Kreuzberger Chronik
Juli 2021 - Ausgabe 231

Geschäfte

Kostüme aus der Blücherstraße


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von Anna Prinzinger

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Nach der Wende war in der Stadt plötzlich alles doppelt! Auch die Theater, samt ihrer großartigen Garderoben.


Wildberlin war bis 2016 noch in der teuren Mitte beheimatet, zog dann aber lieber in die Blücherstraße und ins alte Künstlerviertel Kreuzberg. In einen Block mit gut erhaltenen Altbauten, nur ganz vorne am Südstern ist eine Bombe eingeschlagen hat. Der Kostümverleih Wildberlin ist in der »Blüchi« hauptsächlich in Gesellschaft von Möbelgeschäften.

Der Besitzer des Ladens heißt Wolf. Mit Vornamen. Er ist geborener Berliner, seine Familie kommt ursprünglich aus Thüringen. Eigentlich wollte er Architekt werden, wie sein Vater, doch stattdessen wurde er Bühnenbildner. Die Bühnen begleiteten ihn von klein auf, durch seine Mutter, die in der Oper auf der Bühne stand. Mit neunzehn begann er sich an der Staatsoper vom Bühnenarbeiter zum Requisiteur und schließlich sogar zum Bühnenbildner hochzuarbeiten, alles ohne Studium.

»Nach der Wende gab es dann plötzlich alles doppelt.« Auch die Theater und ihre dazugehörigen Kostümfundi mussten aussortiert werden, aus den ehemaligen Schatzkammern renommierter Theater wurden Rumpelkammern. Doch vieles war zu schade für die Mülltonne. So gaben Wolf und seine Freunde den alten Kostümen eine neue Heimat. Aus Liebe zum Detail. Sie hatten keine Ahnung, was sie mit den vielen Klamotten anfangen sollten, doch dann wurde Berlin zum europäischen Partyhotspot. »Da wurde hier 365 Tage im Jahr gefeiert«. Und Kostüme waren da immer gefragt.

Es gibt keine Nationalität, die Wolfs Geschäft noch nicht besucht hätte, am ungewöhnlichsten fand er Tasmanien. In der Blücherstraße gibt es Klamotten für Partys, Festivals und Themen-Hochzeiten, aber auch Mitarbeiter aus der Film- und Musikszene finden den Weg ins Wildberlin. Schüler verschlägt es in Zeiten der Motto-woche in Wolfs Laden und zur Zeit der Silvesterpartys, Halloweenfeten und Weihnachtsfeiern klingelt den ganzen Tag das Telefon. Am beliebtesten sind derzeit Outfits der zwanziger Jahre.

Hinter einer Glastür zwischen zwei großen Schaufenstern stehen zwei Sessel und ein Tisch, an dem Wolf mit seinen Kunden Platz nimmt. Seine Kundschaft ist eine bunte Mischung. Es sind Alte und Junge, obwohl sich hier alle ein bisschen wie kleine Kinder fühlen, wenn sie in das Piratenkostüm oder in die Napoleonuniform schlüpfen. Es sind Dicke und Dünne darunter, manche sind so dick, dass sie nicht mehr in den Stuhl passen. Andere berühren mit ihren Füßen kaum den Boden. Aber Jacken, Hosen, Hemden hat Wolf in allen Größen, da findet sich immer etwas Passendes.

Im hinteren Teil des Raumes sind die Kleiderstangen voll mit glitzernden Outfits, dicht an dicht hängen hier schrill-bunte Kostüme neben strahlend weißen Brautkleidern. Das eigentliche Lager aber befindet sich hinter einem Vorhang einige Treppenstufen abwärts. Hinter dem silbernen Stoff verbirgt sich die mit körpergroßen Spiegeln ausgestattete Anprobe und ein langgestreckter Raum, der von oben bis unten mit Kleiderstangen gefüllt ist. Selbst von der Decke baumeln vollgehängte Kleiderbügel, jeder Zentimeter wird genutzt, selbst auf den Heizungsrohren unter der Decke liegen noch Hüte, Käppis, Masken. Von den Wänden hängen Gürtel oder Ketten, überall, in jeder noch so dunklen Ecke, glitzert es. Für viele hat der Keller etwas Märchenhaftes, doch Wolf sieht die Angelegenheit nüchterner: »Fünfzig Prozent meines Tagesablaufs bestehen aus Sortieren und Reinigen.«

In der Ecke für die Leute vom Film hängen die verschiedensten Outfits, manchmal gleich zehn identische Kostüme hintereinander in den verschiedensten Größen. »Für Film braucht man Volumen.«, sagt Wolf. Also gibt es Safarikleidung, Securityuniformen und Krankenschwesterkittel oder die originalen DDR-Parka in allen Größen. Auch Schuhe für extrem kleine wie große Füße muss Wolf für die Filmleute bereithalten.

Und immer wieder klingelt das Telefon. Wenn fünfzig Prozent der Arbeit aus Putzen und Aufräumen bestehen, dann bestehen die anderen fünfzig Prozent aus Telefonieren. Grundsätzlich unterscheidet der Kostümverleiher die Telefonkundschaft in zwei Fraktionen. Die, die mit »Wir brauchen ...! « beginnen, und die, die mit »Haben Sie nicht vielleicht … ?« anfangen. Erstere sind auf jeden Fall die spannenderen. Oft sind es alte Bekannte, Wiederholungstäter, und Wolfs Mitarbeiter machen sich dann einen Spaß daraus zu raten, wer gerade am anderen Ende der Leitung ist und was er diesmal wieder für einen ausgefallenen Fummel haben will. Manchmal rufen die schon aus New York an, um zu fragen: »Wir sind morgen früh in Tegel, können wir dann direkt vorbeikommen?«

Neben den Requisiteuren kommen auch die Stylisten und die Kostümbildner oder die Kostümbildnerinnen in die Blücherstraße. Manchmal tauchen sogar die Damen oder Herren Regisseure hier auf, um mit Wolf am Tisch zu sitzen und ein bisschen über das Theater oder die Kundschaft oder das Leben zu plaudern. Oder über Mode. Manchmal fragt einer, welches denn das verrückteste Kostüm gewesen sei, das er verliehen habe. Dann hebt Wolf nur kurz die Schultern, zieht an seiner Zigarette und sagt: »Was ist denn schon verrückt?« - und wirft einen kurzen Blick in den Spiegel: Er trägt heute die weißen Haare zum Zopf gebunden, dazu seine schwarzen Augenbrauen, eine graue Weste, eine kurze Hose und Lederschlapfen. So weht ein Hauch Karl Lagerfeld durch die Blücherstraße. •





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