Kreuzberger Chronik
Juli 2021 - Ausgabe 231

Hausverbot

Die Spezialität des Hauses


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von Horst Unsold

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Eigentlich war er ein netter Gast. Meistens kam er mit seiner Freundin ins Dionysos, einer quirligen, französischen, lachenden Frau, die zwanzig Jahre jünger aussah als er. Meistens saßen sie draußen an der Gneisenaustraße, rauchten und aßen und tranken und lästerten über die Passanten. Mal aßen sie Fisch, mal Fleisch, aber immer mit Pommes und Salat. Und immer freuten sie sich über das strahlend weiße Joghurt mit den blutroten Granatapfelkernen unter dem bernsteinfarbenen Honig, das der Wirt als Dankeschön mit der Rechnung an den Tisch brachte.

Eines Abends kam er ohne Freundin in die Gneisenaustraße. Obwohl die Sonne schien, saß er drinnen und blätterte ratlos in der Speisekarte. »Kennen Sie die nicht längst auswendig!«, fragte die Frau des Herrn Dionysos, die an diesem Abend nicht nur in der Küche stand, sondern auch beim Servieren aushelfen musste. Alle Tische waren besetzt. Aber dem Gast war an diesem Abend kein Lächeln zu entlocken. Er schüttelte den Kopf.

»Soll ich ihnen etwas empfehlen?«, fragte sie. »Probieren Sie doch mal das Moussaka. Meine Spezialität! Kommt gerade aus dem Ofen!« - »Ein Moussaka«, murmelte er, mit der Betonung auf der letzten Silbe, und dann, ganz nachdenklich, so als erinnerte er sich, noch einmal: »Ena Moussaka …«

Fünf Minuten später stand das Glas Rotwein auf dem Tisch und ein großes, noch dampfendes Viereck Moussaka. Die Wirtin beobachtete ihn vom Tresen aus, wie er zuerst den Duft prüfte, dann vorsichtig eine kleine Gabel von der Ecke abstach, dann die Aubergine kostete, dann die Kartoffel, die Tomate und zuletzt die Béchamelsoße. Er verzog keine Miene, aber als er zu Ende gespeist hatte, stützte er den Arm auf den Tisch und dirigierte die Köchin mit streng erhobenem Zeigefinger zu sich. Als sie vor ihm stand, sagte er:

»Liebe Frau Wirtin. Wissen Sie eigentlich, seit wann ich Moussaka esse? Seit 1972! Wir waren den ganzen Tag durchgefahren und gerade in Thesaloniki angekommen. Wir hatten Hunger, also gingen wir in ein Restaurant, und weil wir die griechische Speisekarte nicht lesen konnten, tippte ich mit dem Finger auf irgendeine Zeile. Ich wusste nicht, was kommen würde, aber Moussaka wurde mein Lieblingsessen. Ich bin seitdem jedes Jahr in Griechenland und ich habe bestimmt tausend Moussaka gegessen. Ich bin Spezialist für Moussaka. Aber Ihr Moussaka …«

Die Köchin wurde blass, ihr freundliches Lächeln vereiste, sogar die Leute an den Nachbartischen wussten, dass sie diesen Gast mit dem nächsten Satz vor die Tür befördern würde.

Und dann sagte er, mit dem ersten Lächeln dieses Tages: »Aber Ihr Moussaka ist das beste, das ich je gegessen habe!« •



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