundlichem Schnauben, wenn sie auf dem Reiterhof auftaucht. Sie genießt ihr »Reitvergnügen«. In der Natur zu sein, bedeutet ihr viel. Sie spürt die Verbindungen. »Es passiert!«, sagt sie: der Rhythmus, in dem Himmel und Wolken zusammenfinden, die Aufmerksamkeit des Pferdes, wenn es sich durchsetzt und doch Rücksicht nimmt auf die Person, die es gerade durch die Koppel trägt.

Ihre Wohnung am Südstern ist aufgeräumt. »Sonst finde ich nichts mehr« zwischen den vielen Marionetten, Fotoalben, Büchern, Pinseln und Farben auf dem Arbeitstisch. Papier liegt da mit einer Skizze. Natalie Harder wohnt in einer ehemaligen 12-Zimmer-Etage, wo früher die Offiziere mit ihren Burschen untergebracht waren. Jetzt sind es noch drei Zimmer

Vorher wohnte sie in Friedenau. Damals Künstlerkolonie. Grass, Rühmkorf e tutti quanti. »Man wusste von denen, aber getroffen hab ich nie einen.« Sie hatte ein Atelier im 5. Stock. 150 qm, Blick über die Dächer von Berlin. So gehörte sich das für eine Künstlerin. »Aber dann haben sie mich vertrieben. Wir sollten kaufen oder ausziehen.« Gentrifizierung - als es das Wort noch nicht gab.

Wenn Natalie Harder zu sprechen beginnt, will sie eigentlich gar nicht mehr aufhören - so viel ist passiert in ihrem Leben. Aufgewachsen ist sie in einem Pfarrhaus bei Fehrbellin. Es ist Krieg, im Haus werden Menschen versteckt, die am Stauffenberg-Attentat beteiligt waren. Auch eine holländische Jüdin überlebt hier, »überall sonst waren die Kirchentüren ja verschlossen«. Dann erfährt die Gestapo davon und verhaftet den Vater. Nur das Chaos am Kriegsende verhindert, dass der Volksgerichtshof Pfarrer Harder wegen Beihilfe zum Staatsstreich zum Tode verurteilt. Später ist er Rektor an der Kirchlichen Hochschule in Berlin, ein geachteter Mann, auch in Israel, wo er ganz offiziell als Widerstandskämpfer anerkannt wird. »Er war unerschrocken und seinen Prinzipien verpflichtet«.

Der Umzug nach Berlin stellt ihr Leben auf den Kopf. Die Geborgenheit des Pfarrhauses, der weite Himmel Brandenburgs weichen der Boheme der Nachkriegszeit. Die Zeichnerin bewirbt sich bei HdK. »Ich stürzte mich mit Begeisterung in die Ausbildung. Im ersten Semester haben wir nur gelacht. Es war herrlich.« Die Pfarrerstochter wird Meisterschülerin von Alexander Camaro, einem Star der Nonkonformisten-Szene. »Er interessierte sich eigentlich nur für sich«. So muss sie ihren eigenen Weg finden. »In der Uni und auch sonst habe ich eigentlich immer schnell gemerkt, was ich nicht wollte«, ruft sie aus und freut sich über ihren Instinkt, dies nie bereut haben zu müssen.

Eine große Liebe durchlebt sie in vollen Zügen. Die Seele flattert zwischen Lust und Leid. Sie stellt aus, hat Erfolg, macht sich einen Namen in der 50ern. Eine Bekannte bringt sie zu Mary Wigman, einer Koryphäe des Modernen Tanzes. Natalie ist ergriffen, anders kann sie es gar nicht beschreiben. »Ich habe schon als Kind gern getanzt«. Doch die Auftritte mit der Mary-Wigman-Schule schaffen sie. »Noch vier Takte, bis es auf die Bühne geht .... Ich bin jedes Mal gestorben. Der Aufregung war ich auf Dauer nicht gewachsen. Puh!«

Dann kommen die Sechziger. Sie mischen die Stadt auf. »Als die Gewalt immer größer wurde, bin ich ausgestiegen. Das war nicht die Freiheit, die ich mir wünschte.« Aus Ostberlin schmuggelt sie Farben am Körper über die Grenze, sieht Stücke von Brecht und wird Dozentin für Kunst in Zehlendorf. Und sie entdeckt die Kunst der Marionette. »Eine Freundin brachte ein Stopfei mit, heftete einen Stoffstreifen dran, begann es zu bewegen – und es war lebendig!«, erinnert sie sich.

Marionettentheater war in West-Berlin eine unbeachtete Kunst. »Außer uns machte das damals eigentlich niemand.« Überall in der Stadt tritt die 18-köpfige Truppe auf: Parsifal, Amor, Pysche ... - Stoffe, die sie nicht loslassen. Zwischen Himmel und Erde, das ist Natalies Aufenthaltszone. Und der Jazz ist ihre Musik. Immer sucht sie nach passender Musik für ihre Puppenspiele, hört Dave Brubeck und Lionel Hampton im Münchner Hofbräuhaus und verdient sich nebenbei als Rock ’n’ Roll-Tänzerin ganz ordentliche Honorare. Und ihre Puppen lässt sie nach C.C. Rider tanzen.

Seit 37 Jahren wohnt sie nun in Kreuzberg. Viele Jahre haben die Kunstämter ihre Puppenspieltruppe verwöhnt. Westberlin war ein guter Spielplatz. Regelmäßige Auftritte im Künstlerhaus Bethanien und in den Gemeindesälen der Stadt sicherten die Existenz. »Doch dann kam die Wende - und der Bruch!«, sagt sie. Das Puppentheater des Ostens ist plötzlich der letzte Schrei, und das bis dahin treue Publikum, die Journalisten, bleiben weg. Die Gelder versiegen. »Absolutes Schweigen. Und wie schnell das ging!« 1994 muss sie das Ensemble auflösen, macht allein weiter, bekommt »Kontakt zum Tagungszirkus: Psychologische Vereine, Pädagogikkongresse, Stiftungen engagierten mich. Ich hatte wieder richtig viel zu tun.« Aber sie war zum »Pausenclown« für kommerzielle Veranstaltungen geworden.

Eines Morgens betritt sie ihr Arbeitszimmer und sieht eine Puppe aus transparentem Stoff am Boden liegen. »Die warf einen Schatten, der aussah wie in Relief. So kamen die Stoffbilder zu mir«, die sie seitdem anfertigt: durchsichtige Collagen in verschiedenen Farben, oft abstrakt und immer seelenvoll. Als einmal das Geld knapp wird, arbeitet sie in der Kostümwerkstatt der Deutschen Oper. »Ein Paradies für mich. Ich konnte mich an den Resten bedienen. Für die Marionetten ein Segen, weil ich an Stoffe kam, die ich mir bis dahin kaum hatte vorstellen können.«

Und immer ist sie auf Seelensuche. Sie vermietet die Wohnung in Friedenau, um zu Karlfried Graf Dürckheim zu gehen, der im Schwarzwald ein spirituelles Zentrum gegründet hat, das Menschen aus aller Welt anzieht. Dann träumt sie von einer Begegnung mit Willigis Jäger, einem Benediktinermönch. »Ich ging im Traum über einen Hof und sprach einen Mann an. Als ich dann in Münsterschwarzbach war, sah ich Williges über den Hof gehen und wollte sofort zu ihm. Aber meine Begleiterin sagte, das ginge nicht. Das beeindruckte mich gar nicht, ich lief hin, aber er wies mich ab, es wäre kein Platz für neue Schüler. Ich erzählte ihm von meinem Traum – da nahm er mich auf.«

Die Begegnung mit dem Mönch war vielleicht eine der prägendsten in ihrem Leben. »Ich war nie eine gläubige Christin. Wir brauchen keine Erleuchtung, die Leute machen da viel zu viel Brimborium. Ein kleines bisschen Lebensweisheit – das genügt schon. Aber bei Wiligis Jäger spürte ich ein Grundgefühl der Gottesnähe.« Angst vor dem Tod hat Natalie Harder nicht. »Der Tod ist real und nah. Aber Angst vor dem Siechtum – die hab‘ ich wohl!«

Natalie Harder steht am Fenster und blickt auf die Straße. Das Herrchen mit dem Hund kommt gerade zurück. Was wurde eigentlich aus dem Mann, der unter ihr wohnte und mit einem Gokart übers Parkett karriolte, um sich auf das nächste Rennen vorzubereiten? Was aus der Frau, die gegenüber immer aus dem Fenster sah? Natalie Harder beobachtet ihre Straße aufmerksam. Sie ist nicht neugierig, aber das ist das Leben da draußen. Und sie nimmt Teil daran!

Sie hat eine Weile gebraucht, um in Kreuzberg heimisch zu werden. »Es gab noch nicht einmal einen Buchladen.« Jetzt gibt es einen Kinderladen im Haus, die jungen Mütter kommen morgens mit ihrem Nachwuchs an, Väter hasten herbei. »Früher sah man die nie. Heute ist das ganz normal.« Mittlerweile wohnt sie gerne hier. Ein Flamenco-Studio, die Tanz-Etage einer ehemaligen Wigman-Schülerin, eine Yoga-Schule – alles in ihrer Nähe. »Einsam bin ich hier nicht.«

Wenn Natalie Harder zu erzählen beginnt, kann sie kaum mehr aufhören. Sie hat so viel erlebt in 84 Jahren. Genug, um zwei Bücher mit Lebenserinnerungen und mehrere Bände mit Gedichten zu veröffentlichen. So bleibt etwas. Auch ihre Puppen bleiben. Die meisten sind jetzt in der Karl-Marx-Straße, im Puppenmuseum. Das Haus hat ihnen eine Ausstellung gewidmet, bis November sind sie da alle noch einmal versammelt. Dann wandern sie ins Archiv. Natalie Harder schaut aus dem Fenster und lächelt: »Als ich den Anruf von Nikolaus Heim, dem Gründer des Puppenmuseums, erhielt und meine Marionetten dort übergeben konnte, war ich wie erlöst.« •




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